Kiepe voller Kapriolen

In der Kiepe voller Kapriolen finden sich wahre Erlebnisse, ausgeschmückt und fein dekoriert - eine Art Blog, so unregelmäßig wie das Leben eben Kapriolen schlägt.

Viel Vergnügen beim Lesen!

Inhaltsverzeichnis

17.07.2019
14.07.2019
03.07.2019
28.06.2019
19.06.2019
14.06.2019






17. Juli 2019
Von Freundlichkeit und Schönheit

Manno, jetzt werde ich schon gezwungen, Geschichten gegen meinen Willen aufzuschreiben.
Ich muss mal kurz überlegen, wie ich diese formuliere, um dabei nicht allzu schlecht wegzukommen. Ich könnte das Ende vorwegnehmen. Es war auch das Ende, das Ende eines langen Arbeitstages, und der Kunde um den es geht war der Letzte. Also wirklich, der Letzte! Auch könnte ich verraten, dass die Geschichte insofern ein Happy End hatte, als dass meine Kollegin Sümi und ich zum Schluss kaum mehr aufhören konnten zu lachen.
Aber nun doch von Anfang an. Jener bereits erwähnte Kunde hatte irgendwie Redebedarf und schien die Gesellschaft meiner Kollegin zu genießen, eine Minute vor sechs genauso wie sieben Minuten nach sechs. Längst waren alle Fachfragen geklärt, da zückte er noch eben mal sein Handy - offensichtlich in Unkenntnis der korrekten Bedienung. Meine Kollegin nahm das Telefon zur Hand, schielte dabei unauffällig zur Uhr, lächelte ein bezauberndes Lächeln und gab es dem Kunden mit formvollendeter Charmeoffensive zurück. Er konnte vor Begeisterung kaum mehr an sich halten, ob er noch etwas sagen dürfe, fragte er. Hätten wir die Chance gehabt, hätten wir angesichts der Paketberge, die im hinteren Bereich noch auf uns warteteten, beide lauthals NEIN geschrieen. Aber der Glückbeseelte wartete keine Antwort ab, sondern flötete meiner Kollegin mitten ins Gesicht.
"Sie sind sehr freundlich. Und sehr hübsch."
Während sie sich artig für das Kompliment bedankte, wanderte sein Blick zu mir.
Ich wartete.
"Sie, Sie sind auch sehr freundlich", stotterte er eifrig. Aber dann entstand eine Pause, die trotz ihrer Winzigkeit zu groß war. Ja, der geneigte Leser weiß um meine dicken Nölpferdbeine, meine Schlupflider und mein widerspenstiges Haar. Und wer Sümi kennt, muss neidlos anerkennen, dass ihre Gesichtszüge wie modelliert anmuten.
Freundlich! Noch nie im Leben klang ein Kompliment für mich wie eine Beleidigung. Ja, ich bin freundlich. Und? Und was noch? Ich wartete und starrte den Kunden an. Er kam schließlich noch drauf.
"Und Sie sind... sind auch sehr hübsch", beeilte er sich zu versichern und verließ fluchtartig unsere heiligen Hallen.
Wie gesagt, wir konnten uns zwar den Rest des Abends vor Lachen kaum halten. Trotzdem. Ein klitzekleiner Stachel bleibt, auch deswegen, weil Sümi darauf bestand, dass ich die Geschichte aufschreibe.


14. Juli 2019
Das Nölpferd und ich

Ich kannte es nicht.

Mag sein, dass es vielen Menschen vor mir schon über den Weg getrampelt war. Ich hatte das Nölpferd noch nie im Leben gesehen. An diesem Samstag jedoch, stampfte es mir vors Auto. Grummelnd, schnaufend, mit hängenden Lidern, fettem Hintern, kurzen, dicken Beinen und wütend aufgeblähten Nüstern klebte es am Heck des Autos vor mir. Es kam mir vor, als schaute ich in einen Spiegel. So wenig bezaubernd wie der Anblick war, konnte ich dennoch nicht aufhören, Freudentränen zu vergießen.
Mein Ebenbild! Mein Blutsbruder! Mein Nölpferd-Seelenverwandter! Was fühlte ich verbunden mich diesem Geschöpf, das so augenscheinlich mit der ganzen Welt haderte.
Warum war mir dieses Nölpferd noch nie begegnet? Wo hatte es sich versteckt, all die Jahre in denen ich mit meinem Schicksal im Clinch gelegen hatte? Uns verbindet so viel mehr als Äußerlichkeiten. Wir planschen gleichermaßen im Trübwasser, fressen Pflanzen, lieben unseren Nachwuchs und reißen manchmal unser großes Maul auf. Auf ausgetretenen Pfaden stampfen wir durchs Leben. Immer auf der Hut vor Löwen und Krokodilen. Na gut, Löwen bei mir weniger. Krokodile auch eher selten. Aber trotzdem!
Nölpferde sind übrigens genau wie Nilpferde mit Walen verwandt. Wer wünscht sich nicht, einmal den Gesang von Walen zu hören. Hat schon jemals jemand ein Hippo singen hören? Hat schon jemals jemand gesagt, ich, Karen, solle mal ein Liedchen singen? Hat schon mal jemand von der Eleganz eines Nölpferdes gesprochen? Oder von meiner?
Ich erzähle meiner Schwester von meiner Begegnung mit dem Nölpferd. Sie lacht Tränen. Die Blöde. Sie nimmt mich sowieso nie ernst. Faselt immer was von Selbstwahrnehmung und Fremdwahrnehmung. Sie hat ja auch gut lachen mit ihren langen, schlanken Beinen und den nicht vorhandenen Schlupflidern.

Nöl!


3. Juli 2019
Frau Gärtner

Ach, ich hab es ja leider nicht so mit Namen und Gesichtern. In mir breitet sich stets Unbehagen aus, wenn Kunden auf mich zukommen und eine Begrüßung flöten, die mich vermuten lässt, wir seien uns schon mal begegnet. Aber manche Kunden kenne ich inzwischen ganz gut. So wie Frau Gärtner.
Frau Gärtner ist nett. Und empathisch. Sie hat schon mal mitleidsvolle Worte gefunden, als ich mich mit allzu kaputtem Rücken zur Arbeit gequält hatte und mich kaum rühren konnte. Ihr Mitgefühl hat meine Bandscheiben gleich ein wenig aufgebaut. So etwas vergesse ich nicht. Frau Gärtner ist vielleicht zehn, fünfzehn Jahre älter als ich, einssiebzig groß, hat ein schmales Gesicht und eine goldrandige Brille. Sie trägt einen kieselgrauen Kurzhaarschnitt, sehr gepflegt und dennoch ein wenig strubbelig.
Als sie heute vor mir stand, fiel mir sofort ihr symmetrisch geordnetes Haupthaar auf.
"Oh", sage ich fröhlich freundlich, "kommen Sie gerade vom Friseur?"
Frau Gärtner strahlt, wie ich sie noch nie hab strahlen sehen, und verlegen streift ihre rechte Hand die Peripherie ihrer Haarpracht.
"Nein", sagt sie, "das mache ich immer selbst."
"Wirklich?", staune ich. "Das hätte ich nicht gedacht." Genauso ehrfürchig wie irritiert betrachte ich die tolle Elvisrolle über der Stirn, man ahnt noch den Lockenwickler, der sie in Form gebracht hat. Der Rest des Haares wogt in Nordseewellen. Nur die Farbe ist wie gewohnt, kieselgrau.
"Ich rolle sie immer mit der Rundbürste auf, das geht ganz fix", sagt Frau Gärtner stolz. Gerade als ich sie mir toupierenderweise im Morgensonnenlicht vor ihrem Badezimmerspiegel vorstellen will, drängelt sich der nächste Kunde ins Feld. Frau Gärtner verabschiedet sich überaus fröhlich und ich erfreue mich an der Erkenntnis, dass Komplimente die Welt verändern können.
Eine halbe Stunde später geht die Tür auf und als erstes fällt mein Blick auf einen kieselgrauen Kurzhaarschnitt, sehr gepflegt und dennoch ein wenig strubbelig. Frau Gärtner.
Ich erwähnte ja schon, dass ich es leider nicht so mit Namen und Gesichtern habe.
Ob Frau Gärtner wohl diese fremde Frau kennt, die so fix mit der Rundbürste ist?


28. Juni 2019
Ich brauche keinen Erdbohrer

Hallo Google, ich bin's. Ich habe eine wichtige Information für dich: Ich brauche keinen Erdbohrer.
Google, du hast ein Problem. Dein Geschäftsmodell hakt.
Ich verstehe dich. Du hast Kunden, die dich gut bezahlen und deren Produkte du an Frau und Mann bringen willst. Ich verstehe dich gut. Aber du, Google, verstehst mich nicht. Okay, es mag da noch den ein oder anderen geben, der mich auch nicht versteht, aber das tut hier nicht zur Sache. Du kennst mich und viele andere gar nicht so gut, wie du meinst. Du weißt rein gar nichts von unseren Wünschen und Sehnsüchten. Du bist nicht achtsam genug, interpretierst vollkommen falsch.
Ich will versuchen, es dir an dem Erdbohrer-Beispiel zu erklären: Ich brauche keinen! Siehst du, schon legst du staunend die Stirn in Falten. Grad noch hast du mir den ZI-ELB70 inklusive drei Bohrern in 100/150 und 200 Millimetern empfohlen, luftgekühlter 1-Zylinder-2-Takt-Motor, mit beeindruckenden 2,2 PS. Es lässt mich kalt, das gute Stück. Mit 27 Prozent Rabatt für acht verschiedene Erdbohrer kommst du daher und ich beiße noch immer nicht an. Auch den VOSS.farming mit seinen sieben Zentimetern Durchmesser will ich nicht, obwohl er sich hervorragend zum Bohren von Weidepfahllöchern eignen soll.
Ich kann deine erbosten Gedanken lesen. "Warum hat mich die dumme Kuh mit der Suche nach Erdbohrern belästigt, wenn sie gar keinen haben will?"
Der Grund ist simpel. Manchmal erlebe ich komische Sachen und manchmal schreibe ich sie auf. So wie neulich, als es auf der Landstraße nur im Schneckentempo voranging. Bauarbeiten rechts und links am Straßenrand. Ein Erdbohrer steckte im Gras, hatte sich anscheinend kurz zuvor durchs trockene, dunkle Erdreich gezwirbelt. Ein muskelbepackter Arbeiter hievte einen Leitpfosten in das schlanke, tiefe Loch. Ich kniff noch die Augen zusammen, als der Mann zum Vorschlaghammer griff und ausholte, aber es war zu spät. Der Hammer sauste auf den Leitpfostenkopf, der in sofort in tausend Teile zersplitterte und Plastiknanopartikel ins Universum schleuderte. Der Muckimensch guckte ganz bedröppelt und obwohl ich mich schämte, musste ich grinsen. Schließlich lachten wir uns beide durch mein geöffnetes Beifahrerfenster lauthals zu.
Eine kleine, feine Geschichte, die es mir wert war, sie aufzuschreiben. Also legte ich los, musste ja nicht viel recherchieren, wollte lediglich sichergehen, dass Erdbohrer auch tatsächlich Erdbohrer hießen.
Hätte ich nur gleich im Duden nachgeschlagen. Nun muss ich damit leben, dass du, Google, vermutlich vermutest, ich wolle ein Loch bis Australien bohren.


19. Juni 2019
Im Zauber des Augenblicks

Wo sonst begegnet man Menschen, die irgendwie nicht von dieser Welt zu sein scheinen, wenn nicht am Postschalter? Dem ein oder anderen mag der Vorgang der Paketausgabe profan erscheinen. In Wahrheit offenbart er Begegnungen mit Menschen, die anderen ein Leben lang vorenthalten bleiben. Die anmutige junge Frau, die gestern in die Filiale schwebte, sich klaglos in die Schlange einreihte, strahlte eine beneidenswerte Besonnenheit aus. Ihre transzendente Erscheinung rührte mich. Sie legte mir ihre gelbe Abholkarte auf den Schalter und lächelte so unbefangen, wie eigentlich nur lächeln kann, wer nicht gerade minutenlang zwischen schwitzenden, schimpfenden, schlurfenden Mitmenschen und krakeelenden Kleinkindern im Schneckentempo über das Linoleum gekrochen war. Ich lächelte zurück. Mit deutlich geringerer transzendenter Aura vermutlich. Dennoch höflich!
"Ich brauche Ihren Ausweis", bat ich.
Sie stellte ihre Handtasche auf die Ablage, holte ein Portmonnaie heraus und legte es auf den Schalter. Dann nahm sie noch eine Wasserflasche aus der Tasche und stellte sie genau daneben.
Ich wartete geduldig. Besonnenheit ist ansteckend, merkte ich, wiederholte dennoch meine Bitte. Sie lächelte milde. Statt ihr Portmonnaie zu öffnen, drehte sie umsichtig den Verschluss ihrer Flasche auf und trank einen Schluck.
Ich wunderte mich über mich selbst, war aber keineswegs ungehalten, als ich meine Bitte, einen Blick auf ihren Ausweis werfen zu dürfen, ein drittes Mal vortrug.
"Ja", hauchte sie, "ich wollte nur erst einen Schluck trinken." Dann nahm sie ganz bedächtig einen zweiten Schluck und einen dritten, bevor sie ihren Ausweis zückte und ich ihr Paket holen konnte. Dankend nahm sie es entgegen, unterschrieb die Quittung, packte ihre Siebensachen wieder zusammen und verließ die Filiale so wie sie gekommen war, schwebend, ein paar Zentimeter über dem Boden. Für einen kleinen Moment noch war die Filiale erfüllt von gleißendem Licht, Frieden und Liebe für die Welt.
Dann kreischte wieder ein Kind. Jemand schrie, ob es nicht endlich mal weiterginge, ein anderer mokierte sich lautstark, dass der Kontoauszugsdrucker natürlich wieder defekt sei und ein weiterer wurde von der Meute der Ungeduldigen, Gejagten und Gehetzten barsch gemaßregelt, für seinen Versuch, sich vorzudrängeln.
Der Zauber war verflogen.


14. April 2019
Nackte Tatsachen

Eine fremde Sprache zu lernen ist keine einfache Sache, das weiß ich. Wenn ich einen türkischen Kunden mit "günaydin" begrüße, dann hoffe ich, dass er höchstens gleiches sagt und dann ins Deutsche wechselt. Wenn ich freundlich "qué tal" oder "come stai" gefragt werde, geht es mir immer "muy bien" und "bene", zu mehr reicht es nicht. Meine syrischen Nachbarkinder lachen mich aus, weil ich nicht einmal "marhabaan" richtig aussprechen kann, "du musst das r mehr rollen". Ich übe. So wie ich es beim englischen "th" gemacht habe, das kann ich.
Nichtmuttersprachler finden Deutsch schwierig. Deswegen finde ich es bewundernswert, wie die vielen Menschen, die aus anderen Ländern kommen, tapfer unsere Sprache lernen. Aber sie müssen sich auch Mühe geben, finde ich. Bei der Aussprache. Dann passieren solche Dinge auch nicht, wie neulich.
Da kam dieser gebürtige Ghanaer zu mir an den Schalter. Er wollte im Reisebüro mit seiner Bankkarte zahlen und es hatte nicht funktioniet. Das verstand ich. Er war ziemlich aufgebracht. Er hatte lange gespart, damit seine Kinder in Afrika Urlaub machen konnten. Das verstand ich auch. Nun wollte er das Geld bar abheben, ein Vorgang der ein klein wenig Zeit in Anspruch nahm. Das verstand er nicht, hatte aber nichts mit der Sprache zu tun, sondern mit seinem (und meinem) mangelnden Verständnis für meinen schneckigen Computer. Er schimpfte derweil zornig vor sich hin. Auf deutsch. Ich verstand jedes Wort. Er wollte endlich sein Geld. Ja, doch! Er hatte dafür gearbeitet. Das wusste ich, deshalb beeilte ich mich auch. Ich finde es toll, wenn Ausländer hier richtig Fuß fassen, arbeiten, Steuern zahlen und für ihren Urlaub sparen. Er war müde. Das glaubte ich gern. Ich bin auch immer müde nach Schichtende. Kurz bevor ich ihm die gewünschten Scheine auszahlen konnte, donnerte er mir noch ein winziges Detail seiner Arbeit entgegen. "Ich arbeite nackt!" Ich stutzte. Meine Kollegin behauptet, ich sei in dem Moment einen Schritt zurückgewichen. Mag sein, denn ich hatte umgehend Bilder im Kopf, auf die ich hier nicht näher eingehen möchte. "Ich arbeite nackt!", wiederholte er noch einmal, diesmal etwas lauter und ich spürte wie sich meine Augenbrauen hoben und mein Mund sich staunend öffnete. Ich wollte hier keinerlei Bewertung von Tätigkeiten vornehmen, mit denen Menschen ihre Familien ernähren, ich dachte einfach nur... ich wollte... ich stellte mir vor... und überhaupt.
Meine gedankenlesende Kollegin Andrea sah breit grinsend zu mir herüber. "Nachts", raunte sie. "Er arbeitet nachts, Karen."
Dann soll er an seiner Aussprache arbeiten, verflixte Kiste!