Kiepe voller Kapriolen

In der Kiepe voller Kapriolen finden sich wahre Erlebnisse, ausgeschmückt und fein dekoriert - eine Art Blog, so unregelmäßig wie das Leben eben Kapriolen schlägt.

Viel Vergnügen beim Lesen!

Inhaltsverzeichnis

10.12.2019
24.11.2019
08.11.2019
31.10.2019
26.10.2019
23.10.2019
17.10.2019
16.10.2019
07.10.2019
24.09.2019
31.08.2019
20.08.2019
14.08.2019
09.08.2019
17.07.2019
14.07.2019
03.07.2019
28.06.2019
19.06.2019
19.04.2019
14.04.2019
07.08.2018
19.07.2018
06.12.2017






10. Dezember 2019
Das Blauhemd

Meine seltenen freien Vormittage sind schuld. Immer sind sie vollgestopft mit all diesen Dingen, die auf meiner endlosen To-Do-Liste stehen. Nie, aber auch wirklich nie, wird diese Liste kleiner. Und immer, aber auch wirklich immer, hetze ich an diesen Tagen zur Arbeit, komme selten eine Minute zu früh. Bin außer Atem, obwohl ich mit dem Auto fahre. Die letzten Meter, vom Parkplatz zur Filialtür spurte ich. Klug wäre es, wenn ich mich erstmal einen kleinen Moment sammeln, vielleicht in Ruhe einen Kaffee trinken würde, bevor ich mich ins Gewühl stürzte. Nur gibt es bei uns keine Ruhe, und hätte ich noch Zeit zum Sammeln, würde ich zuhause meine Rezepte oder meine Briefmarken sortieren.
Nee, nee, ist schon ganz gut so, wie ich das mache. Außerdem, das was mir gestern passiert ist, hatte auch gar nichts mit Unaufmerksamkeit oder Stress zu tun, sondern mit blauen Hemden. Ich bin ja sowieso keine Freundin unserer blauen Polyester-Dienstkleidung.
Gestern eile ich also in meine Filiale, als erstes ins Büro meiner Kollegin, um ihr einen guten Tag zu wünschen. Da steht dieser blauhemdige Mann neben ihr am Fenster, lässig wie ein Cowboy. Ein joviales Lächeln umspielt seine Lippen, als er mich sieht. Einen neuen Kollegen erwarten wir nicht, also wohl schon wieder ein neuer Chef. Ich wundere mich. Na ja, warten wir's mal ab. Ich reiche dem Neuen die Hand. Er zögert etwas, bevor er mir seine gibt. Chefallüren!
"Karen", sage ich und füge schnell noch meinen Nachnamen hinzu, nicht erst als ich den verwunderten Blick meiner Kollegin sehe. Das Blauhemd schweigt. Ich bin empört. Ist es nicht eine Frage des Anstands, dass jeder seinen Namen nennt, wenn man sich vorstellt? Trotz meiner guten Erziehung agiere ich etwas ungehalten.
"Kennen wir uns?", gifte ich den Mann im blauen Hemd an. Er antwortet nicht, beginnt stattdessen breit zu grinsen. Von wegen Chefallüren. Bei ihm ist einfach der Groschen gefallen, der bei mir noch in irgendwelchen Gehirngängen klemmt.
"Ich bin ein Kunde", klärt er mich auf und lacht laut, während meine Kollegin peinlich berührt den Kopf schüttelt.
Ich drehe mich um und verlasse mit hochrotem Kopf das Büro.
Manno! Seit wann dürfen Kunden eigentlich ohne ausdrückliche Erlaubnis blaue Hemden tragen, wenn sie in unseren Büros herumlungern wollen? Da sind Missverständnisse doch wirklich vorprogrammiert.


24. November 2019
Die coole Socke

Straßenkünstler - das sind nicht zwangsläufig Pflastermaler oder Musikanten, Clowns und Jongleure. Im Sinne von "Kunst kommt von Können" sind es für mich manchmal einfach Verkehrsteilnehmer, die beherrschen, was sie tun.
Ich begegne diesen Menschen häufig, wenn ich die Straße zu meinem Arbeitsplatz überquere. Da ja immer noch dieses unbedarfte Dorfkind in mir schlummert, steigt mein Blutdruck jeden Tag, den ich diese hochfrequentierte Straße überqueren muss. Da können meine Arbeitskollegen noch so aufmunternd winken, wenn mir die Sache mulmig ist, gehe ich den gefühlt kilometerlangen Umweg zur nächsten Verkehrsinsel, um eine größere Chance zu haben, heil ans andere Ufer zu kommen.
Wie sehr bewundere ich diese LKW-Fahrer, die mit ihrem Lastzug zackig links abbiegen, sich in gerade Position bringen, nur um dann ohne mit der Wimper zu zucken rückwärts und schnurgerade die von mir so gefürchtete Straße überqueren, um in die Lieferzone des benachbarten Supermarktes zu gelangen. Manchmal strecken die Fahrer ihre Köpfe aus dem Fenster und lenken mit einer Hand, während die halbaufgerauchte Zigarette lässig im Mundwinkel hängt. Was für Haudegen. Niemand wagt es, sich mit denen anzulegen. Kein ungeduldiges Hupen ist zu hören, weder von vorn, noch von hinten. Wer so fahren kann, darf sich mit Recht "king of the road" nennen. Ein Künstler, ein Fahrkünstler eben.
Eine Fahrkünstlerin war auch jene junge Frau, die in aller dunkler Früh mit ihrem unbeleuchteten Fahrrad aus der Seitenstraße schoss. Sie drängelte sich an den, ordnungsgemäß Vorfahrt gewährenden Autos vorbei, nahm die winzigste Lücke zwischen den Fahrzeugen in der von mir beschriebenen Straße und fegte wie der Blitz in wildem Zickzack über die Straße, fuhr Slalom über den Fußweg und ward nicht mehr gesehen. Ehrlich gesagt, war sie eher eine Überlebenskünstlerin, die ihren weiterhin pulsierenden Puls den rennpferdschnellen Reaktionen ihrer Mitverkehrsteilnehmer zu verdanken hatte. Und meine Bewunderung für sie hielt sich nicht in Grenzen, sie war schlichtweg nicht vorhanden.
Den Vogel schoss ohnehin die alte Frau ab, die ihren Rollator auf dem Gehweg schob. Die rechte Hand am rechten Griff, den linken Ellbogen am anderen machte sie mit ihrem deformierten, buckeligen Körper einen unglaublich gebrechlichen Eindruck. Das empfanden offensichtlich alle anderen genauso wie ich. Gemeinsam gaben wir größte Obacht und warteten mit Abstand, um der Frau freies Geleit zu gewähren. Auch die Autos, die abbiegen wollten, hielten sich zurück, weil die alte Dame ihren Rollator halb auf dem Bürgersteig, halb auf der Fahrbahn manövrierte. Die Rechtskurve, die sie einschlagen wollte, gelang ihr nicht auf Anhieb, so dass auch den Radfahrern auf dem Radweg Einhalt geboten wurde. Als die Alte endlich in sicheren Gefilden war, kam langsam wieder Bewegung in den gerade noch verstummten Verkehr. Auch ich setzte meine Fahrt fort, langsam und umsichtig, mit achtsamem Blick auf die Rollator Schiebende. Als ich näherkam, glaubte ich meinen Augen nicht zu trauen. Plötzlich erkannte ich nämlich, woher diese seltsam anmutende Körperhaltung der Frau tatsächlich kam. Vermutete ich doch gerade noch, sie litte unter einer äußerst schmerzhaften Körperdeformation, konnte ich nun ganz genau erkennen, warum sie ihren Gehwagen so unkontrolliert durch die Gegend schob und warum sie links den Ellbogen statt der Hand am Griff hatte. Sie war hochkonzentriert - nur leider nicht auf den Verkehr, sondern auf ein Telefongespräch. Sie hielt sich nämlich mit aller Selbstverständlichkeit und Seelenruhe ein Handy ans Ohr. Die alte Socke machte es den Teenies nach und den Wichtigtuern. Und wir waren alle drauf reingefallen, auf ihr Tarnen, Täuschen, Tricksen. Das hätte kein Zauberkünstler der Welt besser hinbekommen. Mir blieb nur fassungsloses Kopfschütteln. Diese coole Socke, die.


8. November 2019
Platz da

Da erzählt mir doch jüngst mein Papa, wie irritiert er war, als im Bus jemand aufstand, um ihm einen Sitzplatz anzubieten, gerade so als wäre er ein alter Mann. Er war buchstäblich entgeistert. Das freundliche Angebot kam für ihn einer Beleidigung doch schon sehr nahe.
"Also ehrlich, das ist wirklich noch nicht lange her", formulierte er schwammig und echauffierte sich noch beim Erzählen. Na ja, seinen Stock habe er vielleicht schon gehabt, einen Rollator keinesfalls. Ich schüttelte nur meinen Kopf und kicherte still in mich hinein. Da will wohl jemand nicht zugeben, dass er älter wird. Mein Vater ist einundneunzig.
Seit heute sehe ich das alles mit ganz anderen Augen.
Manche Menschen sind einfach unverschämt.
Mitten in der Woche zu später Stunde streife ich über die Limmerstraße. Das sagt doch wohl schon einiges über mich aus. Limmern ist nämlich etwas für die Jungen und Junggebliebenen, das weiß doch jedes Kind. Dabei spielt es auch nur eine untergeordnete Rolle, dass ich grad noch in netter Gesellschaft ganz zivilisiert an einem Tisch in einem Restaurant eine Pizza gegessen habe, und nicht mit einer Bierflasche in der Hand über Straßenbahnschienen flaniert bin. Immerhin schlendere ich ja noch zur Bushaltestelle, das kommt dem originalen Limmern schon sehr nahe. Fröhlich und gut gelaunt hüpfe ich also in den ziemlich vollen Bus, der mich heile heimbringen soll. Noch ganz frohen Mutes von dem gelungenen Abend, suche ich mir eine Haltestange und mache es mir auf meinem Standplatz gemütlich. Und dann passiert es.
Ein bärtiger Mann, schwarze, nach hinten gegelte Haare, dunkler Teint und dunkle Augen, springt von seinem Sitz auf und bietet mir einen Platz an. Ja, geht's noch? Was soll das denn? Sehe ich aus, als klappte ich gleich zusammen, eine alte Omi ohne Krückstock? Bleib gefälligst sitzen, du Schleimer. Hast du nicht gesehen, wo ich eingestiegen bin? Limmerstraße! Ich fass es nicht.
"Danke", sage ich kurz angebunden, und bemühe mich nicht wirklich um Freundlichkeit. Dann beharrt der auch noch auf seinem Angebot. Am liebsten würde ich ihm jetzt gegens Schienbein treten.
"Danke", sage ich noch einmal, diesmal etwas energischer. "Ich sitze den ganzen Tag." Was für eine bekloppte Lüge. Ich stehe den ganzen Tag und trage deswegen in meinem jugendlichen Limmerstraßenalter Stützstrümpfe. Aber das muss ich ja nicht zwingend so einem Linienbuspassagierflegel auf die Nase binden. Endlich kapiert er es und setzt sich wieder. Ich freue mich, bin mit der Welt wieder im Reinen. Kurz darauf bremst der Bus plötzlich ab und für einem Moment habe ich das Gefühl, meine linke Kniescheibe macht sich auf den Weg in meine Kniekehle. Und in der nächsten Kurve meldet sich erst meine Hüfte und gleich danach kommt es mir so vor, als kugele gerade meine Schulter aus. Dann kommt auch schon meine Haltestelle - aber natürlich hätte ich noch hundert Kilometer stehend weiterfahren können. Ich steige betont lässig aus dem Bus und verabschiede mich flapsig von dem Bärtigen. Der nickt zwar freundlich, aber ich sehe genau, wie er mit den Augen rollt. Mir doch egal, was der denkt.
Ich denke derweil an Papa und daran, dass ich ihm auf keinem Fall erzählen werde, was mir gerade widerfahren ist. Vielleicht erzähle ich es mal meinen Enkeln, wenn ich einundneunzig bin. Ich kann dann ja genauso schwammig formulieren "das ist wirklich noch nicht lange her". Geht ja niemanden etwas an, dass es das Jahr 2019 war, als ich für einen kurzen Moment das Gefühl hatte, jemand hielte mich für eine alte Frau.


31. Oktober 2019
Ordnungssinn an Halloween

Gruselfilme mag ich nicht, Schreckgespenster auch nicht und Halloween erst recht nicht. Aber ich mag Kinder. Und wenn Kinder sich gern verkleiden als Cowboys, Prinzessinnen oder meinetwegen auch als Monster, dann soll's halt so sein. Dann mache ich den Spaß mit und kaufe Mars und Milky Way ein. Außerdem wohne ich im dritten Stock, wer weiß, wie viele gruselige Gestalten sich bis zu mir nach oben trauen. Bestimmt bleibt etwas Schokoladiges für mich übrig. Zunächst einmal muss ich allerdings achtgeben, dass etwas für die Kinder übrigbleibt. Vermutlich ist es meinem Ordnungssinn geschuldet, aber wenn ich erstmal eine Tüte öffne, dann sorge ich auch dafür, dass sie geleert wird und in den Müll wandert. Es hat mich einiges an Überwindung gekostet, aber als zum ersten Mal die Klingel klingelt, sind noch alle Tüten zu. Ich drücke auf den Summer, reiße die Tüten auf und kippe den Inhalt auf einen Teller, und freue mich auf den Anblick kleiner lustiger Gestalten. Drei Jungs kommen die Treppe hochgeschnauft, einer mit Mütze, alle mit Jeans, Jacken und abgewetzten Turnschuhen.
"Süßes oder Saures", grummelt es dreistimmig und ein wenig gelangweilt.
"Was?", sage ich und schaue die Kinder, kurz vorm Teen-Age, schmollend an. "Ihr seid nicht einmal verkleidet."
Der Junge mit der Mütze zieht sich jene vom Kopf und hält sie sich vors Gesicht und aus dem Grummeln wird ein Brummeln. "Doch, jetzt schon."
Ich bin kein Spielverderber und rücke ein paar Süßigkeiten raus. Es dauert nicht lange und es klingelt wieder. Schritte auf der Treppe. Fröhliches Stimmengewirr im Haus. Jetzt aber! Ich warte auf Prinzessinnen, Ritter und Gespenster. Ich warte vergeblich. Die Beutel werden im Erdgeschoss gefüllt, in der zweiten Etage aufgefüllt, aber für weitere Stufen reicht die Kraft wohl nicht. Ich fürchte schon, ich werde mich allein über die Schokoriegel hermachen müssen. Doch es klingelt schon wieder. Endlich mal ein paar Verkleidungen, ich freue mich.
"Süßes oder Saures", schallt es mir hoffnungsvoll entgegen. Ich stelle mich in den Türrahmen, lege nachdenklich einen Finger an den Mund und warte einen Moment.
"Dann nehme ich Süßes", entscheide ich mich und blicke in eine Reihe fassungsloser Gesichter. Schließlich öffnet eines der Mädchen seinen Beutel und greift hinein.
Der geneigte Leser möge sich beruhigen. Ich kläre den Spaß schnell auf und reiche den Teller mit der Schokolade herum. Die Mädchenaugen leuchten und ich mache ganz schnell noch eine kleine Studie. Während nämlich ein Teil der Mädchen ganz bescheiden einen Schokoriegel vom Teller nimmt, gibt es andere, die nehmen, was eine Hand so greifen kann.
Ich tue mich mit der Meinungsfindung über das Verhalten der Kinder schwer. Zwar verabscheue ich Gier und lobe mir Bescheidenheit. Anderseits ist der Halloween-Drop für dieses Jahr gleich gelutscht und mein Süßigkeitenteller längst noch nicht leer. Ich sprach meinen Ordnungssinn ja bereits an. Also werde ich mich wieder opfern, und meine Hüften müssen sich in Kürze mit einer Menge Kalorien herumschlagen. Was soll's. Bescheidenheit ist zwar eine Zier, zierliche Hüften hingegen sind sowieso langweilig.


26. Oktober 2019
Der Tisch

Ach ja, der Tisch. Wir haben schon eine Menge miteinander erlebt. Kein Wunder, er ist ja auch schon über dreißig Jahre alt. Angefangen hat alles damals bei Ikea. Ein Ausziehtisch sollte es sein, ein rechteckiger, einer an dem ich mit den Kindern Gesellschaftsspiele spielen konnte. Die ganze Familie sollte sich daransetzen können und Freunde auch. Eine lange Reihe Torten musste darauf Platz haben, und Uromas selbstgenähte Tischdecken sollten auch endlich zum Einsatz kommen.
Das perfekte Exemplar war schnell gefunden, damals, als ich mit den Kindern - klein wie sie waren - durch die Lagerregale bei Ikea schlenderte. Oh, das war schon ein Unterfangen, das Riesenpaket mit dem Tisch bis auf den Parkplatz zu karren. Ich klappte die Rückbank meines VW Fox' um, schob eigenhändig das Monsterpaket ins Auto und zurrte den Kofferraumdeckel fest, der sich wegen der Größe des Paketes nicht schließen ließ. Perfekt. Fast perfekt. Denn nun stand ich mit zwei Kindern vor dem Fahrzeug und musste mir schnellstmöglich was einfallen lassen, ich konnte ja schlecht eines der Kinder auf dem Parkplatz stehen lassen. Kurzerhand schnallte ich sie gemeinsam auf dem Beifahrersitz an und wir juckelten los, über die Landstraße, versteht sich.
Es dauerte nicht lange, da nahm ich im Wageninneren komische Gerüche wahr. Was war das? Benzin? Gift? Rauch? Vorsichtshalber rollte ich auf eine Tankstelle zu, in der Hoffnung, dort auf einen kompetenten Mitarbeiter zu treffen. Nun, ich verkürze die Geschichte an dieser Stelle und verschweige die Reaktion des Mannes an der Tankstelle. Nur so viel: Es ist keine gute Idee, mit einem vermeintlich gleich explodierenden Auto auf eine Tankstelle zu fahren. Letztendlich kam der Gestank ohnehin nur von den Abgasen, die durch die offene Heckklappe ins Auto drangen. Manche Menschen können sich aber auch anstellen.
Ich glaube, der Transport hat bei keinem von uns bleibende Schäden hinterlassen. So ganz gefahrlos blieb der Umgang mit dem Tisch aber nie. Eigentlich drohte jedes Mal, wenn ich ihn ausziehen musste, ein Hexenschuss. Schließlich legte ich mich nur noch unter den Tisch, die Hände an ein Ende, die Füße ans andere und schob das Möbelstück auseinander. Aber nun, im gesetzten Alter, ist mir auch das zu anstrengend.
Als es jüngst wieder erforderlich war, den Tisch zu verlängern, bat ich meine Schwester um Hilfe. Sie eilte herbei. Es war sehr spät. Wir waren beide sehr müde, dennoch schlummerte noch die Kraft kleiner Ochsen in uns. Wir zogen so stark, mit so viel Schwung und Energie an dem Tisch, dass urplötzlich kleine Röllchen aus schiefen, schwergängigen Schienen gerieten. Der Tisch gab nach und knallte in zwei Teilen zu Boden. Wenn im selben Moment der Nachbar aus dem Bett geknallt wäre, hätte mich das nicht verwundert.
Kurz ließen uns Lärm und Schreck verstummen. Aber wir wären nicht des gleichen Blutes, hätten wir nicht umgehend die Lösung des Problems im Kopf. Nur gut, dass es weder Kameras in unseren Hirnen noch in meiner Stube gab. Es war nämlich so, dass wir den Tisch in sämtliche Positionen brachten, um den Schaden korrigieren zu können. Als beste erschien uns jene, in der meine Schwester einen Teil des Tisches hochkant festhielt, die Schienen wie hilflos ausgestreckte Arme in Richtung Zimmerdecke. Ich balancierte derweil die zweite Hälfte ziemlich wankelmütig über dem Kopf meiner Schwester. Der Versuch, auf diese Art und Weise den Röllchen den Weg zurück in die Schienen zu ebnen, hatte durchaus etwas von dem Kamel, das sich auf den Weg Richtung Nadelöhr machte. Es kam, wie es kommen musste, und weil ich diejenige war, die oben wankte, muss ich jetzt auch alle Schuld auf mich nehmen. Meine Hälfte des Tisches, Massivholz inklusive Metallschiene und widerborstiger Röllchen, landete auf dem Kopf meiner Schwester.
Das war ganz offensichtlich schmerzhaft. Es war ihr anzusehen. Dennoch muss ich an dieser Stelle festhalten, dass sie Sekunden später einen genialen Gedanken hatte. Wir legten die Tischplatten mit der Oberseite auf den Boden, richteten die Schienen aus und schoben vorsichtig die Röllchen in eben jene. Wir drehten den Tisch um, legten die Einlegeplatte ein, und die Party konnte beginnen.
Es ist also doch etwas dran, an der These, leichte Schläge auf den Hinterkopf erhöhten das Denkvermögen. Sorry, Sissi, aber genauso war es doch.
Ach ja, der Tisch. Was wir wohl noch so miteinander erleben werden?


23. Oktober 2019
Wenn der Dativ sich im Hirn breitmacht

Ich mag die deutsche Sprache. Ich mag es, wenn aus zusammengesetzten Wörtern ein Kompositum entsteht, so lang, dass eine Zeile womöglich nicht dafür ausreicht. Ich stehe zu meiner Liebe zu Adjektiven, auch wenn mich diese Begeisterung daran hindern wird, eine ernst zu nehmende Schriftstellerin zu werden. Vor Adjektiven wird in der Branche nämlich gewarnt wie andernorts vor dem Verzehr von Fliegenpilzen. Ich mag die Fälle, nicht nur die Niagarafälle, sondern auch unsere vier. Dabei liegt mir der vom Artensterben bedrohte Genitiv besonders am Herzen. Und ich kann es nicht ändern, ich neige in dieser Hinsicht ein klein wenig zur Überheblichkeit, korrigiere Menschen, die ihn meiden. Ich tue das nicht mit milder Sanftmut, sondern mit schnippisch hochgezogenem Mundwinkel. Dass das auch anders geht, hat Imke vorgemacht. Sie ist Lehrerin, ich kenne sie erst seit geraumer Zeit. Wir spielen Theater zusammen, Impro-Theater, mit großer Freude und Leidenschaft. Mit einer weiteren Spielerin stellt Imke eine Szene dar, in der es um einen Stein geht.
"Alles wegen dem Stein?", erbost sich Imkes Gegenpart und verzerrt theatralisch gekonnt das Gesicht. Imke nickt bedächtig. "Alles wegen des Steins", bestätigt sie, und ich erkenne in ihr sofort die Schwester im Geiste im gemeinsamen Kampf für den Genitiv. Vermutlich strahle ich vor Begeisterung. Als die Szene vorbei ist, sehe ich Imke glücksüberströmt an und frage sie, ob sie Deutschlehrerin sei.
"Nein", antwortet sie, "warum?"
Ja, warum. Wie komme ich wohl darauf. Ahnt sie es denn nicht, sie, meine Verbündete in der Liebe zur deutschen Grammatik? Muss ich meine Frage wirklich noch begründen? Na gut, dann tue ich es, atme tief ein und erkläre frohgemut und feierlich: "Wegen dem Genitiv."
Ich habe keine Ahnung, wie mir das rausrutschen konnte, so vollkommen unkontrolliert, wie ein Tic bei einem Menschen mit Tourette-Syndrom. Der Dativ hat Schuld, wie immer. Der sitzt hartnäckig an irgendwelchen Synapsen in meinem Hirn. Ich kann gar nichts dagegen tun. Es tut mir leid, ehrlich, lieber Genitiv. Ich halte dich trotzdem weiterhin in Ehren, werde voller Einsatz für dich kämpfen.
Ob Imke allerdings meinen Kampf ernst nimmt, kann ich nicht sagen, sie liegt Tränen lachend und prustend am Boden.


17. Oktober 2019
Extremsport und Leselust

Gibt es eigentlich wissenschaftliche Untersuchungen, ob eine extreme Erschöpfung der Beinmuskeln zu einer abnormen Einschränkung der Leselust und des Lesevermögens führen? Genau das ist nämlich heute nachmittag passiert, nachdem ich stundenlang über harte Betonflaniermeilen marschiert bin. Man kann getrost sagen, ich habe Extremsport betrieben. Doch, auch wenn dabei der ein oder andere Blick in ein Schaufenster fiel, der ein oder andere Schritt in einen Laden führte, das war schlimmster schweißtreibender Sport. Das Ganze übrigens mit einer Person, die mir vor Kurzem noch als radikaler "Bücher-sind-bäh"-Typ vertraut war.
Wir kehrten zur Entspannung in ein Cafe ein, das sich mitten in einem Buchladen befand. Also ein Teil vom Paradies auf Erden.
Und was passiert? Der vermeintlich Leseunlustige schnappt sich eine Lektüre, versinkt zwischen dicht beschriebenen Buchseiten und ist nicht mehr ansprechbar. Ich hingegen hänge in meinem Stuhl, strecke Beine und Zunge aus und schnappatme. Die Bücherwelt versprüht keinen Zauber für mich, das Paradies verwehrt mir seine Freuden.
Neben all meiner Verzweiflung hat mir dieser Nachmittag aber auch eine wichtige Erkenntnis vermittelt: Extremsport ist einfach nichts für mich.


16. Oktober 2019
The higher the better

Was macht man, wenn die Reisebegleitung eine Unterkunft im 54. Stock gebucht hat, man selbst dauernd damit angibt, dass man es "the higher the better" mag und man dann plötzlich doch Muffensausen bekommt?
Toronto - neben Hannover die schönste Stadt der Welt. Hat aber mehr und höhere Häuser als unsere Landeshauptstadt. Also hab ich eigentlich gar keine Wahl. Wie also gewöhne ich mich am besten an die Vorstellung, mich in so luftiger Höhe frei zu bewegen und nicht wahlweise vor Freude oder Respekt zu erstarren? Konfrontationstherapie soll helfen. Okay, gar nicht lange nachdenken. Es gibt ja auch noch den CN-Tower, der ist viel höher, immerhin einer der größten Türme der Welt.
Hochfahren ist kein Problem, hab ich ohnehin vorher schon mal gemacht. Macht mir nix aus. Da müssen spannendere Sachen passieren.
Der Edge Walk. Also los: 356 Meter über dem Boden spaziere ich rund um den Turm, freihändig, 150 Meter weit. Halte meine "toes over Toronto", lehne mich vor und zurück und schäme mich kein bisschen dafür, dass ich mich selbst bewundere. Na ja, ich war festgezurrt in sicherem Gurtzeug, aber das mindert ja meinen Wagemut kein bisschen. Und wenn ich jetzt ganz tief unter mich gucke, ist dort irgendwo der nahezu lächerlich hohe 54. Stock.
The higher the better, sag ich doch.


7. Oktober 2019
Da steht ein Elch

Lange Zeit dachte ich, ich würde nichts vermissen, wenn eines Tages meine Wege zur Arbeit ein Ende fänden. Weit gefehlt. Schon jetzt weiß ich, dass mir der Elch fehlen wird. Dabei kennen wir uns noch gar nicht so lange. Eines Morgens stand er plötzlich einfach so da. Inmitten der Vahrenwalder Straße graste er auf dem Grünstreifen - ein beeindruckendes Tier mit ausladenden Schaufeln. Vernachlässigt schien es zu sein, hungrig und frierend. Mich brachte er trotzdem zum Lächeln. Seit jenem Tag freue ich mich geradezu darüber, wenn der Verkehr auf der Vahrenwalder mal wieder stockt. Dann bleibt mehr Zeit für den Elch und mich, uns aufmunternde Blicke zuzuwerfen.
Als ich jüngst von dem Elch mit seinem großen Schaufelgeweih berichtete, fragte mich jemand voller Skepsis - geradeso als neigte ich zum Geschichten erzählen - ob der Elch auch Beine habe. Was für eine Frage. Beine, Beine..., dieser Elch hat Kufen, Schaukelkufen, na und? Bevor wir uns begegnet sind, hat er sicher schon vielen anderen Freude bereitet. Und nun bin ich dran. Hoffentlich werde ich noch ganz lange zur Arbeit fahren müssen. Den Anblick meines Elches würde ich nämlich sonst schmerzlich vermissen.


24. September 2019
Provisorium hält ewig

Hätte ich keine Spülmaschine, hätte ich es wohl längst von der Tellerwäscherin zur Millionärin geschafft. Ich spüle nämlich ganz gern. Aber es ist verflixt. Weil ich keine Millionärin bin, muss ich selbst arbeiten, kochen, putzen, Wäsche waschen und mich höchstpersönlich um meine Familie, meine Balkonblumen, mein Auto, mein halbes Motorrad und meine Steuererklärung kümmern. Das kostet Zeit. Und diese Zeit fehlt mir zum Teller waschen. Also habe ich eine Spülmaschine. Früher hatte meine Spülmaschine einen Namen, sie hieß Minna. Aber es gab gewisse Familienmitglieder, denen es missfiel, dass ich einem simplen Haushaltsgerät einen Namen gab. Simpel. Mitnichten! Ich vermute, Minna stand kurz davor, Millionärin zu werden, schließlich wusch sie den ganzen Tag Teller. Aber sie gab auf, bevor es dazu kommen konnte, und ihre Nachfolgerin blieb namenlos.
Vielleicht ist die genau deswegen in jüngster Zeit beleidigt und reagiert so verschlossen. Das kann allerdings auch damit zusammenhängen, dass der Türgriff abgebrochen ist. Nun spült die Maschine zwar weiterhin brav Töpfe und wäscht Teller, nur kann ich die sauberen Utensilien anschließend nicht entnehmen. Ich habe einiges versucht, die Tür zu öffnen. Diverse Kratzer an der Front der Maschine zeugen von meinen mehr oder weniger erfolglosen Versuchen.
Es dauerte eine ganze Weile, aber dann kamen mir Johan Petter Johansson und meine Schwester zu Hilfe. Johan Petter hat 1896 eine Rohrzange erfunden. Und meine Schwester besitzt so ein Werkzeug nicht nur, sie hat es mir auch geliehen. Ich betrachte das als dauerhafte Leihgabe und hoffe, sie sieht das ebenso. Eine Rohrzange ist ein großartiges Teil, selbst bei weit geöffnetem Maul stehen sich die Backen noch genau gegenüber. Und ich brauche gerade mal fünf Zentimeter Maulsperre. Einmal angeklemmt, zack ist die Tür offen.
Ein Provisorium zwar, aber ein äußerst taugliches. Und was sagt man so über Provisorien? Sie halten ewig. Und was sagt das über mich? Ich kann weiterhin Teller spülen lassen und muss wohl noch eine Weile warten, bis ich endlich Millionärin werde. Aber, und das muss an dieser Stelle auch noch gesagt werden, mit einer Rohrzange auf dem Küchentisch kann man mitunter ganz schön Eindruck schinden. Man muss ja nicht jedem auf die Nase binden, dass sie nur dazu dient, die Spülmaschinentür zu öffnen.


31. August 2019
Natur und Technik

Schon als Kind habe ich gelernt, dass es sich nicht gehört, mit nacktem Finger auf angezogene Leute zu zeigen. Das will ich auch gar nicht. Ich will nicht einmal Leute sehen. Meine Ruhe will ich, Erholung, meinen Geist schweifen lassen. Im Watt.
Watt ist, wenn nicht der Mund, sondern die Füße schmatzende Geräusche machen, wenn schwarzer Schlick zwischen den Zehen hochkriecht, der Blick bis zum Horizont wandern kann und der Himmel vergissmeinnichtblau ist. Watt ist dort, wo die Seele atmen kann.
Leider gehört mir das Watt nicht allein. Es gehört auch dieser koketten Brünetten, die sich mit regelmäßigen Schulterblicken davon überzeugt, dass ihr Gestelze zum Wasser auch die nötige Aufmerksamkeit findet. Es gehört den rüstigen Senioren, die schnellen Schrittes durch den Schlick schlittern. Den krakeelenden Kindern gehört es, die zwei Krebse entdeckt haben.
Ich ziehe weiter. Das Möwengeschrei übertönt inzwischen das Menschengeschrei. Der Boden unter meinen Füßen ist geriffelt, und vorsichtshalber schaue ich nach unten, achte darauf, wohin ich trete. Nordwestwärts geht die Reise. Ich laufe und laufe.
Gerade als mein Geist sich bereit macht, in die Ferne zu schweifen, bringt mich eine innere Stimme zum Halt. Mitten in der Weite des Weltnaturerbes Wattenmeer halte ich inne und schaue auf. Da steht er vor mir. Gar nicht weit weg von mir. In all seiner Pracht und Männlichkeit, aufgetaucht aus dem Nichts. Bei Ebbe.
Ich starre - vor Verblüffung. Unvermittelt bin ich am FKK-Strand gelandet. Zwar habe ich mich selbst schon im Evakostüm in die Fluten gestürzt, weiß aber auch, dass pure Nacktheit, wo man sie nicht erwartet, durchaus irritieren kann. Aber das ist es nicht. Der Mann vor mir ist nämlich gar nicht komplett ohne, und genau diese Tatsache lässt mich mit großen Augen staunen. Er spaziert splitterfasernackt vom Scheitel bis zur Sohle, aber in der Hand, wie angewachsen, hält er ein Handy. Eine Woge des Mitleids macht sich in mir breit. Der Arme. Gewiss befürchtet er dauernd, etwas zu verpassen. Bestimmt postet er gerade seine von Algen umschlungenen Zehen, aktualisiert seinen whatsapp-Status oder hofft vergeblich auf einen wichtigen Anruf von seinem Chef.
Ich kann einfach nicht weggucken. Bei all dem was an dem Mann baumelt und schlenkert, mein Blick klebt an seiner rechten Hand, dieser Kralle, die das Handy so fest umklammert. Welch eine faszinierende Kombination von Natur und Technik.
Ich weiß, Mama, man zeigt nicht mit nacktem Finger auf angezogene Leute. Aber darf man eigentlich mit nacktem Finger auf nackte Leute zeigen?


20. August 2019
Mineralwasser für Kühe

Die Kühe stehen immer hier, schwarzweiße Flecken auf saftig grüner Wiese. Friedlich wiederkäuend grasen die Hornträger und würdigen die vorbeieilenden Radfahrer und schlendernden Spaziergänger kaum eines Blickes. Kinder klatschen begeistert in die Hände, wenn sie dem Milchvieh nahe kommen und Ältere amüsieren sich höchstens, wenn die Kuh ihre lange Zunge ins Nasenloch schiebt. Ansonsten ist eine Begegnung mit Kühen selten mit Spektakulärem verbunden.
Es sei denn ein Stadtmensch ist im Anmarsch.
Ja, ich weiß. Wer etwas nicht weiß, der weiß vielleicht etwas anderes. Das ist mir klar. Und dennoch kann ich manchmal dem Hang zur Überheblichkeit nicht widerstehen, wenn ich etwas weiß, weil ich es vielleicht mit der Milch eigener Kühe aufgesaugt habe. Warum aber muss es auch Stadtmenschen geben, die einfach mal jedes Klischee erfüllen?
Da war diese Frau, die aufgeregt am Rand der Kuhwiese stand und wild winkte, als mein Bruder mit dem Trecker vorbeifahren wollte. Er hielt an und fragte, was los sei.
"Die Kühe", rief sie atemlos gegen den Treckerlärm an, "die Kühe!"
"Was ist denn?", fragte mein Bruder und sah zu dem Rindvieh auf der Weide, konnte aber nichts Ungewöhnliches erkennen. "Was ist denn los?", wiederholte er seine Frage.
"Die haben gar nichts zu trinken." Die Frau gestikulierte hektisch, ihre Aufregung stieg zusehens, ihr Gesicht wurde rot.
Mein Bruder zog seine Stirn in Falten. "Doch", sagte er lapidar, "da ist eine Pumpe in der Wiese."
Vielleicht war die Tränke von hohem Gras verdeckt, oder die Frau konnte sich gar nicht vorzustellen, dass sich eine vermeintlich dumme Kuh selbsttätig an einer mechanischen Tränke bedienen konnte. Ich will mal glauben, dass es reine Tierliebe und pure Verzweifelung war, die die Frau zur Tat schreiten ließ. Außerdem fordern wir doch alle, dass mehr hingesehen wird, auf Missstände aufmerksam gemacht, dass gehandelt, statt nur geredet wird.
Wenn das Handeln dann mal kuriose Blüten treibt, sollten wir das mit nachsichtigem Schmunzeln quittieren. Ich kann es nicht. Ich muss lachen, lauthals und ausdauernd.
Die Frau hat nämlich - wie sie meinem verblüfften Bruder in aller Ernsthaftigkeit versicherte - den Kühen ihre Flasche Mineralwasser gegeben. Ihre Flasche Mineralwasser!
Es war ganz sicher gut gemeint und bestimmt weiß die Frau Sachen, von denen ich noch nie im Leben gehört habe. Aber eine Flasche Mineralwasser!
Kühe brauchen um die 50 Liter Wasser am Tag.
Eine Flasche Mineralwasser! Wie muss ich mir das vorstellen? Alle zwanzig Kühe standen in Reih und Euter am Zaun und die Frau hat jeder einzelnen einen Tropfen Wasser auf die raue Zunge geträufelt? Ich sollte aufhören zu lachen. Aber ich kann es einfach nicht.
Eine Flasche Mineralwasser!


14. August 2019
Hasen, Tauben und Schlüpfertypen

Mein Name ist Hase.
NEIN! Mein Name ist nicht Hase. Und dennoch ist es schon wieder passiert. Jemand hat mich so genannt. Ausgerechnet Hase! Sehe ich aus, als wüsste ich von nichts? Die Wortherkunft von "Hase" lässt sich auf "Graues" zurückführen. Was soll mir das sagen? Womit genau wecke ich Assoziationen zu einem grauen Schlitzohr?
Mein Name ist Karen. Diesen Namen haben sich meine Eltern liebevoll für mich ausgesucht und deshalb möchte ich auch so genannt werden.
Es bedarf keiner Alternative und somit auch keinerlei zoologischer Kreativität.
Die wenigen Ausnahmen, die ich dulde, liegen alle im sehr privaten Bereich. Wenn mich mein Enkel zum Beispiel Omikari nennt, dann klingt das zwar auch tierisch nach Okapi, ich schmelze trotzdem dahin. Ruft mir aber ein erwachsener Mann in einer Alltagssituation "Hase" zu, dann weiß ich, dass das nicht aus zärtlicher Zuneigung geschieht, zumal ich fast nie der einzige Hase bin, der an Ort und Stelle durch die Gegend hoppelt. Die nächste Freundin, die den Raum betrifft, die nächste Kollegin, die am Arbeitsplatz erscheint wird auch als langohriges, rammellustiges Säugetier tituliert.
Reine Bequemlichkeit ist im Spiel. Ein Mann, der ein Hasenharem sein Eigen nennt, muss sich nicht eine Vielzahl verschiedener, mitunter komplizierter Namen merken. Zur Hilfestellung habe ich einem jener Hasenrufer mal meinen Namen nach DIN 5009 buchstabiert: Kaufmann, Anton, Richard, Emil, Nordpol. Der Besagte sah mich mit verblüfft aufgerissenen Augen an und fragt sich vermutlich immer noch, was irgendein Kaufmann Anton am Nordpol so treibt.
Meine Wünsche bei meinem Namen gerufen zu werden, bleiben bei Teilen der männlichen Bevölkerung wohl auch deshalb so hoffnungslos unerhört, weil es Frauen gibt, die sich geschmeichelt fühlen, wenn sie Hase oder Rehlein genannt werden. Es gibt Frauen, die glauben wirklich, sie stellen etwas Besonderes dar, wenn sie ein Irgendjemand - nicht der eigene tolle Täuberich beim gemeinsamen Turteln - Täubchen nennt!
Was ist los mit euch, Frauen? Tauben scheißen Balkone und Marktplätze voll, Hasen fressen ihren eigenen Kot und werfen mehrmals im Jahr massig Junge. Ein Reh wird aufgrund seiner Körperform und Bewegungsart als Schlüpfertyp klassifiziert (ja, googelt das ruhig mal!). Wollt ihr das wirklich, ihr Frauen der Welt?


9. August 2019
Die alte Frau mit der Mundharmonika

An der roten Ampel am Königsworther Platz dachte ich einen kurzen Moment, sie könnten meine ersten richtigen Fans werden, die drei Jungs im Auto neben mir. Ich spiele Mundharmonika, wenn hannoversche Ampelphasen mich zur Tatenlosigkeit verdammen. Mein Spiel wird immer besser, das sagt mehr über Hannovers Verkehrspolitik als über mein musikalisches Talent aus.
Aus dem Augenwinkel sehe ich ins Auto neben mir. Der Beifahrer boxt seinem Freund grad in die Rippen, wohl damit auch dessen Aufmerksamkeit mir zuteil wird. Der Hinterbänkler hat sich längst zum Fenster gelehnt, um besser schauen zu können. Erstaunen steht den Gesichtern. Ich kann nicht gut spielen, wenn ich grinsen muss und reiße mich zusammen. Meine Autoscheibe ist nur einen Spalt geöffnet. Die Jungs kurbeln ihre Fenster komplett herunter und gestikulieren wild. Wie ich es liebe, diese verblüfften Spätpubertierenden zu beobachten. Ihre Fassungslosigkeit, ihre überheblichkeit und gleichzeitig diese Spur von unterdrückter Bewunderung. Ich lasse meine Scheibe ein Stück weiter herunter und mache ein paar Bending-Übungen, die klingen, als folge sogleich ein Stück von bedeutsamer Virtuosität. Das folgt natürlich nicht. Die Jungs nebenan gröhlen trotzdem, strecken ihre Daumen in die Höhe und nicken wie im Takt. Souverän nehme ich die Mundharmonika von den Lippen und ziehe halbherzig einen Mundwinkel hoch.
"Was soll man machen, wenn die Ampel so lange rot ist?" Gelangweilt zucke ich mit den Schultern.
"Ja ja, völlig normal dann Mundharmonika zu spielen", feixen sie prustend und kriegen sich nicht mehr ein. Eine Welle jugendlicher Arroganz schwappt in mein Auto. Mit der überlegenheit einer alten Frau lehne ich mich zufrieden zurück. Es wird grün. Der Motor des Jungsautos heult nur auf, sie verpennen den Start. Belustigt schüttele ich den Kopf, lege den ersten Gang rein und rolle los, in der rechten Spur. Es dauert noch einen Moment bis die breit grinsenden Halbstarken mich überholen, mit hochtourigem Motorengewumme.
Nein, sie werden nicht meine Fans. Aber sie werden ihren Freunden von mir erzählen, von der Alten, der sie an der roten Ampel begegnet sind. Und die Freunde werden sich auch auf die Schenkel klopfen. Und sie alle werden sich nicht vorstellen können, dass ich unser kleines Intermezzo noch viel mehr genossen habe.


17. Juli 2019
Von Freundlichkeit und Schönheit

Manno, jetzt werde ich schon gezwungen, Geschichten gegen meinen Willen aufzuschreiben.
Ich muss mal kurz überlegen, wie ich diese formuliere, um dabei nicht allzu schlecht wegzukommen. Ich könnte das Ende vorwegnehmen. Es war auch das Ende, das Ende eines langen Arbeitstages, und der Kunde um den es geht war der Letzte. Also wirklich, der Letzte! Auch könnte ich verraten, dass die Geschichte insofern ein Happy End hatte, als dass meine Kollegin Sümi und ich zum Schluss kaum mehr aufhören konnten zu lachen.
Aber nun doch von Anfang an. Jener bereits erwähnte Kunde hatte irgendwie Redebedarf und schien die Gesellschaft meiner Kollegin zu genießen, eine Minute vor sechs genauso wie sieben Minuten nach sechs. Längst waren alle Fachfragen geklärt, da zückte er noch eben mal sein Handy - offensichtlich in Unkenntnis der korrekten Bedienung. Meine Kollegin nahm das Telefon zur Hand, schielte dabei unauffällig zur Uhr, lächelte ein bezauberndes Lächeln und gab es dem Kunden mit formvollendeter Charmeoffensive zurück. Er konnte vor Begeisterung kaum mehr an sich halten, ob er noch etwas sagen dürfe, fragte er. Hätten wir die Chance gehabt, hätten wir angesichts der Paketberge, die im hinteren Bereich noch auf uns warteteten, beide lauthals NEIN geschrieen. Aber der Glückbeseelte wartete keine Antwort ab, sondern flötete meiner Kollegin mitten ins Gesicht.
"Sie sind sehr freundlich. Und sehr hübsch."
Während sie sich artig für das Kompliment bedankte, wanderte sein Blick zu mir.
Ich wartete.
"Sie, Sie sind auch sehr freundlich", stotterte er eifrig. Aber dann entstand eine Pause, die trotz ihrer Winzigkeit zu groß war. Ja, der geneigte Leser weiß um meine dicken Nölpferdbeine, meine Schlupflider und mein widerspenstiges Haar. Und wer Sümi kennt, muss neidlos anerkennen, dass ihre Gesichtszüge wie modelliert anmuten.
Freundlich! Noch nie im Leben klang ein Kompliment für mich wie eine Beleidigung. Ja, ich bin freundlich. Und? Und was noch? Ich wartete und starrte den Kunden an. Er kam schließlich noch drauf.
"Und Sie sind... sind auch sehr hübsch", beeilte er sich zu versichern und verließ fluchtartig unsere heiligen Hallen.
Wie gesagt, wir konnten uns zwar den Rest des Abends vor Lachen kaum halten. Trotzdem. Ein klitzekleiner Stachel bleibt, auch deswegen, weil Sümi darauf bestand, dass ich die Geschichte aufschreibe.


14. Juli 2019
Das Nölpferd und ich

Ich kannte es nicht.
Mag sein, dass es vielen Menschen vor mir schon über den Weg getrampelt war. Ich hatte das Nölpferd noch nie im Leben gesehen. An diesem Samstag jedoch, stampfte es mir vors Auto. Grummelnd, schnaufend, mit hängenden Lidern, fettem Hintern, kurzen, dicken Beinen und wütend aufgeblähten Nüstern klebte es am Heck des Autos vor mir. Es kam mir vor, als schaute ich in einen Spiegel. So wenig bezaubernd wie der Anblick war, konnte ich dennoch nicht aufhören, Freudentränen zu vergießen.
Mein Ebenbild! Mein Blutsbruder! Mein Nölpferd-Seelenverwandter! Was fühlte ich verbunden mich diesem Geschöpf, das so augenscheinlich mit der ganzen Welt haderte.
Warum war mir dieses Nölpferd noch nie begegnet? Wo hatte es sich versteckt, all die Jahre in denen ich mit meinem Schicksal im Clinch gelegen hatte? Uns verbindet so viel mehr als Äußerlichkeiten. Wir planschen gleichermaßen im Trübwasser, fressen Pflanzen, lieben unseren Nachwuchs und reißen manchmal unser großes Maul auf. Auf ausgetretenen Pfaden stampfen wir durchs Leben. Immer auf der Hut vor Löwen und Krokodilen. Na gut, Löwen bei mir weniger. Krokodile auch eher selten. Aber trotzdem!
Nölpferde sind übrigens genau wie Nilpferde mit Walen verwandt. Wer wünscht sich nicht, einmal den Gesang von Walen zu hören. Hat schon jemals jemand ein Hippo singen hören? Hat schon jemals jemand gesagt, ich, Karen, solle mal ein Liedchen singen? Hat schon mal jemand von der Eleganz eines Nölpferdes gesprochen? Oder von meiner?
Ich erzähle meiner Schwester von meiner Begegnung mit dem Nölpferd. Sie lacht Tränen. Die Blöde. Sie nimmt mich sowieso nie ernst. Faselt immer was von Selbstwahrnehmung und Fremdwahrnehmung. Sie hat ja auch gut lachen mit ihren langen, schlanken Beinen und den nicht vorhandenen Schlupflidern.
Nöl!


3. Juli 2019
Frau Gärtner

Ach, ich hab es ja leider nicht so mit Namen und Gesichtern. In mir breitet sich stets Unbehagen aus, wenn Kunden auf mich zukommen und eine Begrüßung flöten, die mich vermuten lässt, wir seien uns schon mal begegnet. Aber manche Kunden kenne ich inzwischen ganz gut. So wie Frau Gärtner.
Frau Gärtner ist nett. Und empathisch. Sie hat schon mal mitleidsvolle Worte gefunden, als ich mich mit allzu kaputtem Rücken zur Arbeit gequält hatte und mich kaum rühren konnte. Ihr Mitgefühl hat meine Bandscheiben gleich ein wenig aufgebaut. So etwas vergesse ich nicht. Frau Gärtner ist vielleicht zehn, fünfzehn Jahre älter als ich, einssiebzig groß, hat ein schmales Gesicht und eine goldrandige Brille. Sie trägt einen kieselgrauen Kurzhaarschnitt, sehr gepflegt und dennoch ein wenig strubbelig.
Als sie heute vor mir stand, fiel mir sofort ihr symmetrisch geordnetes Haupthaar auf.
"Oh", sage ich fröhlich freundlich, "kommen Sie gerade vom Friseur?"
Frau Gärtner strahlt, wie ich sie noch nie hab strahlen sehen, und verlegen streift ihre rechte Hand die Peripherie ihrer Haarpracht.
"Nein", sagt sie, "das mache ich immer selbst."
"Wirklich?", staune ich. "Das hätte ich nicht gedacht." Genauso ehrfürchig wie irritiert betrachte ich die tolle Elvisrolle über der Stirn, man ahnt noch den Lockenwickler, der sie in Form gebracht hat. Der Rest des Haares wogt in Nordseewellen. Nur die Farbe ist wie gewohnt, kieselgrau.
"Ich rolle sie immer mit der Rundbürste auf, das geht ganz fix", sagt Frau Gärtner stolz. Gerade als ich sie mir toupierenderweise im Morgensonnenlicht vor ihrem Badezimmerspiegel vorstellen will, drängelt sich der nächste Kunde ins Feld. Frau Gärtner verabschiedet sich überaus fröhlich und ich erfreue mich an der Erkenntnis, dass Komplimente die Welt verändern können.
Eine halbe Stunde später geht die Tür auf und als erstes fällt mein Blick auf einen kieselgrauen Kurzhaarschnitt, sehr gepflegt und dennoch ein wenig strubbelig. Frau Gärtner.
Ich erwähnte ja schon, dass ich es leider nicht so mit Namen und Gesichtern habe.
Ob Frau Gärtner wohl diese fremde Frau kennt, die so fix mit der Rundbürste ist?


28. Juni 2019
Ich brauche keinen Erdbohrer

Hallo Google, ich bin's. Ich habe eine wichtige Information für dich: Ich brauche keinen Erdbohrer.
Google, du hast ein Problem. Dein Geschäftsmodell hakt.
Ich verstehe dich. Du hast Kunden, die dich gut bezahlen und deren Produkte du an Frau und Mann bringen willst. Ich verstehe dich gut. Aber du, Google, verstehst mich nicht. Okay, es mag da noch den ein oder anderen geben, der mich auch nicht versteht, aber das tut hier nicht zur Sache. Du kennst mich und viele andere gar nicht so gut, wie du meinst. Du weißt rein gar nichts von unseren Wünschen und Sehnsüchten. Du bist nicht achtsam genug, interpretierst vollkommen falsch.
Ich will versuchen, es dir an dem Erdbohrer-Beispiel zu erklären: Ich brauche keinen! Siehst du, schon legst du staunend die Stirn in Falten. Grad noch hast du mir den ZI-ELB70 inklusive drei Bohrern in 100/150 und 200 Millimetern empfohlen, luftgekühlter 1-Zylinder-2-Takt-Motor, mit beeindruckenden 2,2 PS. Es lässt mich kalt, das gute Stück. Mit 27 Prozent Rabatt für acht verschiedene Erdbohrer kommst du daher und ich beiße noch immer nicht an. Auch den VOSS.farming mit seinen sieben Zentimetern Durchmesser will ich nicht, obwohl er sich hervorragend zum Bohren von Weidepfahllöchern eignen soll.
Ich kann deine erbosten Gedanken lesen. "Warum hat mich die dumme Kuh mit der Suche nach Erdbohrern belästigt, wenn sie gar keinen haben will?"
Der Grund ist simpel. Manchmal erlebe ich komische Sachen und manchmal schreibe ich sie auf. So wie neulich, als es auf der Landstraße nur im Schneckentempo voranging. Bauarbeiten rechts und links am Straßenrand. Ein Erdbohrer steckte im Gras, hatte sich anscheinend kurz zuvor durchs trockene, dunkle Erdreich gezwirbelt. Ein muskelbepackter Arbeiter hievte einen Leitpfosten in das schlanke, tiefe Loch. Ich kniff noch die Augen zusammen, als der Mann zum Vorschlaghammer griff und ausholte, aber es war zu spät. Der Hammer sauste auf den Leitpfostenkopf, der in sofort in tausend Teile zersplitterte und Plastiknanopartikel ins Universum schleuderte. Der Muckimensch guckte ganz bedröppelt und obwohl ich mich schämte, musste ich grinsen. Schließlich lachten wir uns beide durch mein geöffnetes Beifahrerfenster lauthals zu.
Eine kleine, feine Geschichte, die es mir wert war, sie aufzuschreiben. Also legte ich los, musste ja nicht viel recherchieren, wollte lediglich sichergehen, dass Erdbohrer auch tatsächlich Erdbohrer hießen.
Hätte ich nur gleich im Duden nachgeschlagen. Nun muss ich damit leben, dass du, Google, vermutlich vermutest, ich wolle ein Loch bis Australien bohren.


19. Juni 2019
Im Zauber des Augenblicks

Wo sonst begegnet man Menschen, die irgendwie nicht von dieser Welt zu sein scheinen, wenn nicht am Postschalter? Dem ein oder anderen mag der Vorgang der Paketausgabe profan erscheinen. In Wahrheit offenbart er Begegnungen mit Menschen, die anderen ein Leben lang vorenthalten bleiben. Die anmutige junge Frau, die gestern in die Filiale schwebte, sich klaglos in die Schlange einreihte, strahlte eine beneidenswerte Besonnenheit aus. Ihre transzendente Erscheinung rührte mich. Sie legte mir ihre gelbe Abholkarte auf den Schalter und lächelte so unbefangen, wie eigentlich nur lächeln kann, wer nicht gerade minutenlang zwischen schwitzenden, schimpfenden, schlurfenden Mitmenschen und krakeelenden Kleinkindern im Schneckentempo über das Linoleum gekrochen war. Ich lächelte zurück. Mit deutlich geringerer transzendenter Aura vermutlich. Dennoch höflich!
"Ich brauche Ihren Ausweis", bat ich.
Sie stellte ihre Handtasche auf die Ablage, holte ein Portmonnaie heraus und legte es auf den Schalter. Dann nahm sie noch eine Wasserflasche aus der Tasche und stellte sie genau daneben.
Ich wartete geduldig. Besonnenheit ist ansteckend, merkte ich, wiederholte dennoch meine Bitte. Sie lächelte milde. Statt ihr Portmonnaie zu öffnen, drehte sie umsichtig den Verschluss ihrer Flasche auf und trank einen Schluck.
Ich wunderte mich über mich selbst, war aber keineswegs ungehalten, als ich meine Bitte, einen Blick auf ihren Ausweis werfen zu dürfen, ein drittes Mal vortrug.
"Ja", hauchte sie, "ich wollte nur erst einen Schluck trinken." Dann nahm sie ganz bedächtig einen zweiten Schluck und einen dritten, bevor sie ihren Ausweis zückte und ich ihr Paket holen konnte. Dankend nahm sie es entgegen, unterschrieb die Quittung, packte ihre Siebensachen wieder zusammen und verließ die Filiale so wie sie gekommen war, schwebend, ein paar Zentimeter über dem Boden. Für einen kleinen Moment noch war die Filiale erfüllt von gleißendem Licht, Frieden und Liebe für die Welt.
Dann kreischte wieder ein Kind. Jemand schrie, ob es nicht endlich mal weiterginge, ein anderer mokierte sich lautstark, dass der Kontoauszugsdrucker natürlich wieder defekt sei und ein weiterer wurde von der Meute der Ungeduldigen, Gejagten und Gehetzten barsch gemaßregelt, für seinen Versuch, sich vorzudrängeln.
Der Zauber war verflogen.


19. April 2019
Die Gender-Oma

...und dann war da noch diese 80jährige Dame, die mit ihrem Sohn kam, um Geld vom Konto abzuheben. Ab einer gewissen Summe ist sozusagen eine kollegiale Prüfung erforderlich. Der Sohn, vielleicht 55 Jahre alt, nickt gelangweilt. "Kenn ich. Ab bestimmten Beträgen brauchen wir auch immer einen zweiten Mann", sagt er mit einem Hauch Arroganz in der Stimme. "Oder eine zweite Frau", kontere ich süffisant lächelnd und bedanke mich bei meiner Kollegin. Völlig überraschend pflichtet mir die alte Dame bei. "Genau!" poltert sie los. Ich staune und meine Mundwinkel zucken vergnügt. "Man kann auch einfach zweite Person sagen", fährt sie mit fester Stimme fort. Ich bin begeistert. Der Sohn hingegen rollt genervt mit den Augen, brummelt sich irgendwas in den Bart von wegen "alles überbewertet" oder "unwichtig". Aber flugs fährt ihm die Mutter über den Mund. "Benimm dich mal!" Was lehrt uns das? Offensichtlich geben Mütter nie die Hoffnung auf, ihren Kindern gutes Benehmen beizubringen, und - was ich noch großartiger finde - das Bewusstsein für gendergerechte Sprache kennt keine Altersgrenzen.


14. April 2019
Nackte Tatsachen

Eine fremde Sprache zu lernen ist keine einfache Sache, das weiß ich. Wenn ich einen türkischen Kunden mit "günaydin" begrüße, dann hoffe ich, dass er höchstens gleiches sagt und dann ins Deutsche wechselt. Wenn ich freundlich "qué tal" oder "come stai" gefragt werde, geht es mir immer "muy bien" und "bene", zu mehr reicht es nicht. Meine syrischen Nachbarkinder lachen mich aus, weil ich nicht einmal "marhabaan" richtig aussprechen kann, "du musst das r mehr rollen". Ich übe. So wie ich es beim englischen "th" gemacht habe, das kann ich.
Nichtmuttersprachler finden Deutsch schwierig. Deswegen finde ich es bewundernswert, wie die vielen Menschen, die aus anderen Ländern kommen, tapfer unsere Sprache lernen. Aber sie müssen sich auch Mühe geben, finde ich. Bei der Aussprache. Dann passieren solche Dinge auch nicht, wie neulich.
Da kam dieser gebürtige Ghanaer zu mir an den Schalter. Er wollte im Reisebüro mit seiner Bankkarte zahlen und es hatte nicht funktioniert. Das verstand ich. Er war ziemlich aufgebracht. Er hatte lange gespart, damit seine Kinder in Afrika Urlaub machen konnten. Das verstand ich auch. Nun wollte er das Geld bar abheben, ein Vorgang der ein klein wenig Zeit in Anspruch nahm. Das verstand er nicht, hatte aber nichts mit der Sprache zu tun, sondern mit seinem (und meinem) mangelnden Verständnis für meinen schneckigen Computer. Er schimpfte derweil zornig vor sich hin. Auf deutsch. Ich verstand jedes Wort. Er wollte endlich sein Geld. Ja, doch! Er hatte dafür gearbeitet. Das wusste ich, deshalb beeilte ich mich auch. Ich finde es toll, wenn Ausländer hier richtig Fuß fassen, arbeiten, Steuern zahlen und für ihren Urlaub sparen. Er war müde. Das glaubte ich gern. Ich bin auch immer müde nach Schichtende. Kurz bevor ich ihm die gewünschten Scheine auszahlen konnte, donnerte er mir noch ein winziges Detail seiner Arbeit entgegen. "Ich arbeite nackt!" Ich stutzte. Meine Kollegin behauptet, ich sei in dem Moment einen Schritt zurückgewichen. Mag sein, denn ich hatte umgehend Bilder im Kopf, auf die ich hier nicht näher eingehen möchte. "Ich arbeite nackt!", wiederholte er noch einmal, diesmal etwas lauter und ich spürte wie sich meine Augenbrauen hoben und mein Mund sich staunend öffnete. Ich wollte hier keinerlei Bewertung von Tätigkeiten vornehmen, mit denen Menschen ihre Familien ernähren, ich dachte einfach nur... ich wollte... ich stellte mir vor... und überhaupt.
Meine gedankenlesende Kollegin Andrea sah breit grinsend zu mir herüber. "Nachts", raunte sie. "Er arbeitet nachts, Karen."
Dann soll er an seiner Aussprache arbeiten, verflixte Kiste!


7. August 2018
Muskelmann mit Papastolz

Da ist dieser große, bärtige Mann im schwarzen Shirt, ärmellos, seine mächtigen Muskeln sind furchteinflößend. Er blickt grimmig drein. Ungeduldig hetzt er zwischen den Stuhlreihen umher, guckt mal hierhin, mal dahin. Irgendwie bekomme ich ein mulmiges Gefühl. Dann kommen die Kids auf die Bühne, die Ferienkinder, die eine Woche lang Musikinstrumente aus Holzstämmen, Glasflaschen und Kochtöpfen gemacht haben. Der Mann zückt sein Handy und eilt vor die Bühne, filmt vom rechten Bühnenrand aus, dann von links, von der Mitte auch. Die Kids spielen laute Weisen. Sie sind die Vorgruppe der Blechbläser, die gleich die Bühne zum Kochen bringen werden. Die kleinen Musikanten kriegen tosenden Applaus und verlassen die Bretter, die für sie heute die Welt bedeutet haben. Der Mann, der große, bärtige verzieht sich auf einen Stuhl zwei Reihen hinter mir. Verstohlen blicke ich mich um. Da sitzt er in seinem schwarzen, ärmellosen Shirt und seine mächtigen Muskeln können noch immer Furcht einflößen. Aber er ist der Welt entrückt. Gebannt schaut er auf sein Handy, scheint ganz angerührt zu sein von den kleinen Krachmachern, die über seinen Bildschirm huschen. Und dann entspannt sich das einst grimmige Gesicht. Nun ist nur noch Stolz darin zu sehen. Papastolz, denke ich. Einer der kleinen Krachmacher war wohl sein Sohn oder eine Topfschlägerin seine Tochter. Ja, so ist die Sache mit dem weichen Herzen. Wunderbar eben.


19. Juli 2018
Lichthupe und Bremslicht

Kennt doch jeder, diese Verkehrsrowdys, die einem ab und an das Leben schwer machen, ne?
Mir ist heute mal wieder so einer in die Quere gekommen. Das wildeste Überholmanöver überhaupt. Es endet knapp vor meiner vorderen Stoßstange. Nur dank meines schnellen Reaktionsvermögens brezel ich ihm nicht in sein Hinterteil. Erbost quittiere ich seine pubertäre Eskapade mit dem Betätigen der Lichthupe. Jawoll!
Okay, statt der Lichthupe wird es versehentlich die Dauerbeleuchtung mit Fernlicht. Sicherlich grinst der Schnösel vor mir süffisant. Ich ahne das, weil er seinen linken Arm lässig aus dem Fenster baumeln lässt und ich das hochmütige Blitzen seiner Augen in seinem linken Außenspiegel sehe.
Ich sehe allerdings auch, dass sein linkes Bremslicht nicht funktioniert. Ich bin gezwungen, mir das eine Weile anzuschauen, und dann wird die Ampel vor uns rot. Er will geradeaus weiter, ich links abbiegen. Ganz langsam und ganz vergnüglich rolle ich voran. Als mein geschlossenes Beifahrerfenster auf gleicher Höhe mit seinem offenen Fahrerfenster ist, lasse ich die Scheibe herunter. Plötzlich ist er sehr damit beschäftigt, nach rechts zu schauen. Seine Musik ist laut. Aber dann dreht er sich doch zu mir, vermutlich weil meine brennenden Blicke ihm die Haut versengen. Er schaut abfällig, ignorierend und überheblich. Was ich sage, kann er nicht hören. Neugierig ist er aber doch und dreht seine Musik leiser. "Was?", fährt er mich an. "Das Bremslicht ist kaputt", sage ich mit unerhörter Coolness in meiner Stimme und meine Mundwinkel zucken fröhlich. "Mein Bremslicht?", fragt er etwas dämlich nach. "Das linke", gehe ich ins Detail und lächele, wie alte Frauen lächeln, wenn sie wissen, dass sie gewinnen. "Oh danke", sagt er unkontrolliert beschämt und unwillig verlegen. Dann wir es grün. Wir fahren beide grinsend weiter. Aber mein Grinsen ist breiter und deutlich süffisanter.


6. Dezember 2017
In der Weihnachtszeit

In der Weihnachtszeit am Postschalter zu arbeiten, ist nicht ausschließlich ein Vergnügen, die nicht enden wollende Kundenschlange erinnert permanent an König Sisyphus. Es wird auch nicht vergnüglicher, wenn sich Männer und Frauen, Alte und Junge, Deutsche und Ausländer in gnadenvoller Eintracht darin einig sind, ihre Pakete immer größer und schwerer werden zu lassen. Selbst das kostenlose Fitnesstraining beim Annehmen und Ausgeben jener Pakete, das Hieven und Zerren, das Heben und Schieben, das Stapeln und Ziehen fördern nicht den Frohmut. Selbst das Einsparen des Personals zur Gewinnmaximierung des Unternehmens, verbunden mit Begeisterungsstürmen bei den Aktionären, lässt derlei Stürme an der Basis ausbleiben. Das Mitleid mit schlecht bezahlten und überlasteten Zustellern, das Mitleid mit Kunden, deren heiß ersehnte Pakete unauffindbar sind, das Mitleid mit den Qualitätsmanagern, die wunde Ohren vom Wehklagen unzufriedener Kunden haben sind auch nicht erbauend. Selbst wer Lieblingskunden bedient, in Lieblingsschichten mit Lieblingskollegen arbeitet, selbst wem die Hoffnung bleibt, dass die Thrombosestrümpfe ihren Zweck erfüllen, dass das Glas Wasser nach Feierabend erquickende Wunder vollbringt, der leidet doch unter der eigenen Hilflosigkeit beim Anblick in von Erschöpfungsqualen gezeichnete Kollegengesichter.
Aber es gibt Lichtblicke in der Hektik, in der Eile: ein lächelnder Kunde, ein höfliches Wort, ein geduldiges Nicken, ein freundliches Danke.
Und es gibt meine Kollegin Andrea, sie sendet keinen Lichtblick, sie flutet die Filiale mit gleißendem Licht wenn sie lapidar hinhaut: "Ist wie 'ne Geburt. Immer dasselbe. So ein Stress, solche Schmerzen. Und wenn's vorbei ist, ist es vorbei. Vergessen. Bis zum nächsten Mal."
Und dann ist es mit einem Mal doch vergnüglich, in der Weihnachtszeit am Postschalter zu arbeiten. Alle Jahre wieder.