Kiepe voller Kapriolen

In der Kiepe voller Kapriolen finden sich wahre Erlebnisse, ausgeschmückt und fein dekoriert - eine Art Blog, so unregelmäßig wie das Leben eben Kapriolen schlägt.

Viel Vergnügen beim Lesen!



Kiepe voller Kapriolen


Endlich gibt es die Kapriolen auch als Buch im Buchladen nebenan. Es kann natürlich auch im BoD Buchshop und bei Amazon bestellt werden.

ISBN: 9783752613049

Inhaltsverzeichnis

30.08.2021
15.08.2021
10.08.2021
19.07.2021
30.06.2021
29.05.2021
28.05.2021
13.05.2021
02.05.2021
18.04.2021
24.02.2021
08.02.2021
28.01.2021
31.12.2020
23.12.2020
10.10.2020
31.08.2020
25.08.2020
23.08.2020
24.07.2020
10.05.2020
19.04.2020
31.03.2020
03.03.2020
03.02.2020
15.01.2020
21.12.2019
10.12.2019
24.11.2019
08.11.2019
31.10.2019
26.10.2019
23.10.2019
17.10.2019
16.10.2019
07.10.2019
24.09.2019
31.08.2019
20.08.2019
14.08.2019
09.08.2019
17.07.2019
14.07.2019
03.07.2019
28.06.2019
19.06.2019
19.04.2019
14.04.2019
07.08.2018
19.07.2018
06.12.2017









30. August 2021
Der Käsemann

Wenn bei uns eine Familienfeier ansteht, werden die Aufgaben vorher verteilt. Ich war diesmal für die Käseplatte zuständig. Das war gut so. Ich hatte wenig Zeit und konnte weder eine Backorgie starten noch Tische oder Stühle rücken. Käse also. Nun gut, es sollte eine schöne Platte werden mit leckeren Sorten und hübsch angerichtet. Unschlüssig wartete ich am Käsestand. Schnittkäse, Streichkäse, Camembert? Spektakulär schien mir das alles nicht. Hatte ich eigentlich schon Weintrauben im Einkaufswagen? Sollte ich Salatblätter auf die Cromarganplatte legen. Noch haderte ich mit meiner Aufgabe, starrte auf die Auslage und grummelte vor lauter Überforderung vor mich hin. Aber dann kam der Käsemann ins Spiel. Er fragte mich auffallend liebenswürdig nach meinen Wünschen. Ich schilderte mein Ansinnen und gestand ihm meine Zerrissenheit zwischen Gouda und Leerdammer. Er nickte verstehend und lächelte galant.
Er schien in mir die Kundin zu sehen, bei der er endlich mal sein gesammeltes Wissen loswerden konnte.
Ich erfuhr, dass sein französischer Bergkäse vierundzwanzig Monate gereift ist, der von Hand löffelgeschöpfte Camembert seines Gleichen sucht und der Bergkäse aus Schafsmilch im Süden Frankreichs traditionell zum Frühstück gegessen wird. Er stellte mir seinen Weichkäse wie einen guten Freund vor und empfahl, ihn mit Konfitüre zu versüßen. Er bot an, mir ein paar Scheiben Almwiesenkäse frisch vom Laib zu schneiden. Den feinen Kräuterkäse pries er wegen seiner besonderen Thymiannote an und zum würzigen Ziegenkäse im Kastanienblatt empfahl er mir ein Gläschen Feigensenf. Und bloß keine Weintrauben. Birnen wären angesagt und Löwenzahnhonig. Was war dieser Mann für ein Affineur, ein Spezialist, eine käsige Koryphäe sozusagen. Ich nahm alles. Die Käseplatte war der Hammer, unter ihr bog sich die Tischplatte. Ich bekam Komplimente wie ich sie sonst nicht einmal für eine dreistöckige Buttercremetorte mit Fondantdecke und Marzipanrosen bekomme.
Wie ich nur dieses Meisterwerk fabriziert habe, wurde ich gefragt und erzählte von dem Käsemann.
"Und?", fragte meine Schwester und zog lüstern ihre Augenbrauen hoch, "wie sieht er aus? Wie alt ist er?"
"Wer?", erwiderte ich begriffsstutzig. "Der Almwiesenkäse? Er hat diese saftig grünen Kräuter..."
"Der Käsemann? Wie sieht der aus? Wie alt ist er?", wiederholte sie deutlicher werdend. Und plötzlich sah ich wieder dieses verstehende Nicken und dieses galante Lächeln vor mir. Da erst ging mir auf, was für eine gute Gelegenheit ich ungenutzt hab verstreichen lassen. Da erst ging mir auf, dass der Käsemann wohl nicht jede Kundin so auffallend liebenswürdig nach ihren Wünschen fragt.
Zwei Tage später eilte ich zurück an die Käsetheke und bedankte mich höflich noch einmal für die gute Beratung. Der Käsemann bekam rote Wangen. Leider stand seine dumpfschnutige Kollegin daneben und grinste blöd, erst den Käsemann an und dann mich. Ich harrte nur noch einen Wimpernschlag lang aus, dann schob ich schmollend meinen Einkaufswagen weiter. Währenddessen schnitt der Käsemann einer Kundin drei Scheiben Gouda und drei Scheiben Leerdammer ab.
Ich brauchte ja nix, es gab noch Reste.
Ach Manno, so ein Käse aber auch.


15. August 2021
Das Rübenroder Nachthemd Teil 2

Ich konnte es nicht übers Herz bringen. Ich hab Sabine letztendlich doch von dem Rübenroder-Nachthemd erählt – um sie zu amüsieren. Aber ihre Reaktion war dann ganz anders, als ich es erwartet hatte. Anstatt dass sie aus vollem Herzen zu lachen anfing, bemitleidete sie mich aus vollem Herzen. Das ist nicht nur äußerst liebenswürdig, es machte mich auch nachdenklich. Eine gewisse Erotik sei doch wohl bei Schlafbekleidung wichtig, meinte sie freundlich. Immerhin könne es ja passieren, dass mich des nachts ein Notarzt besuche, wegen einer leichten Magenverstimmung zum Beispiel. Sie sprach von notwendigen, spitzenbesetzten Negligés.
Ich ging in mich.
Ich wollte weder auf mein orangefarbenes Nachthemd mit Mohnblumen noch auf mein Rübenroder-Nachthemd verzichten. Auf der anderen Seite eröffnete mir Sabines Einwand ungeahnte Möglichkeiten. Was, wenn sie recht hat? Was, wenn der Notarzt ein hinreißend aussehender, durchtrainierter Mann mit blauen Augen, vollem Haar, grau an den Schläfen und kecken Sommersprossen im Gesicht ist. Was, wenn er Humor hätte und womöglich eine Leidenschaft für Literatur. Irgendwie hatte Sabine schon recht, da sollte man nichts dem Zufall überlassen.
Den nächsten Nachmittag verbrachte ich in der Dessousabteilung eines Kaufhauses. Schaute an, probierte aus, sah auf Preisschilder und Waschanleitungen, hielt hoch, faltete wieder zusammen und wurde schließlich fündig. Ich erstand ein nachtblaues Satin Negligé, welches luftig leicht meine weiblichen Rundungen umspielte. Floraler Spitzenbesatz in Belgien geklöppelt, die Seide von asiatischen Spinnern gehaspelt, die elegante Schnittführung handgenäht von französischen Designerinnen. Eine sinnliche Überraschung für nächtlichen Besuch.
Ich wusch und bügelte mein Rübenroderhemd, verstaute es sorgfältig im Schrank, und drappierte stoffgewordene Eleganz und Sexiness auf meinen Laken.
Ich war gewappnet.
Nun fehlte nur noch die Magenverstimmung.
Im Kühlschrank entdeckte ich die zwei Tage alte Pilzpfanne, ich könnte sie noch einen Tag draußen stehen lassen und dann aufwärmen oder ich wartete bis die Milch sauer war. Spinat, hatte ich nicht noch irgendwo alten Spinat oder obergärigen Feta? Stinkt der angeblich frische Fisch nicht schon etwas? Mir wird schon bei der Suche übel. Mein Grübeln geht weiter.
Was nützen eigentlich all die Qualen, wenn ich im Falle eines Falles dem Notarzt, dem Humorvollen, Graumelierten den Fisch vor die Füße kotze? Ob er dann noch einen Blick für mein teures Stück Lingerie hat, dessen Spitze so sehr an meinem Dekolleté kratzt? Was wenn er schon fünf Frauen vor mir behandelt hat, die alle mit der gleichen Absicht in einem durchsichtigem Stück Polyester steckten? Wer garantiert mir denn, dass der Blauäugige mit den niedlichen Sommersprossen nicht gern im Bett im Kornfeld schläft und auf Mohnblumen und Baumwolle steht, weil er so ein Naturfreak ist?
Und überhaupt, was will man im Leben weniger als einen Notarzt?
Ich hänge das Negligé an den Haken, hole mein Rübenroder-Nachthemd aus dem Schrank, kuschele mich ein und mache es mir mit Tee, Schokolade, dicken Wollsocken und einem lustigen Buch im Bett bequem.
Ach, wie schön das Leben doch sein kann, wenn man erkennt, was wirklich wichtig ist. Ich rufe Sabine an und berichte ihr vom Kauf dieses Traums aus nachtblauer Seide. Ich muss ja nicht erwähnen, dass das gute Stück sein Dasein in der untersten Schublade meines Kleiderschrankes fristet.


10. August 2021
Das Rübenroder Nachthemd Teil 1

Ich hätte meiner Freundin Sabine ja von meinem Rübenroder-Nachthemd erzählt, um sie ein wenig zum Schmunzeln zu bringen in trostloser Zeit. Aber so? Nö! Wenn mich jemand so brackig brüskiert, kann sogar ich schmollen. Sabine behauptet, ich sei geizig. Der Grund für diese tödliche Beleidigung ist, dass ich eine einfallsreiche, begeisterungsfähige, talentierte, geschickte und nachhaltig agierende Frau bin.
Es fing damit an, dass ich von meinem allerliebsten Bettbezug erzählte, orange mit leuchtend roten Mohnblumen. Der war im Laufe der Jahre etwas fadenscheinig geworden, zerfiel Nacht für Nacht vor meinen geschlossenen Augen in Schuss- und Kettfäden. Seine Zeit war gekommen und ich wollte der Wahrheit lange Zeit nicht ins baumwollene Antlitz schauen. Doch wohin nun mit dem guten Stück? Sollte ich Putzlappen aus ihm machen? Auf gar keinen Fall. Jahrelang lag er mir am Herzen, wärmte mich in dunkler, kalter Nacht. So etwas vergisst man nicht. So etwas honoriert man. Also kramte ich flugs Schere, Maßband und Nähmaschine aus und nähte aus dem allerschönsten Stoff der Welt ein wunderbares Nachthemd, orange mit leuchtend roten Mohnblumen.
Das führte bei Sabine sofort zu verständnislosem Kopfschütteln. Sie stichelte ein bisschen herum, frotzelte und fand, ich hätte mir getrost ein neues Schlafshirt kaufen können. Sie hat einfach das Prinzip der Nachhaltigkeit nicht verstanden. Gar nichts hat sie verstanden, so! Und deshalb habe ich es mir auch verkniffen, ihr von meinem Rübenroder-Nachthemd zu erzählen. Es hätte sie aufmuntern können. Aber trostlose Zeiten hin oder her, das hat sie sich selbst eingebrockt.
Ein Rübenroder ist eine landwirtschaftliche Maschine, die Rüben aus der Erde holt, falls das jemandem nicht geläufig sein sollte. Rübenroder sind kostspielige Anschaffungen und wenn so eine Maschine in die Jahre kommt und man handwerklich geschickt ist, dann ist man gut beraten, wenn man einen zweiten alten Roder in der Scheune stehen hat, um ihn als Ersatzteillager zu benutzen. So macht es mein Bruder, und er ist ein Vorbild beim Thema Geschicklichkeit und Nachhaltigkeit.
Bevor ich auf die grad beschriebene ressourcensparende Art und Weise in den Besitz jenes orangefarbenen Nachthemdes mit Mohnblumen gekommen bin, hatte ich zwei identische Lieblingsnachthemden, was ein Glücksfall war. Leider war eines von minderer Qualität, was sich aber trotzdem weiterhin als ein Segen erwies. So konnte ich nämlich dem Rübenroderprinzip folgen. Immer wenn sich ein Lächlein auftat in dem einen Nachthemd, hatte ich dank des ramponierten Exemplares - meines Ersatzteillagers sozusagen - schon den passenden Flicken parat. Das Unikat, mit dem ich mich dann abends bettete, war eine Mischung aus Patchwork und Haute Couture. So etwas designt sonst höchstens Domenico Dolce mit Stefano Gabbana. Bei Dior soll es auch Vergleichbares geben. Sicherheitshalber werde ich mir den Begriff "Rübenroder-Style" schützen zu lassen.
Tja, all diese Überlegungen könnten die trostlosen Tage meiner Freundin erhellen. So aber wird sie nie etwas erfahren von meinem Rübenroder-Nachthemd und meiner Nähe zu den ganz Großen in der Modewelt.


19. Juli 2021
Fünftausend Gramm

Der Gasmann ist schuld und die Holländer und Christian. Sie wissen alle nichts davon, aber es ist so.
Mein schönstes Kleid, das ich zur Konfirmation meines Patenkindes anziehen wollte, spannte etwas im Hüftrondell. Ich hatte genau vier Wochen, um fünf Kilo abzunehmen. Das sollte keine große Sache sein, schließlich hatten sich diese lächerlichen fünftausend Gramm ohne viel Aufhebens auf Hüfte, Bauch und Oberschenkel gelegt und nebenbei noch lustige Winkeärmchen produziert. Was von alleine kommt, geht auch von alleine, sagt man. Trotzdem wollte ich gern etwas nachhelfen. Tagelang gab es weder Schokoladeneis, noch irgendwas zu Schnökern oder gar Alkohol im Haus. Ich hatte sämtliches Suchtpotential prophylaktisch eliminiert.
Die Taktik funktionierte sehr gut - bis sich der Gasmann ankündigte.
Was? Vermutet jetzt schon wieder jemand, ich wollte mir ein schokolastiges und weinseliges Stündchen mit einem Kerl machen, der in meiner Wohnung ein Leck in der Gaspipeline sucht? Keinesfalls. Aber ich habe die unflexibelsten Arbeitszeiten auf diesem Planeten und brauchte einen Wohnungssitter, und dem wollte ich den Job versüßen. Nun will ich nicht auch noch dem Sitter die Schuld geben, Fakt ist aber er hat nur drei Schokobons gegessen. Drei Schokobons! Das ist nicht nett! Das heißt, den Wein, die beiden Packungen Kekse, vier Tafeln Schokolade, die Tüte Kartoffelchips und die restlichen Schokobolschen wären verkommen, hätte ich mich nicht erbarmt.
Das war schon schlimm genug, aber dann kamen auch noch die Holländer ins Spiel. Ich mag sie. Und ich mag ihre Sprache. Das wäre eine bedeutungslose Tatsache geblieben, wäre nicht plötzlich Christian aufgetaucht und hätte seine Fortschritte beim Lernen der niederländischen Sprache vor sich hergetragen, wie Dolly Buster ihre Melonen. Mich triggert so was an, also nicht die Melonen, sondern Leute, die wahre Sprachtalente sind. Und was macht das mit mir? Ich lege auch los! Mitten im Gefecht mit den 5000 Gramm lerne ich Vokabeln, arbeite an der Aussprache und übe ganze Sätze.
Und nun wird es wissenschaftlich. Bevor Christian und die Holländer auf den Plan traten, funktionierte es mit dem Abnehmen, leidlich und langsam, aber immerhin. Nun hakt es. Bislang habe ich mich damit rausgeredet, dass sich mit zunehmendem Alter der Stoffwechsel verlangsamt. Diesen Unsinn habe ich mal irgendwo gelesen. Die Wahrheit liegt aber ganz woanders. Der Körper existiert ja bekanntermaßen in enger Gemeinschaft mit dem Geist. Körperliche Strapazen wirken sich aufs Gemüt aus und genauso hinterlassen Geistestätigkeiten ihre Spuren am Körper.
Es ist ein einziger Satz, einer den ich inzwischen fehlerfrei und auswendig sagen kann, der meine ganzen Mühen verpuffen lässt. Wer denkt sich solche Sätze aus? Kaltblütige Quälgeister, namibische Wilderer? Mein Körper kann diesen unfassbar skandalösen Satz nicht ignorieren. Er kann nicht verstehen, dass es einfach nur eine dumme Übung ist, neue Wörter zu lernen.
Niemand weiß besser als mein Körper, dass ich fast schon Vegetarierin bin, trotzdem nimmt er mein holländisches Gemurmel wörtlich und: gibt auf!
"Fünftausend Gramm" höre ich ihn verächtlich schnaufen, als es erneut passiert. In meiner jüngsten Übungslektion flutscht mir dieser Satz schon wieder willenlos und unbedacht aus dem Mund.
"Ik eet een olifant."
Mein Körper schüttelt sich angewidert, mein Geist ist verwirrt und ich hänge mein schönstes Kleid resignierend zurück in den Schrank. Solange mein Körper davon überzeugt ist, dass ich einen ganzen Elefanten verputze, wird das nie was mit den 5000 Gramm.


30. Juni 2021
God save the Queen

Ich stehe dem englischen Königshaus sehr nahe. Die Beziehung zwischen uns ist bald vierzig Jahre alt. God save the Queen. Okay, die Beziehung ist etwas einseitig, unterdessen auch anstrengend. Ehrlich gesagt würde ich sie liebend gern kappen, kriege es aber einfach nicht hin.
Meine Kinder und die Prinzen sind gleichalt, so etwas verbindet. Während Little Harry und Klein Wills, damals beim five-o’clock-tea mit Queen Mum ihre Scones verputzten, saßen meine Kinder bei ihrer Uroma auf dem Küchensofa und tranken Kakao. Wir Mütter achteten immer auf gutes Benehmen unserer Kleinen. Sie waren brav, kleckerten und krümelten nicht. Nur ich kippte einmal meinen ganzen Kaffee quer über den Küchentisch. Welche Missgeschicke derweil innerhalb der Palastmauern passierten, ist nie daraus hervorgedrungen.
Ich weiß nicht, welche Gesellschaft Queen Mum noch so hatte, bei Uroma war manchmal Oma Riechers taugegen und lächelte wohlwollend meinen Kindern zu. Einmal erzählte ich von einem lustigen Erlebnis mit meinen Sprösslingen und Oma Riechers freute sich aus vollem Herzen. „Dat hett mi doch neelich..., wer hett mi dat doch gliek vertellt...?“, grübelte sie und lachte laut. Und dann fiel es ihr doch noch ein: „Natürlich, de Diana. Bei ehren Kinners war dat man jüst ok so.“ Begeistert schlug sie mit der flachen Hand auf den Tisch.
Ach ja, es gab so viele Parallelen diesseits und jenseits des Kanals.
Die Jahre vergingen, die Prinzen und meine Kinder lernten Fahrradfahren, gingen zur Schule, machten Freude und auch mal Kummer. All the same.
God save the Queen.
Wie meine Kinder gehen auch die Prinzen inzwischen eigene Wege und ich habe auch wirklich genug mit mir selbst zu tun. Trotzdem werfe ich gelegentlich noch Blicke über Ärmelkanal und Atlantik. War ich früher durch Uromas Regenbogenpresse bestens informiert, rückt mir heute das Internet auf die Pelle. Und wie!
Die ganze Welt glaubt ja zu wissen, welch hohe Wellen das Oprah-Interview von Harry und Meghan schlug, aber niemand ahnt, welche Auswirkungen es auf mich hat. Ja, ich habe das Gespräch angeschaut. Und ja, ich weiß, wie die Algorithmen des weltweiten Webs funktionieren. Aber was nützt das beste Wissen, wenn man die Reflexe nicht kontrollieren kann. Seit dem Interview werde ich überspült mit royalen Nachrichten jedweder Art. Und dann diese Schlagzeilen, diese hypnotisierenden, magnetischen Reißer. Nein! Ich will überhaupt nichts wissen. Gar nix. Ignorieren will ich diesen Klatsch. Ehrlich. Aber mein Zeigefinger, dieser unkontrollierbare, er bewegt sich auf diese fetten Balkenüberschriften zu. Nein, schreit mein ganzer Körper, klick nichts an, klick nicht drauf! Denk an die Algorithmen. Doch schon berührt dieser unfolgsame Finger den Touchscreen. Und ein Artikel nach dem nächsten ploppt auf. Kurz erfreue ich mich noch an Bildern, auf denen die Prinzenkinder Fußball spielen, schon ängstige ich mich, weil ein Schwarzbär in Montecito sein Unwesen treibt. Und weiter geht es, immer weiter: „Süße Neuigkeiten“ „Schlimmer Skandal“ „Ergreifende Enthüllung“ „Es wird ein Junge“ „Ein Mädchen“ „Scheidung“ „Sensation“ „Trennung und Tränen“. Ich klicke sie alle an, alle. Die Artikel vermehren sich wie rammelnde Karnickel. Dabei würde ich gern mal etwas anderes lesen, aber das geht nicht. Der Bildschirm quillt über von royalem – excuse my language – bullshit.
Natürlich wünsche ich den Prinzen alles Glück der Erde, aus alter Verbundenheit und sowieso. Aber ich will nicht über jeden Pupquatsch informiert werden. Mir reicht es, alle halbe Jahre beim Friseur einen Artikel in der Goldenen Post zu lesen.
Lass mich endlich in Ruhe, du dämliches, garstiges Internet!
God save the Queen.


29. Mai 2021
Von halbvollen Gläsern

Es ist ja stets eine schwierige Frage, ob ein Glas halbvoll oder halbleer ist. Gestern war allerdings ein Tag, an dem die Gläser bis zum Überschwappen voll waren, ein Glückstag, einer, an dem jemand richtig Schwein gehabt hat. Andrea nämlich, meine Kollegin.
Ich werde gelegentlich etwas unleidlich, wenn ich Menschen, die ich mag, eine Zeitlang nicht sehe. Deshalb lud ich während meines Urlaubs Andrea kurzerhand zu mir ein. Dass sie am späten Abend, als das Essen schon im Ofen brutzelte, vom anderen Ende Hannovers anrief, machte mich etwas stutzig. Sie fände meine Wohnung gar nicht, klagte sie irritiert. Nun, sie stand im Westermannweg, ich wohne aber im Weidemannweg. Was daran die glücklichen Umstände gewesen sein sollten? Na, ganz einfach. Wir leben im Handyzeitalter, ein Anruf, eine Erklärung und schon war sie wieder auf dem rechten Weg. Wäre sie pünktlich gewesen, hätte das mit der Hypnose des einzig freien Parkplatzes vermutlich funktioniert. Aber kaum abgelenkt, manövrierte sich eine fette Limousine in die Lücke. Pech? Keineswegs. Ich dirigierte Andrea in die Nebenstraße und wies sie an, vor meiner Garage zu parken. Nummer fünf. Perfekt.
Ein weiterer Punkt auf der Glücksskala war: Obwohl immer noch pralle Wolken über dem Weidemannweg hingen und Tropfen fielen, diese nur noch spärlich und klein waren, im Gegensatz zum Nachmittag, als ein Wolkenbruch niederging. Ja ja, es schien, als ob der Weg mit Glückskleeblättern bepflanzt war.
Zwischenzeitlich war das Essen zwar nicht mehr heiß, aber was soll ich sagen, Blätterteigtaschen mit Brokkoli und Champignons schmecken lauwarm vorzüglich. Das Glas war halbvoll. Die Weingläser übrigens auch. Ein richtig schöner Abend. Bis zu dem Moment als Andrea kurz vorm Aufbrechen die Farbe meines grünen Garagentores erwähnte. Ich ging in mich, runzelte die Stirn und legte nachdenklich einen Finger über die Lippen. Ich war mir nicht mehr sicher, welche Farbe das Tor hat, dieses Tor, das ich mehrmals täglich öffnete und schloss, das ein wenig klemmte und quietschte. Grün? Nein, auf keinen Fall ist es grün. Wo sie denn genau geparkt hatte, fragte ich besorgt.
Sie holte aus. An einer entscheidenden Stelle hätte sie links sagen müssen, sagte aber rechts. Hui. Wo immer sie ihr Auto geparkt hatte, nicht vor meiner Garage, so viel stand fest. Wir tranken unsere gerade noch vollen Gläser leer und machten uns auf den Weg. Und als hätte es nicht schon genügend Glücksmomente an diesem Abend gegeben, stand ihr Auto fröhlich und vergnügt vor einer wildfremden Garage in der Nachbarstraße. Aus unerklärlichen Gründen trug diese ebenfalls die Nummer fünf. Den Eigentümer aber schien in den letzten Stunden seine Garage gar nicht zu kümmern. Er wollte wohl nicht rein und nicht raus. Und Andreas Auto war weder entführt noch abgeschleppt worden. Also ehrlich, was kann einen Tag noch schöner machen. Leichtfüßig und vergnügt ging ich wieder nach Haus und schenkte mir mein Glas noch einmal halbvoll.
Prost, liebes Glück, schön, dass du da bist, wenn man dich braucht.


28. Mai 2021
Hauskauf mit Folgen

Nie hätte ich gedacht, dass mir der Kauf eines Hauses wunde Knie bescheren würde. Aber jeder der schon mal ein Haus erworben hat, kann ein Lied von den Folgen singen. Da sind aufgeschürfte Knie sicherlich das kleinste Übel. Ich nahm chaotische Zustände, Lärm und Schmutz billigend in Kauf. Ich hatte nämlich ziemlich lange suchen müssen, bis ich die passenden vier Wände fand. Besonders wichtig war mir das Dach, es sollte solide und intakt sein und nicht schon kurz nach dem Kauf eine Sanierung erfordern. Auch bestand ich auf eine massive Bauweise. So etwas zahlt sich aus, dachte ich zähneknirschend als ich mit dem Preis konfrontiert wurde. Schlussendlich war noch die Standfestigkeit entscheidend, schließlich musste es auf meiner Balkonbrüstung befestigt werden.
Ach so, erwähnte ich, dass es sich bei dem Häuschen um einen Nistkasten handelte?
Zunächst ging es ehrlich gesagt nur um eine Art Alibi. Was konnte ich schon für sich angeblich verringernde Vogelbestände? Ich bot ja eine Herberge an.
Schneller als gedacht wurde das Häuschen dann aber okkupiert. Ein nettes, junges Meisenpärchen zog ein. Es war sehr fleißig und hatte umgehend mit intensiven Renovierungsarbeiten begonnen. Auch war es sehr musikalisch, was sich aber im Rahmen hielt, ja, durchaus hübsch anzuhören war.
Dann allerdings passierte etwas, das so nicht abgesprochen war. Bei der Unterkunft handelte es sich genau genommen um einen Ein-Raum-Bau, gerade recht für ein junges Paar. Von Familiengründung war noch keinerlei Rede beim Einzug gewesen. Gleichwohl nahm die Natur ihren Lauf.
Nun weiß jeder, der mich kennt, dass mir Nachwuchs jedweder Art immer sehr am Herzen liegt. Und so stand ich dem überraschenden Geschehen nicht nur sehr schnell sehr frohgemut gegenüber, ich wurde auch sehr rücksichtsvoll. Da ging das mit den Knien los. Wie das nämlich so ist mit werdenden Eltern, sie wurden immer nervöser, und ich tat gut daran, mich nahezu unsichtbar zu machen.
Eines Tages vernahm ich ein kaum hörbares, leises Fiepen. Die Jungen waren geschlüpft. Nun konnte ich wirklich nur noch auf dem Balkon kriechen, wenn ich die jungen Eltern nicht verschrecken wollte, und die dann womöglich ihre Sprösslinge vernachlässigt hätten. Ich robbte also auf allen Vieren zu meinem Komposteimer, ignorierte vollkommen verwahrloste Blumenkästen und duldete einen - ich bitte die Ausdrucksweise zu entschuldigen - beschissenen Balkon.
Indes wurde mein Langmut belohnt. Eines Morgens war das reinste Rambazamba vor der Stubentür. Die aufgeregten Eltern wurden ganz exzentrisch, flatterten unruhig hin und her und zwitscherten und tirilierten in maßlos übertriebener Lautstärke. Die Jungen wurden flügge. Dann drehen Eltern schon mal durch. Das ist so. Ich sah ein kleines vorwitziges Meisenschnäbelchen am Flugloch. Langsam kroch ich zurück, wollte mich auf keinen Fall in innerfamiliäre Angelegenheiten mischen.
Als ich viel später einen Blick aus dem Fenster wagte, schien es mir ruhig auf dem Balkon. Ah, dachte ich mir, ich hab mein Reich wieder für mich allein. Ich schlüpfte in meine Schlappen und trat nach draußen. Just in dem Moment hörte ich ein lautes Gefiepe, fiel instinktiv sofort wieder auf die bereits wundgescheuerten Knie, und da sah ich einen kleinen Nachzügler. Ein klitzekleines Wollknäuel mit gelber Brust und grauem Federkleid stand breitbeinig vor mir und gickelte mich mit weit aufgerissenem Schnabel keck an. Die Jugend von heute eben. Ich nahm es nicht persönlich, kroch wieder ein wenig zurück. Man muss der Jugend Raum lassen, wenn sie sich entfalten soll. Und genau das passierte dann auch. Erst kletterte das Nesthäkchen auf die untere Strebe meines Balkontisches, dann hüpfte es auf den Stuhl, schwang sich aufs Regal und flatterte schließlich auf die Balkonbrüstung.
Hilfe, nein! Pass auf! Fall da nicht runter!
Der kleine Benjamin ignorierte meine Warnungen, breitete seine kurzen flauschigen Flügel aus, flatterte wie eine singende Lerche und flog sodann selbstbewusst durch die laue Mailuft bis in den nächsten Baum.
Ich kriegte das Grinsen gar nicht mehr aus meinem Gesicht. Ich hatte den kleinen Angeber bei seinem Jungfernflug zusehen können.
Wen kümmern bei so einer Portion Herzerwärmendem solche Banalitäten wie kaputte Knie?


13. Mai 2021
Von Fabelwesen

Die Sache mit dem Tier trug sich vor vielen Jahren zu, in einem Sommer, der heiß und dessen Nächte lau waren. Die Jungs zelteten im Garten. Die Luftmatratzen waren längst prall aufgeblasen und die Schlafsäcke ausgerollt. Abwechselnd schaute ich vom Balkon und aus dem Schlafzimmerfenster und beobachtete Taschenlampenpunkte, die an der Zeltplane tanzten. Getuschel und Gekicher verebbten langsam. Ich war zuversichtlich, einer ruhigen Nacht entgegenzusehen. Immerhin hatte ich bei einem der Bengel schon die Erfahrung gemacht, dass er in einen tiefen Schlummer fiel, sobald er in die Waagerechte kam. Als es endlich soweit zu sein schien, beschloss auch ich, mich zur Ruhe zu betten, ging noch fix ins Badezimmer. Gerade hatte ich die Zahnbürste im Mund, die Pasta schäumte tüchtig, als es Sturm klingelte. Ich hatte mich getäuscht, die Rabauken waren längst noch nicht in der Waagerechten gewesen. Müde öffnete ich die Tür und hörte aufgeregte Stimmen im Treppenhaus.
"Karen, Karen, komm schnell! Los, schnell!"
In mir klingelten sämtliche Alarmglocken. Schnell schlüpfte ich in Schlappen und schlurfte und schlitterte die Treppe hinab.
"Was ist passiert?", rief ich, während mein Herz raste, mein Blutdruck stieg und mein Atem flach wurde.
"Im Garten sind weiße Mäuse ohne Schwänze", kam die hysterische, adrenalingeschwängerte Antwort. Ich zog die Stirn in Falten. Mein Sympathikus übergab den Staffelstab wieder an den Parasympathikus. "So, so", erwiderte ich gelassen, "weiße Mäuse ohne Schwänze..."
Geduldig ließ ich es mir gefallen, dass mich die Bande in den Garten zerrte, um mir gleichzeitig furchtsam und tollkühn die wunderliche Sensation zu präsentieren: ein verhuschtes Fellknäuel an der Hauswand. Eine weiße Maus - ohne Schwanz. Eine einzige. Aufmerksam suchten wir im Finstern nach den anderen Fabelwesen, konnten aber keines mehr entdecken.
An Schlaf war in dieser Nacht nicht mehr zu denken. Ich bin keine Faunologin oder wie sich Leute nennen, die sich mit Tieren auskennen, aber dass dieses schwanzlose weiße Tier mit seinem mitleidsheischendem Blick Schutz bedurfte, war offensichtlich.
So kam es, dass es noch in jener Nacht in einen alten Vogelkäfig zog und sich von den Kindern verwöhnen ließ. Am nächsten Morgen brachte ich es zum Tierarzt, der sich auszukennen schien. Das Fabelwesen sei nichts anderes als ein Hamster, bekundete er. Doch, ich kenne Hamster, aber keine weißen mit zotteligem Fell und Dackelblick. Der Tierarzt konkretisierte, das sei ein sehr alter Hamster, ein kranker Hamster, der sehr träge sei.
Nun, ich will an dieser Stelle nicht näher auf die Kompetenz des Veterinärs eingehen. Nur so viel: Einige Tage später schaute mal wieder ein Kind in den Vogelkäfig und fragte, was das denn für Würmer seien, die da im Käfig krabbelten. Wie bereits erwähnt, ich bin keine Fachfrau, trotzdem war ich sofort im Bilde, wusste was passiert war. Dem Tierarzt war eine krasse Fehleinschätzung unterlaufen. Es war kein alter Hamster, sondern eine junge Hamsterin. Er war nicht krank. Sie war gesund. Er war nicht träge. Sie war tragend. Unser Fabelwesen hatte Nachwuchs bekommen. Und plötzlich hatten wir eine Hamstergroßfamilie, die uns mächtig auf Trab hielt, in jenem Sommer, der heiß und dessen Nächte lau waren.


2. Mai 2021
Keine Oma

Sie sind etwa so alt wie meine Enkelkinder, die beiden "Babys", die ich gestern sitten durfte. Wir waren im Zauberwald, hatten viel Spaß und fuhren grad nach Haus, als plötzlich die Frage aufkam, wer ich eigentlich sei. Es ging um die Beziehung, in der wir zueinander standen. Es war schnell geklärt, dass mein Sohn ein Freund ihres Vaters ist, so dass ich da eine Freundmama bin. So weit so gut. Aber was war ich für sie? Eine Tantenoma, sagte ich und fand das eine sehr gelungene Wortschöpfung. Auf der Rückbank brach gurgelndes Gelächter aus. Dachte ich zunächst, es ginge um das lustige Wort, wurde ich schnell eines Besseren belehrt: "Du bist doch keine Oma!"
Ich warf kurz einen Blick in den Rückspiegel auf mein faltenfreies Gesicht und meine blond gefärbten Haare und fühlte mich geschmeichelt. Dennoch wollte ich bei der Wahrheit bleiben und erinnerte die beiden Mäuse an meine Enkelkinder, die sie gut kannten. Sie wussten doch genau, dass ich eine Oma war. Aber nein, das Schenkelklopfen hinter mir ging munter weiter.
"Keine Oma! Du bist doch keine Oma!"
Na gut, dachte ich mir, dann sagt es mir! Sprecht über Jugendlichkeit, über Dynamik, Vitalität und Fetzigkeit. Und so nahm ich die Herausforderung an und fragte mit fröhlichem Singsang in der Stimme: "Warum kann ich denn keine Oma sein?"
Die Antwort entsprach nicht ganz meinen Erwartungen. Im Gegenteil, sie ließ mich - im fahrenden Auto konzentriert hinterm Lenkrad sitzend - ratlos zurück. Das prustende Gelächter auf der Rückbank wurde nur kurz unterbrochen und zwar für die lakonische Feststellung: "Omas können doch nicht Auto fahren."
Wie bitte? Was ist los? Hat hier jemand den Rückwärtsgang eingelegt oder bin ich in eine Zeitmaschine geraten? Wer erzählt den Kindern von heute denn solche Dönekens? Die Behauptung, Omas könnten nicht Auto fahren war schon überholt, als ich so alt war wie meine kleinen Hinterbänkler. Meine Oma konnte nicht nur Auto fahren, sondern Lastwagen. Vollbeladen mit Schweinen donnerte sie damals mit ihrem Chevrolet Viehtransporter über Hannovers Kröpcke.
Um zu zeigen, was Omas so alles können, nehme ich mir vor, das nächste Mal mit dem Motorrad zu kommen, wenn ich die Kinder besuche. Aber wahrscheinlich lachen sie sich dann wieder kaputt, weil eine Oma doch nur im Hühnerstall Motorrad fährt. Manche Fakes halten sich eben hartnäckig neben den offenkundigen Fakten. Ich weiß jetzt schon, dass es im Gnickern und Gackern der Kinder untergehen wird, wenn ich aus voller Kehle für die Seele den Refrain trällere: "Oma ist `ne ganz patente Frau".


18. April 2021
Von Müttern und Falten

Das Alter eines Menschen zu schätzen ist heikel. Setzt man es, besonders bei sehr jungen, zu gering an, ist Stirnrunzeln wohl die mildeste Reaktion. Veranschlagt man zu großzügig, erntet man mit Sicherheit Empörung. Ich bin da keine Ausnahme. Als ich auf der Konfirmation meiner Jahre jüngeren Cousine gefragt wurde, wann ich denn konfirmiert würde, war ich hochgradig brüskiert. Als meine Spanischlehrerin mich permanent korrigierte, mein Sohn könne ja wohl kaum doce, zwölf Jahre alt sein, zwei hieße dos auf Spanisch, da habe ich immerhin schon geschmeichelt geschmunzelt.
Ich selbst hab schon mal - aus reiner Fürsorglichkeit - einem wildfremden jugendlichen Hüpfer die Kippe aus dem Mundwinkel gezogen und mir seinen Ausweis zeigen lassen. Der Schnösel war über zwanzig und hat es sichtlich genossen, mir seinen Pass unter die Nase zu halten. Er hatte Humor - und ich wohl eine ordentliche Portion Glück.
Der Eindruck meines Alters hat in orkanböenartiger Schnelligkeit Dekaden übersprungen. Von der Spanischlehrerin zu dem Typ, der mir ungefragt im Bus Platz machen wollte, war es nur eine marginale Zeitspanne. Nun fragen mich dauernd Leute, wann ich denn in Rente ginge - ist mir auch nicht recht.
Ich wette, meine Kundin Grace hat sich mit solchen Belanglosigkeiten noch nie rumschlagen müssen. Sie wirkt durchgehend jung und jugendlich mit ihrem dunklen, glatten Teint. Das liegt am Melaninreichtum ihrer Haut. Die Sonne kann ihr nicht so einfach Runzeln und Falten ins Gesicht drücken. Ihr Alter lässt sich wirklich schwer schätzen. Ich mag Grace gern. Als ich sie kennenlernte, hatte sie etwas Chaos in ihrer privaten Buchführung. Sie kam mit ihrer Tochter, die nur wenig älter ist als meine Enkelin. Die Tochter sprach besser deutsch als Grace. Gemeinsam haben wir Kontoauszüge sortiert, ich habe eine Mappe angelegt und Grace ein paar Tipps gegeben. Inzwischen läuft die Sache rund. Sprachlich kommen wir auch perfekt zueinander und ich verstehe Grace bestens, wenn sie two-hundert oder drei-hundred Euro abheben will. Das Schönste ist allerdings, dass Grace mich immer anstrahlt, wenn sie kommt und: Sie nennt mich Mama. Selbst wenn sie nebenan am Schalter steht, lächelt sie zu mir herüber und erklärt meiner Kollegin, ich sei ihre Mama. Das behagt mir schon bannig. Die Familie kann ja nie groß genug sein, verwandt sind wir ohnehin alle irgendwie.
Gestern aber hat sich meine Begeisterung schlagartig eingetrübt, so richtig, mit fetten Gewitterwolken sozusagen. Zum ersten Mal benötigte ich für einen Vorgang Graces Ausweis und da sah ich ihr Geburtsdatum. Meine Rechenschwäche hatte sich schlagartig verdünnisiert. Nie ist sie da, wenn man sie braucht. Ich hatte auf den ersten Blick erkannt, dass Grace fünfundfünfzig Jahre alt ist.
Fünfundfünfzig! Ihre Tochter war elf, vielleicht zwölf Jahre alt. Grace ist eine alte Mutter. Das ist ja nicht weiter schlimm. Aber bitte, ich bin einundsechzig, sechs Jahre älter als Grace. Wieso sagt diese Frau Mama zu mir? Was glaubt die denn, wie alt ich bin?
Ich habe tief, sehr tief durchatmen müssen. Aber dann habe ich mich wieder eingekriegt. Mancherorts in Afrika nennt man nämlich Frauen, die Kinder haben, grundsätzlich Mama. Eigentlich etwas sehr Schönes. Man sagt dort ja auch, dass es ein ganzes Dorf braucht, um ein Kind zu erziehen. Welch schöne Vorstellung, die einen geben etwas Verantwortung ab, die anderen übernehmen welche. Für diesen Zweck kann es ja wohl gar nicht genug Mütter auf der Welt geben.
Und dann spielt weder das echte Alter, noch das scheinbare eine Rolle, dann geht es nämlich nur noch um das Alter des Herzens.


24. Februar 2021
Natur in der Stadt

Ich bin so ein richtiger Stadtmensch, wohne ja auch in einer Großstadt. Doch! Hannover ist eine Großstadt. Der Begriff ist schon seit 1887 klar definiert. Von wegen Provinz, jetzt mal Schluss mit dem Geläster! Hannover könnte glatt fünfmal eine Großstadt sein. Hier gibt es alles, was eine tolle Stadt auszeichnet, Theater, Museen, einen Stadtsee, einen Stadtwald, Leuchtreklame, Bars und Restaurants, Verkehrsstau, Hupkonzerte und Graffiti. So eine richtige Großstadtpflanze könnte sich hier purpurglöckchenwohl fühlen. Aber ich bin in Wirklichkeit nicht ausschließlich ein Stadtmensch, ich bin eine Hybridin. In mir schlägt auch noch das sehnsüchtige Herz des Dorfkindes. Wenn ich mit dem Rad durch die Leineauen britze, dann wandern meine wachsamen Bauerntochter-Augen aufmerksam über die Wiesen. Manchmal muss ich dann kräftig bremsen, um nicht vor lauter Kopfschütteln vom Rad zu fallen. So wie gestern.
Nach meterhohem Schneechaos, spiegelglatten Straßen und eiskaltem Wind, klopfte unvermittelt der Frühling an die hannoverschen Stadttore. Nichts wie raus! Das ist ein Leichtes in meiner Großstadt, die so grün ist, dass sogar der Bürgermeister ein Grüner ist. Da könnte man glatt auf die Idee kommen, dass auch die Menschen ein ausgeprägt grünes Bewusstsein haben. Irrtum. Das habe ich gemerkt, als ich an der Leine entlanggeradelt bin. Ich habe die dickstämmigen Kopfweiden bestaunt, beobachtete Enten und Schwäne, die sich im Fluss tummelten, während über mir Kraniche flogen. Die Sonne hatte die Wege getrocknet und das Grün gewann an Intensivität.
Dann kam ich zu den Wiesen, den eingezäunten. "Mehr Natur in der Stadt" war die Überschrift der Infotafel am Wegesrand. Um Biodiversität ging es, um Umweltschutz und Umweltbewusstsein. Den Städtern und ihrem Bedürfnis nach Natur sollte Rechnung getragen werden. Ich las, dass die Wiesen extensiv gepflegt werden, um einen perfekten Lebensraum für Gräser und Kräuter, Insekten, Vögel und sonstiges Getier zu schaffen. Schön, dachte ich mir und schaute auf die Einfriedung. Wie auf dem platten Lande, würde ich auch hier nie auf die Idee kommen, über den Zaun zu klettern. Aber ich bin da sowieso sehr speziell. Ich tue mich auch schwer damit, uneingeladen auf fremden Sofas zu fläzen oder mir bei unbekannten Leuten einen Kaffee einzuschenken, nur weil eine Kanne auf dem Terrassentisch steht und die Gartenpforte nicht abgeschlossen ist. Manche Menschen sind da viel unkomplizierter. Oder sie wissen bloß nicht, was für eine Bedeutung so ein Zaun hat.
Wie, mehr Natur in der Stadt? Da gehört der Mensch ja wohl dazu. Und fix wird das Rad gegen den Baum geknallt, das frische Gras niedergetrampelt und die Picknickdecke ausgebreitet. Käfer gibt's hier? Wo? Kräuter? Was denn für Kräuter? Und dann dauert es nur bis zum Sonnenuntergang und auf der schönen Wiese, die für mehr Natur in der Stadt sorgen soll, liegen die weithin leuchtenden Tücher vom Pöterabwischen, die Plastikdose, die gerade noch randvoll mit leckerem Quinoasalat war, die Zeitung mit den News von gestern. Zeitungspapier verrottet doch, oder?
Ich versuche, es zu verstehen. Mag sein, dass ich den Menschen Unrecht tue, deren Verhalten ich in meiner Selbstherrlichkeit so verachte. Vielleicht sind sie besonders naturbewusst, wollen selbst mal erleben, wie sich Vieh fühlt, das hinter Weidezäunen begafft wird, wollen wie Heuschrecken zwischen fetten Grashalmen springen oder wie Ameisen ganz unten auf der Bodenschicht neben den Bodenbrütern herumkrabbeln.
Die Stadt Hannover will nun Ratschläge von Indigenen zum Umgang mit der Natur einholen. Das ist großartig, aber bis es soweit ist, fragt einfach mal bei den Dorfbewohnern nach. Dort soll es noch einige geben, die lesen können und außerdem wissen, was ein Zaun ist. Oder fragt einen Hybriden, so einen coolen Stadtmenschen, in dessen Brust ein Dorfkinderherz puckert.


8. Februar 2021
Von der, deren Namen ich nicht nennen will

Es geht um Fred. Und es geht um den Trugschluss, dass immer jeder wissen möchte, wer mit wem ins Bett geht. Weiterhin geht es um den Moment, als die, deren Namen ich aus Diskretionsgründen nicht nennen will, ausplapperte, schon einmal einen Fred im Bett gehabt zu haben. Schon in dem Moment als ihr das herausrutschte, wusste sie genau, dass ich diese Geschichte aufschreiben musste. Da ging das Gekicher schon los.
Eigentlich ging es allerdings um einen Maulwurf. Dem, der sich in unserem Garten breitmacht und den ich ab heute nur noch Fred nenne. Seit Monaten versuchen wir vergeblich, das Untier zu vertreiben. Nicht, dass wir generell etwas gegen Maulwürfe hätten. Ich fühle mich sogar geehrt, wenn Experten kundtun, dass sich die Graber nur in besonders naturnahen Gärten wohlfühlten, in solchen, in denen auch Regenwürmer, Larven und sonstiges Maulwurffuttergetier heimisch ist. Trotzdem. Das lästige Tier hat einen unbändigen Appetit auf Blumenzwiebeln, die sorgfältig eingelegt in gute Erde, auf ihre Blühmomente warten. Weiterhin wirft dieser Fred in unserem Garten keine kleinen Erdhügel auf, sondern Berge, massig wie die Alpen. Die Kinder wollen aber nicht Abfahrtski laufen, sondern Fußball spielen. Sehr viele Kinder nutzen den Garten und sie können ordentlich Radau machen. Man könnte meinen, das schlüge den geräuschempfindlichen Unterweltbewohner in die Flucht. Mitnichten. Seine Haufen werden nur noch größer.
Na ja, dachte ich mir, wenn wir ihn schon nicht vertreiben können, dann nähern wir uns ihm etwas unterhaltsamer. Und so kam es, dass ich ein Spiel bestellte, das "Fred im Beet" hieß. Nun muss der geneigte Leser wissen, dass es bei der Betonung des Namens "Fred" durchaus phonetische Unterschiede gibt. Die einen lassen Fred wie "geht" klingen, die anderen sprechen Fred wie "fett" aus. Die, deren Namen ich aus Diskretionsgründen nicht nennen will, gehört zu letztgenannter Personengruppe.
Als das Paket mit dem Spiel bei mir ankam, packte ich es frohgemut aus. Die Anwesenden nickten freundlich, sahen mich wohl schon mit den Kindern im Gras sitzen, würfeln und Pappblumen pflanzen. Aber die, deren Namen ich aus Diskretionsgründen nicht nennen will, warf nur einen flüchtigen Blick auf die Packung. Sie erkannte zwar sogleich, dass sich der kurze Spielename reimte, aber sie las nicht aufmerksam genug. Und sie las laut: "Fred im Bett". Und dann folgte eine Art Reflex. "Einen Fred hatte ich auch schon im Bett." Zwar wollte das niemand wissen, aber wir lachten uns trotzdem kaputt. Sie, deren Namen ich aus Diskretionsgründen nicht nennen will, lachte fröhlich mit. Ungeachtet dessen röteten sich aber auch ihre Wangen ein ganz klein wenig.
Künftig werde ich mir wohl jedes Mal, wenn ich dieses unschuldige "Fred im Beet" spiele, ausmalen, wie ein anderer Fred woanders herumwühlte, nämlich im Bett und zwar mit der, deren Namen ich aus Diskretionsgründen noch immer nicht nennen will. Und vielleicht muss ich dann jedes Mal wieder so brüllend laut lachen, dass Fred, der Maulwurf, dabei so viel auf die Ohren bekommt, dass er endlich Reißaus nimmt.


28. Januar 2021
Was für ein Drama

Wer kennt sie nicht, diese Situationen, in denen man gleichzeitig schreit und heult und fürchten muss, schon im nächsten Moment zu implodieren. Bislang dachte ich, gegen Dramen dieser Art sei kein Kraut gewachsen. Jetzt weiß ich es besser. Das Kraut wächst sogar im eigenen Körper, genauer gesagt im Nebennierenmark. Adrenalin.
Diese Erkenntnis habe ich vorhin innerhalb weniger Minuten gewonnen. Meine Innereien kochten noch wutschäumend über und eine düstere Wolke umhüllte mich, als ich auf die Tankstelle fuhr. Ich glaubte, meine tränennassen Augen spielten mir einen Streich als ich das Feuer sah. Aber es brannte tatsächlich. Ein großer Plastikmülleimer im Eingangsbereich. Alarmiert zog ich meine Augenbrauen hoch und sah mich um. Am Nachtschalter wartete ein etwa Vierzigjähriger darauf, bedient zu werden. Er wagte es offensichtlich nicht, sich einen Weg durch die Flammen zu bahnen. Derweil schlenderte der Tankstellenmitarbeiter, ein schlaksiger Jüngling, herbei und kippte den Inhalt eines Papp-Kaffeebechers (maximal large, auf keinen Fall extralarge) auf das schnell wachsende Feuer. Mein Nebennierenmark bereitete sich auf die Produktion vor. Der Vierzigjährige schaute unbeteiligt herüber. Ich wies den Jüngling daraufhin, dass das bisschen Wasser keinesfalls ausreichend war. Er zuckte mit den Schultern. Das sich bedrohlich ausbreitende Feuer schmolz ein Loch in die Seitenwand des Eimers. Der Vierzigjährige blieb wie angewurzelt stehen, die Flammen schlugen höher. Ich gab dem Schlaksigen den wohlmeinenden Rat, sich etwas zu beeilen, dies sei nämlich eine Tankstelle. Hilflos sah er mich an. Ich entdeckte den Feuerlöscher der direkt neben ihm stand und zeigte mit dem Finger darauf. Meine Adrenalinproduktion lief derweil auf Hochtouren. Den Vierzigjährigen versetzte die Schreckstarre in vollkommene Bewegungsunfähigkeit, physiologischer Schlafzustand. So etwas gibt es bei Säugetieren. Ich rannte zur Tanksäule und holte die Wasserkanne, die immerhin zu zwei Dritteln gefüllt war, lief zurück und kippte den Inhalt in die Mülltonne. Gleichzeitig kam der Bengel wieder angeschlurft und kippte einen zweiten Becher Wasser auf das Inferno. Wie hypnotisiert starrte er auf die hoch züngelnden Flammen. Er schien sich zu wundern, dass das Feuer, trotz des Kaffeebechereinsatzes, noch immer wütete. Das Adrenalin ließ mich zur nächsten Zapfsäule rasen. Ich schnappte einen Eimer randvoll mit Scheibenwischwasser. Damit ertränkte ich das Feuer endgültig.
"Danke", murmelte der Jüngling und sah erst schulterzuckend zu dem unbenutzten Feuerlöscher und dann zu dem geschmolzenen Plastikhaufen und den verkohlten Überresten des Mülleimerinhalts. Anschließend schlafwandelte er zum Nachtschalter, um dem Vierzigjährigen, der langsam aus seiner Starre erwachte, sein Getanktes abzukassieren.
Dann war ich dran mit Bezahlen. Der Knabe nickte bedächtig mit dem Kopf und meinte, er müsse nun ordentlich lüften. Das stimmte, der ganze Raum stank beißend nach Rauch. Ja, dachte ich, freu dich. Du musst nur ordentlich lüften. Wäre Superwoman Karen nicht gewesen, dann hättest du nicht mehr lüften müssen, dann wäre jetzt vielleicht gar keine Tankstelle mehr da. Und dann dachte ich noch kurz, dass das ein echtes Drama hätte werden können.
Wenn jetzt mein Inneres schon wieder kurz vorm Implodieren steht, dann nur, weil diese kleine Schnarchnase nicht in der Lage war, einen Feuerlöscher zu bedienen und die andere Schnarchnase so ungehindert den Totstellreflex ausprobieren konnte.


31. Dezember 2020
Karpfen, Krapfen, Stichlinge

Eigentlich könnte ich in diesem Jahr mal eine Tradition begründen und statt einer Tüte Krapfen einen Karpfen zu Silvester auf den Tisch bringen. In Hannover gibt's ja die Besten, frisch gefischt aus dem Maschsee. Karpfen Blau würde auf den Teller kommen. Das heißt, der Fisch hat noch seine Schuppen, die Schleimschicht färbt ihn blau. Wer sich eine Schuppe ins Portemonnaie steckt, habe Glück im neuen Jahr, verheißt der Aberglaube. Andererseits sind Fische im Wasser auch ein hübscher Anblick. Irgendwie noch hübscher sogar als Fische im Eimer, in der Pfanne, auf dem Teller.
Ich muss an die Stichlinge denken, die die Kinder an jenem Tag vor vielen Jahren aus der Beeke gefischt hatten. Petris Heil war mit ihnen. Ein ganzer Eimer war voll. Die Ausbeute eines einzigen Nachmittags. Es galt, die Fische gerecht unter den Fischenden aufzuteilen. Ich habe bis heute nicht verstanden, warum der Teilungsvorgang nicht am Ufer des Baches vorgenommen wurde. Stattdessen schleppten gummibestiefelte Kiddies ihre Beute in unsere Wohnung im ersten Stock. Die Stachelflosser tummelten sich derweil munter im brackigen Beekenwasser, das auf jeder Treppenstufe lustiger im Eimer schwappte und gluckste. Wo war ich eigentlich in dem Moment? Zu diesem Zeitpunkt hätte ich dem Treiben noch Einhalt gewähren können. Aber ich kam erst hinzu, als der Platz unter dem Stubentisch(!), auf dem Teppich(!) mit altem Zeitungspapier ausgelegt war und der Eimer darauf stand - in Warteposition. Ich warf einen kurzen ratlosen Blick auf das Zeitungspapier. Sollten die Fische in guter alter Verkäufermanier darin eingewickelt werden? Auch konnte ich bis heute nicht klären, warum der Platz unter dem Wohnzimmertisch für die Teilungszeremonie gewählt wurde. Ich sah nur Gummistiefel unter dem Tisch hervorlugen und hörte Bruchstücke eines Gedankenaustausches zum Thema Gerechtigkeit. Wer kriegt wie viele Stichlinge und warum? Sokrates hätte vermutlich seine Freude gehabt, wenn ich das Tun der Kinder nicht augenblicklich unterbrochen hätte. Kann sein, dass ich damals Einfühlungsvermögen vermissen ließ. Ich hatte auch noch nicht so den Zugang zur Philosophie. Ich forderte die Kids unmissverständlich auf, ihren Eimer und die vermaledeite, durchnässte Zeitung zu schnappen und die Fische meinetwegen dort aufzuteilen wo der Pfeffer wächst, aber auf keinen Fall auf dem Teppich in der Stube. Auch nicht unterm Tisch. Punktum! Am Ende schien sich eine eindeutige Mehrheit der Sprösslinge dafür auszusprechen, den Stichlingen die Freiheit wieder zu schenken. Schon bald konnten sich die Fischlein wieder kühlen in der hellen Wasserflut und mussten sich in Acht nehmen vor Graureihern und anderen Fressfeinden, aber nicht mehr vor abenteuerlustigen Kindern. Der Teppich trocknete wieder und der Gummistiefeldreck verschwand im Staubsauger. Meines Wissens ist aus keinem der Kinder ein Fischer geworden, keine Hobbyanglerin, nix.
Und nun gucke ich wankelmütig wie ich es gerne mal bin, die Karpfen an. Am Ende aber stelle ich fest, dass es überhaupt keinen Grund gibt, eine neue Tradition zu begründen. Petri Heil, liebe Maschseefischer, aber ich bleibe doch bei meinen Krapfen. Wie immer kommt nun eine Tüte süßer Gebäckstücke auf den Tisch. Und dann probiere ich es einfach mal und streue ich mir ein paar Zuckerkrümel ins Portemonnaie. Dolce vita. Zucker ist süß und schmeckt lecker. Ganz bestimmt bringt er jede Menge Glück im neuen Jahr.


23. Dezember 2020
Weihnachten zum Haare raufen

Weihnachten im Lockdown sind sehr spezielle Weihnachten, so viel steht fest. Dabei bin ich mir des Segens durchaus bewusst, dass ich mit meinen alten Eltern am Tisch sitzen kann und dass auch der Rest der Familie gesund ist. Trotzdem fehlt was, irgendetwas. Und irgendetwas stört, die Unnähe vielleicht. Hat schon mal jemand überlegt, dieses Wort zu erfinden? Jedenfalls passiert es nun, dass ich ganz allein auf meinem Sofa sitze und meinen Tannenbaum anschaue. Ich habe Zeit. Gefühlt habe ich nie Zeit, und ausgerechnet jetzt in dieser Zeit der Unnähe machen sich die Stunden und Minuten in meiner Stube breit. Ich muss ein wenig Acht geben, dass dieses schwerfällige Karussell in meinem Kopf nicht auf Touren kommt und vergangene Weihnachten in meiner Erinnerung rotieren. Ach ja, wie war das früher als die Stubentür abgeschlossen war und dieses besondere Licht plötzlich durch die Scheibe schimmerte? Bunt verpackte Geschenke kommen mir in den Sinn, der Keksteller, der nur an Weihnachten so bunt und reichhaltig belegt war. Die Wunderkerzen funkeln am Baum. Meine Eltern versuchen, dem zweiprogrammigen Fernseher ein Bild von äsendem Wild in einer Schneelandschaft zu entlocken. Und später, die Weihnachten mit meinen eigenen Kindern, die selbstgebaute Puppenstube und die Duplo-Eisenbahn, der ich einen Elektroantrieb konstruierte, lange bevor die Firma Lego auf die Idee kam. In meinem Kopf tanzen all die Weihnachtsgottesdienste herum, die ich am Lichtschalter in der Sakristei verbrachte, weil meine Kindergottesdienstkinder das Krippenspiel aufführten.
So. Nun sollte das Karussell aber schnell anhalten. Muss ich mich jetzt mit der sternengoldenen, silberglitzernden aber doch auch rosaroten Vergangenheit quälen? Es ist doch zum Haare raufen.
Ja, genau. Es ist tatsächlich zum Haare raufen und exakt das tue ich jetzt. Und da kann ich sie fühlen, die grauen Strähnen, den Ansatz, Spliss und das an Weihnachten. Nur weil die Friseure geschlossen haben und ich sowieso nie Zeit habe - außer gerade jetzt. Ich könnte ja mal in den Schubladen meines Badezimmerschrankes kramen. Gesagt, getan. Eine ziemlich alte Haartönung taucht auf, aus Zeiten, in denen ich noch selbst mein persönlicher Colorist war. Haben Tönungen eigentlich ein Verfallsdatum? Und warum Kupferrot? Mein Haar und ich hatten uns doch längst darauf geeinigt, dass mich ein hübsches Blond, jung und dynamisch aussehen lässt. No risk, no fun. Ich lasse mir einen ordentlichen Schwall Wasser über den Kopf laufen, reiße die Verpackung auf und ziehe die Handschuhe über. Das Zeug, das kupferrote ist schnell zusammengeschüttelt und Scheitel für Scheitel ziehe ich das Fläschchen übers Haar und drücke Flüssigkeit raus. Als die Flasche leer ist knete ich wild und wüst in meinen Haaren herum, als könne das eine Methode sein, jedes einzelne Haar zu erwischen. Während Farbe und Developer einwirken, male ich mir aus in welcher Pracht meine Mähne leuchten wird, wenn ich mein Werk vollendet habe. Kupfer, warum nicht? Passt doch auch irgendwie zur Weihnachtszeit. Nach geduldig ertragenen zwanzig Minuten spüle ich das Zeug wieder aus und meine Badewanne verpasst die einmalige Chance in exklusivem Kupferglanz zu strahlen. Stattdessen scheint eine Maische aus Vogelkirschen und roten Trauben in die Stahlemaille zu laufen, und ich frage mich, wie sehr ich später noch schrubben muss.
Ich trockne das Haar mit einem Handtuch und wage einen ersten Blick in den Spiegel. Maische aus Vogelkirschen und roten Trauben trifft es sehr gut. Es riecht auch so. Ich greife zum Föhn. Bestimmt ändert sich alles, wenn das Haar erst einmal trocken ist. Ich nehme die Rundbürste, nutze einen Kamm und drehe Papilloten in die Haarenden. Mit fortschreitenden Aktivitäten wird das Haar zusehends heller. Ich werfe mal einen Blick in die Normfarbtafel. Kupfer finde ich gar nicht, das scheint ein Farbton zu sein, der einer Interpretation bedarf. Die RAL Nummer 2005 kommt dem Endergebnis am nächsten, sie nennt sich Leuchtorange. Hätte ich die Farbe gleichmäßig verteilt, wären jetzt sicher keine dunkelbraunen Strähnchen, RAL 1817, schokoladenbraun, zwischen den apfelsinenfarbigen Haaren. Trotzdem, alles besser als vorher. Außerdem hat mein Gedankenkarussell seine Fahrten für heute eingestellt. Und hatte ich da nicht noch dieses Rezept mit den Orangen-Schoko-Plätzchen? Ich gehe dann mal in die Küche. Tja, es stimmt, Weihnachten im Lockdown ist schon sehr speziell.


10. Oktober 2020
Hygienemalheur

Früher wurde einmal in der Woche gebadet. Nacheinander stiegen die Familienmitglieder in die Wanne. Ja, das war so. Da besteht jetzt kein Grund, die Augen zu verdrehen. Früher putzte man sich zweimal täglich die Zähne, für Haare gab es Trockenshampoo und am Waschtag kam die Kochwäsche in den Zuber.
Heute mag es andere Hygienestandards geben, aber Sauberkeit, guter Duft und ein gepflegtes Äußeres waren schon immer Indikatoren für zwischenmenschliche Chemie.
Als eine gute Freundin ihren Liebsten kennengelernt hatte und er sie zum ersten Mal zum Abendessen in seine kleine Wohnung lud, hingen auf dem Wäschetrockner fein säuberlich seine sorgfältig geschrubbten und ausgewrungenen Schlüpfer. So viel Reinlichkeit überzeugte meine Freundin. Jahrelang sind die beiden nun schon verheiratet, die Kristallhochzeit steht vor der Tür.
Früher war vieles simpler. Eine Kleiderbürste gehörte in jeden gut sortierten Haushalt und ein Kamm in die Gesäßtasche eines Mannes, der etwas auf sich hielt. Mit Essig und Zitronensäure wurde geputzt und mit altem Zeitungspapier die Fenster gewienert. Heute sieht das anders aus. Ein eigener Schrank wird gebraucht für die Schnäppchen der letzten Putzparty: Clean Spüli, Shiny Orange, Fußbodensystempflegepaste. Der Spiegelschrank im Bad muss ellenlang sein, um genug Regalmeter für all die exklusiven Beauty- und Wellnessprodukte zu haben.
Ach ja, manchmal machen wir uns das Leben selbst kompliziert. Weniger kann mehr sein, das wissen wir doch eigentlich. Ein Blick in Omas Badezimmer beweist es doch. Eine Seife, eine Zahnpasta, eine Bürste. Basta. Das reicht doch. Aber auch in Omas spärlich ausgestattetem Bad kann es zu hygienischen Malheuren kommen, die man sich so nicht ausdenken kann. Ich hab es mit einem jungen Mann aus meinem allernächsten Umfeld erleben dürfen. Es hing bestimmt nicht mit der mangelnden Lesekompetenz der Jugend von heute zusammen. Vielleicht hat es mit dem Verlust lebensnotwendiger Instinkte zu tun oder mit der trügerischen Annahme, eine Tube auf der irgendwas mit "dent" steht, könne nur einem einzigen Zweck dienen. Jedenfalls trug es sich zu, dass eben jener junge Kerl nach mühseliger Farm- und Feldarbeit ein erquickendes und reinigendes Duschbad nahm, dann zur Zahnbürste griff und auf die Tube drückte. Er schrubbte und putzte so leidenschaftlich, wie er es zu Hochzeiten seiner Zahnstellungskorrekturschienenzeit gelernt hatte. Er bürstete sich dem Zenit des Reinlichkeitskultes entgegen. Gib Karius und Baktus keine Chance! Die Zahnputzsanduhr war längst abgelaufen als der junge Mann mit hochrotem Kopf in die Küche gelaufen kam. Schaumbläschen klebten wie Silikonpaste in seinen Mundwinkeln als er die Oma mit aufgerissenen Augen fragte, was denn in der Tube gewesen sei, die im Badezimmer neben den Zahnbürsten lag.
"Kind!", rief die Oma gleichzeitig entsetzt und amüsiert aus und presste die Hände an die Wangen. "Hast du dir etwa mit der Haftcreme die Zähne geputzt?"
Nun. Das hatte er. Die kommende Putzaktion dauerte dreimal so lange wie die vorangegangene. Der junge Mann gewann die Erkenntnis, dass Haftcreme Haftcreme heißt, weil sie haftet. Ich hingegen stellte mal wieder fest, dass früher doch manches besser war. Früher als man einmal in der Woche badete, der Liebste meiner Freundin seine Schlüpfer auf die Leine hängte, Kämme in Taschen steckten und - ja, das war nun mal so - die dritten Zähne gehörig klapperten.


31. August 2020
Nackenhaarnotfall

Immer will ich toll sein. Immer will ich, dass irgendwelche Menschen mich toll finden. Wer will das nicht? An dem schicksalsträchtigen Tag, von dem ich berichten will, wollte ich auch wieder toll sein und ich wollte, dass mein Patenkind mich toll findet. Kann ich nicht wie andere Tanten, das Kind herzlich zum Geburtstag in den Arm nehmen, ein Weihnachtsgeschenk liefern und mal zur Zeugniszeit anrufen, um mich nach den Zensuren zu erkundigen? Nein, ich muss immer noch eine Schippe drauflegen. Ich meine keine monetäre Schippe, sondern eine, die mit der Entwicklung des Kindes zu tun hat. Ich will dazu beitragen, dass das Kind Selbstvertrauen entwickelt, dass es sich geliebt fühlt und ernst genommen. Es soll lernen, dass andere an seine Fähigkeiten glauben. Wenn das Kind Wünsche hat, die mit einem Wimpernschlag zu erfüllen sind - dann kann ich mich nicht dagegen verwehren. So einfach ist das. Außerdem ist das Kind dreizehn und ein Mädchen, es kennt sich aus mit Mode, lackierten Fingernägeln und Haarstyling. Das ist so. Und es hat - zumindest im Fernsehen - schon etliche Models über den Laufsteg flanieren und bei Heidi Klums nächstem Topmodel auch schon mal die Haarpracht zu Boden rieseln sehen. Wenn das Kind sagt, es könne etwas, dann glaube ich daran. Wenn das Kind wünscht und ich Wunscherfüller sein kann, dann bin ich das auch.
Das Kind wollte Haare schneiden.
Ich ging in mich. Was gibt's zu zögern, forderte mich meine innere Stimme, glucksend kichernd heraus. Ich zögerte gar nicht, ich machte lediglich einen Plan. Ich liebe Pläne. Die geben dem Leben eine Struktur. Die Struktur für jene schicksalsträchtige Stunde stand innerhalb weniger Minuten. Ich würde mich auf den Badewannenrand setzen und das Kind müsse sich in die Wanne stellen, so fielen die Haare ins Sanitäracryl. Ich würde das Nackenhaar kämmen und genau zwei Zentimeter Schnitt erlauben. Anschließend würde ich das Hinterkopfhaar abteilen, dem Kind Strähne für Strähne zur Verfügung stellen, genaue Anweisungen geben und innerhalb weniger Minuten ein paar frische Stufen im Haar haben. Danach würde ich den Kopf erst zur rechten Seite, dann zur linken legen, um das Seitenhaar in Ohrennähe gleichmäßig zu kämmen. So wäre es für das Kind ein Leichtes, die Fransen minimal zu kürzen und die Ohren nicht einmal zu berühren. Als letztes würde ich meinen Pony für den Schnitt freigeben. Ich könnte die Brille dabei aufsetzen, sie könnte als Lineal fungieren.
Als alles vorüber war, musste ich mich spöttisch auslachen lassen. Das Friseurhandwerk lerne man schließlich in Jahren. Klugscheißer. Das wusste und achtete ich. Es ging aber nur um ein paar Haarschnippel und nicht um Dauerwelle, Farbe, Kopfhautpflege oder Ondulieren.
Vor allem aber ging es sehr schnell.
Das Kind stand aufgeregt kichernd hinter mir und setzte die Schere an, ich spürte das kalte Metall in meinem Nacken. Links. Ich wunderte mich. Warum schnitt es nicht von rechts nach links der Länge nach die erlaubten zwei Zentimeter ab. Egal, mein Vertrauen war groß. Die Schnitte waren größer. Das Kichern lauter. Als die halbe Nackenlänge ab war, wagte ich einen voreiligen Blick in den Badewannengrund und sah Strähnen, die deutlich... (deutlich!) länger als zwei Zentimeter waren. Ich fiel in das Lachen des Kindes ein, eine reine Übersprungshandlung, die mein Entsetzen kompensieren sollte. Ich nahm einen Handspiegel, stellte mich vor den Badezimmerspiegel und betrachtete mich von hinten. Zwergenzipfelmützen zierten meinen Nacken. Eine ungleichmäßige zackige Linie, lauter Dreiecke, wenige Rechtecke. Wäre Farbe im Spiel könnte ich Kandinsky Model sitzen.
Wir lachten beide unglaublich viel, wir überlachten unglaublich viel. Das Kind lachte seine Selbstüberschätzung und sein Bedauern weg und ich meine Blödheit und Naivität. Und wir lachten voller Freude über die Erkenntnis, die wir gewonnen hatten, nämlich dass auch die dämlichsten - nennen wir es - Missgeschicke es nicht ändern können, dass wir uns sehr gern hatten. Am nächsten Morgen marschierte ich zum Friseur.
"Nö", sagte die Friseurin mit gleichgültigem Schulterzucken, "wir haben keinen Termin frei."
"Ich könnte Ihnen mal zeigen, warum es mir so wichtig ist", wand ich zögerlich ein, drehte mich um und präsentierte mein Nackenhaar.
"Das ist ein Notfall", rief die Friseurin entsetzt aus. "Nehmen Sie Platz!"
Ich setzte mich hin und atmete schwer. Aber schon während ich geduldig und bescheiden wartete und beschloss, meine Haarschneideschere in den Tiefen einer Badezimmerschublade versinken zu lassen, ahnte ich es schon. Es wird trotzdem nicht das letzte Malheur dieser Art gewesen sein.
Denn morgen, morgen werde ich wieder toll sein wollen.


25. August 2020
Menschen, Masken, Milch und Rampen

Es soll ja Menschen geben, die können einen Trecker nicht von einem Auto unterscheiden. Mein Papa gehört eigentlich nicht zu diesen Menschen. Er ist nämlich Bauer. Aber er ist über neunzig Jahre alt, da können Dinge passieren. Ich würde ihm ja von Herzen gönnen, den lieben langen Tag mit anderen alten Männern auf der Milchrampe zu sitzen und den lieben Gott einen guten Mann sein zu lassen. Aber das geht nicht. Mein Vater hat nämlich erstens Hummeln im Hintern und zweitens gibt es keine Milchrampe mehr bei uns im Dorf. Wer weiß überhaupt noch was das ist? Wer kann sich erinnern, dass die frisch gemolkene Milch früher in große Metallkannen geschüttet wurde, die dann zum Sammelplatz gebracht werden mussten, bevor der Laster von der Molkerei sie abholte? Was für eine Plackerei! Ich erinnere mich noch genau, dass meine Mama einmal eine nagelneue, große, grüne Holzkarre zum Geburtstag bekommen hat. Nun konnte sie die Kannen ganz komfortabel zur Rampe schieben. Manchmal durfte ich währenddessen vorn auf der Kante sitzen und meine Beine baumeln lassen. Was für ein Spaß! Und wie sehr hat Mama die Karre gefallen. Ach ja, Zeiten ändern sich. Früher löste ein Geschenk Begeisterung aus, wenn es sich dabei um ein praktisches Arbeitsgerät handelte. Würde mir heute jemand ein neues Schwämmchen schenken, mit dem ich Briefmarken befeuchten könnte, würde ich meine Freude im Zaum halten und das Teil samt Geschenkpapier und Schleifenband an die Wand knallen. Es ist aber auch schon ein systemrelevanter Unterschied, ob man Briefmarken verkauft oder Kühe melkt.
Aber ich schweife ab. Zurück zu den Milchrampen, die es nicht mehr gibt und auf denen Papa deshalb auch gar nicht sitzen kann. Stattdessen sitzt er auf dem Trecker, tagein, tagaus. Pflügt und drillt und grubbert und was sonst noch nötig ist, damit irgendwann der Weizen für die Frühstücksbrötchen im Sack ist. Wer aber den ganzen Tag lang pflügt und drillt und grubbert muss den Trecker auch mal tanken. Da unterscheidet sich so ein Arbeitsgerät gar nicht vom Auto. Ist der Tank erst einmal leer, fährt das Fahrzeug gar nicht mehr.
Das Tanken an sich ist ja keine große Sache. In Coronazeiten aber muss man bedenken, dass man nur mit Maske zum Bezahlen schreiten darf. Zum Glück haben ja die Autobauer der ersten Stunde an die kalten Hände der Fahrer gedacht und empfohlen, in den zugigen, verdeck- und heizungslosen Fahrzeugen, Handschuhe zu tragen. Die Fächer zur Aufbewahrung eben jener haben sie gleich mitkonstruiert. Würde ich nicht schon wieder zu weit vom Thema abschweifen, würde ich mir die Frage stellen, wer in seinem Handschuhfach heutzutage neben dem Handbuch, Kugelschreibern, Quittungen und Strafzetteln, Lippenstiften, Taschenmessern, Taschentüchern und Taschenlampen auch noch Handschuhe hat. Auf alle Fälle gehören heute Masken ins Handschuhfach und auch Papa hat eine darin liegen. Nun kam es aber zu dieser kuriosen Situation an der Tankstelle, von der Papa, geschüttelt von Lachanfällen, berichtete. Es war passiert. Das was ihm, dem Bauern, eigentlich gar nicht passieren konnte. Wie immer − von früh bis spät − war er feldwärts unterwegs, hat geackert, gerackert und kontrolliert. Und dann war der Tank leer. Also nix wie hin zur Tankstelle. Zapfhahn auf und los. In Gedanken war mein Vater vermutlich längst auf dem nächsten Acker. Tank voll. Zapfhahn in die Säule, ab zur Kasse. Schon am Eingang rief ihm die Kassiererin zu, er müsse eine Maske tragen. Das wusste er. Das fand er richtig und wichtig. Das beachtete er. Normalerweise. Aber so ein Trecker hat ja kein Handschuhfach, das rief er der Frau an der Kasse aus der Distanz heraus zu. Er habe eine Maske vergessen, weil er grad vom Feld kam. Nun habe er leider schon getankt. Was solle er nur tun, er wollte nicht zum Zechpreller werden.
"Na gut", grummelte die Kassiererin. "Dann kommen sie schnell und bezahlen. Dafür kann ich aber richtig Ärger bekommen." Das wusste mein Vater, schämte sich, entschuldigte und bedankte sich höflich. Mit der Tankquittung in der Hand ging er wieder nach draußen. Und in dem Moment begann wahrscheinlich sein Lachanfall, von dem er sich lange nicht erholen konnte. Während er nämlich vergeblich seinen Trecker suchte, sah er sein frisch betanktes Auto, dieses Auto mit Handschuhfach, in dem eine Maske auf ihren Einsatz - zum Beispiel an der Tankstellenkasse - wartete. Ja, manchmal fährt ein Bauer nämlich auch mit dem Auto zum Feld. Und mit über neunzig Jahren kann man schon mal vergessen, mit welchem Fahrzeug man eigentlich grad unterwegs war. Da kann es sogar einem Profi passieren, dass er Auto und Trecker verwechselt.
Sowieso alles nur, weil es keine Milchrampen mehr gibt.


23. August 2020
Ein Geist im Tank

Schlimm genug, dass ich ein neues Auto brauchte. Mein altes war mir ans Herz gewachsen, vor allem wegen der Farbe. Nein, es geht hier keineswegs darum, ein Frauenklischee zu erfüllen. Aber mein Auto war bicolor. Unten glänzte es cremefarben und das Dach leuchtete in einem brillanten Rot. "Vanillepudding mit Himbeersaft" nannte ich es liebevoll. Aber auch Pudding ist vergänglich. Je weiter die Kilometerzahl nach oben kletterte, umso unruhiger wurde ich. Der Motor hatte inzwischen einen unverwechselbaren, ureigenen Sound. Unter Tausenden Autos hätte ich ihn mit geschlossenen Augen herausgehört. Immer wieder zögerte ich den Abschied hinaus, obwohl ich längst wusste, dass unsere Trennung kurz bevor stand. Schließlich war da noch mein Garagennachbar. Der zog beim Klang dieses einmaligen Motorensounds alarmiert seine Augenbrauen hoch. Und er rang sichtlich um Fassung, als ich bemerkte, dass Probleme, die von selbst kommen auch von selbst verschwänden.
Es half nichts. Ich musste in den sauren Apfel beißen und mich von meinem geliebten "Vanillepudding mit Himbeersaft" verabschieden. Nun sollte es schnell gehen. Ich hatte nur wenige Vorgaben im Kopf. Zuallererst musste das neue Auto einfach in seiner Bedienung sein, wobei... was konnte schon schwierig werden? Ich habe im Laufe meines langen Lebens schon hinter vielen Lenkrädern gesessen. Es gab wichtigere Kriterien, zum Beispiel, dass das Auto auch hinten Türen hat, damit Mama und Papa einsteigen können, statt mit akrobatischen Verrenkungen die Rückbank zu erklimmen. Der Kofferraum sollte geräumig und ein Kaffeehalter vorhanden sein. Und gratzegrün dürfte das Auto sein oder sonnengelb oder metallisch leuchten. Wieder zweifarbig wäre hübsch, gern auch drei-, vier- oder mehrfarbig.
Nun. Es wurde ein graues. Ich liebe es jetzt schon sehr, nicht zuletzt wegen seiner Zuverlässigkeit und seiner einfachen Bedienbarkeit. Ich habe auch erst ein einziges Mal versehentlich den Notruf betätigt, als ich versuchte, während der Fahrt das Innenlicht einzuschalten. Mit dem Außenlicht hadere ich noch ein wenig. Es leuchtet selbst dann, wenn ich das Licht gar nicht anschalte. Aber das muss so. Ich komme mit dem Fensterheber klar, habe herausgefunden, wann sich die Scheibe nur ein Stückweit herabsenkt und wann sie komplett in der Versenkung verschwindet. Ich kriege auch noch raus, wann der Blinker nur dreimal und wann er dauerhaft blinkt. Ein tolles Auto. Voller Wunder der Technik. Aber ich bin ja auch eine so intuitive Anwenderin von Technik. Liegt mir irgendwie im Blut.
Nun blinkt es orange, der Tank leert sich. Ich stehe an der Tanksäule, wie tausendmal schon in meinem Leben. Intuitiv drücke ich auf die Tankklappe. Sie öffnet sich nicht. Ich drücke rechts und links, oben und unten und mittig. Komisch. Obwohl niemand da ist, fühle ich mich beobachtet. Ich knete die Tankklappe durch, wie ich sonst nur Hefeteig knete. Langsam wird mir die Sache peinlich. Ich sehe mich unauffällig um, strecke so beiläufig wie möglich den Kopf in die Luft und pfeife ein Liedchen. Hurtig springe ich ins Auto und sause heim. Bis nach Hause schaffe ich es mit dem Benzinrest locker. Vor der Garage stehend, greife ich ins Handschuhfach und zücke die Bedienungsanleitung. Dort ist der Vorgang des Tankens exakt beschrieben, angefangen mit der Öffnung des Tankdeckels. Ganz genauso war ich vorgegangen. Ich will es noch einmal probieren, steige aus, drücke auf den Tankdeckel und fixdiwux federt die Klappe auf. Na, so was.
Am nächsten Tag rolle ich frohgemut auf die Tankstelle, habe schon voller Zuversicht den Zapfhahn in der Hand und drücke auf die Tankklappe. Nix. Das kann doch nicht wahr sein. Wütend sperre ich das Auto wieder auf, lasse mich auf den Beifahrersitz fallen, ziehe die Anleitung aus dem Handschuhfach, nur um noch einmal zu lesen, dass ich alles richtig gemacht habe. Ich probiere es erneut und fixdiwux federt die Klappe auf. Staunend schüttele ich den Kopf, mache aber kein großes Bohei, tanke, zahle und verschwinde. Kurzzeitig denke ich noch, es könne vielleicht eine Schraube am Scharnier verklemmt gewesen sein. Als mir das Ganze aber ein drittes Mal passiert, bin ich überzeugt, dass es spukt. Unheimliche Kräfte sind am Werk. Da sitzt ein Geist in meinem Tank und hält von innen die Klappe zu. Das steht aber mal sowas von fest!
Weil gerade kein parapsychologischer Experte in der Nähe ist, erzähle ich meinem Lieblingssohn von meinen rätselhaften Erlebnissen an der Zapfsäule. Er lässt mich gar nicht ausreden. Ob das Auto verschlossen gewesen sei, als ich versucht habe zu tanken, will er wissen. Mehr muss er gar nicht sagen. Es fällt mir wie Schuppen von den Augen. Verflixte Technik. Wer ist und warum überhaupt auf die Idee gekommen, Tankverschlüsse mit der Zentralverriegelung zu koppeln?
Ach, wie anders war doch alles, damals, zu Zeiten von "Vanillepudding mit Himbeersaft".


24. Juli 2020
Von Drachen und Feuerspuckern

Ich habe Freunde in der Sonne besucht. Es war wunderbar. Viel Spaß, schöne Gespräche, lautes Lachen und wunderbar erfrischendes Schwimmen im Meer. Und Sonnenbaden.
Ein klitzekleines Bisschen nur.
Ich habe die Liege zur Sonne gedreht, die Augen geschlossen und die Stille genossen. Ab und an riefen meine Freunde, ich solle lieber in den Schatten kommen, aber Schatten habe ich zu Hause. Ich blieb auch gar nicht lange liegen, zwanzig Minuten vielleicht oder eine halbe Stunde. Es war so bequem. Und ein leichter Wind machte das Ganze zu einer ausgesprochen entspannten Angelegenheit.
Als ich später mit putenkehllappenrotem Gesicht ins Haus kam, rissen meine Freunde die Augen auf und waren nah dran, ein Foto für ihre Sammlung besonderer Kuriositäten und Absonderlichkeiten zu machen. Ich konnte es knapp verhindern. Natürlich nahm ich die Schadenfreude in ihrem Gekicher wahr. Ja doch, sie hatten mir ausdrücklich nahegelegt, in den Schatten umzuziehen.
Eine Weile dachte ich noch, es seien trotzdem richtig gute Freunde, mitfühlende, die mich angesichts meines schmerzhaften, nun rot leuchtenden Gesichts bedauerten. Ich dachte das allerdings nur so lange, bis uns dieser kleine Junge auf der Strandpromenade begegnete. Schnurstraks lief er auf mich zu.
"Weißt du was?", begann er munter und ich fragte mich, warum er ausgerechnet mich als Gesprächspartnerin erkoren hatte. Vielleicht hatte er aber instinktiv erkannt, dass ich kleine Kinder sehr gern mag, sie ernstnehme und ihnen aufmerksam zuhöre.
"Was denn?", fragte ich höflich nach.
"Da drüben, da zuhause", er zeigte auf ein Reetdachhäuschen an der nächsten Straßenecke. "Da haben wir einen Drachen, einen tollen Drachen."
"Oh", gab ich mich erstaunt und hakte nach. "Einen Drachen zum Steigenlassen oder ein Tier?"
"Einen richtigen Drachen", erläuterte er und ließ keinen Zweifel daran, dass das Untier feuerrote Flammen spucken konnte.
"Au weia", zeigte ich mich ängstlich. "Der ist bestimmt gefährlich!"
"Nein", lachte mich der Kleine aus. "Das ist nur ein Spielzeugdrachen", rief er laut und hüpfte fröhlich von dannen.
Na Gott sei Dank, dachte ich und lächelte dem Kleinen selig hinterher. Und dann spürte ich, wie meine Freundin Kathrin mich frech von der Seite ansah.
"Was?", fragte ich.
Sie gab sich neunmalklug, sie wisse genau, warum der Knirps ausgerechnet mit mir das Gespräch gesucht habe.
"Und warum?", fragte ich ungehalten. Ich ahnte Übles, weil sie doch ein wenig hämisch grinste.
"Als er dich und dein feuerrotes Gesicht gesehen hat, konnte er gar nicht anders als an seinen grimmigen, furchterregenden Drachen zu denken." Sie lachte schallend.
Empört sah ich sie an, meine Zornesfalte glühte. Die Blöde. Die soll mal froh sein, dass ich nur ein rotes Gesicht habe und nicht Feuer spucken kann. Das würde nicht gut für sie ausgehen, das steht aber fest.


10. Mai 2020
Küchenextreme

Beim Agieren in der Küche gibt es nur Extreme. Ich meine damit nicht, ob jemand vegetarisch kocht, am liebsten Kuchen backt oder Fleisch brät. Vom Aufräumen und Abwaschen rede ich. Es gibt nur zwei Spielarten, die Beizu-Variante und die Nachher-Abart. Und selbstredend ist nur eine die einzig Wahre. Ich bin eine Vertreterin dieser wahren Variante, gehöre zum Typus sofortiger Abwäscher, Auf- und Wegräumer.
Wenn ich mit meiner Freundin gemeinsam in der Küche stehe, dann steht gleichzeitig auch immer unsere Freundschaft ein wenig auf dem Spiel. Sie ist nämlich eine Vertreterin der Abart.
Dabei ist zweifelsfrei nur mein Verhalten das logische. Ist die Suppe umgerührt, wasche ich den Löffel ab und lege ihn zurück in die Besteckschublade. Ist doch nicht meine Schuld, wenn meine Freundin, nachdem sie noch etwas Salz zur Suppe gegeben hat, eben jene nochmal umrühren will. Soll sie sich doch freuen, dass sie zu einem sauberen Löffel greifen kann. Ich verstehe nie, dass sie dann erst mit großem Trara Tisch und Arbeitsfläche absucht, in die Spüle schaut, auf den Fußboden gar. Wo sollte der Kochlöffel denn liegen, wenn nicht in der Schublade, in der er wohnt? Es ist wirklich anstrengend, ihre rollenden Augen zu beobachten, wenn sie mal wieder irgendein Utensil sucht. Und anstrengend ist auch, dass sie mich anstrengend findet - kann ich gar nicht verstehen. Es ist mühsam, aushalten zu müssen, dass beim Kochen mit ihr überall gebrauchtes Geschirr herumsteht, die Kochtopfdeckel verkehrt herum abgelegt werden und Kartoffelschale nicht schon beim Schälen in den Kompostbehälter wandert.
Meist schmeckt uns das, was wir kochen gleichermaßen gut, aber das ist vollkommen nebensächlich. Ich mag mir gar nicht vorstellen, wie es bei ihr aussieht, wenn ich ihr nicht beim Kochen zur Hand gehe und schon mal Wasser in die Spüle lasse. Bei mir herrscht Ordnung.
Gestern habe ich in meiner schönen, sauberen Küche mal wieder an der Optimierung meines Zuckerkuchens gefeilt. Ein erfolgversprechendes Unterfangen. Als ich den wunderbar gebräunten, appetitlich duftenden, gleichmäßig mit Zucker bestreuten Kuchen, dessen leicht gesalzene Butter in den Hefeteiglöchern geschmolzen war, aus dem Ofen nahm, war meine Küche längst picobello aufgeräumt. Ich schnitt den noch warmen Kuchen und legte die Stücke auf einen Porzellanteller, der zwischen Spüle und Herd stand. Die Standortangabe ist an dieser Stelle nicht unwichtig! Und ich kann so viel vorwegnehmen, der Standort war nicht optimal gewählt. Wie auch immer, in dem Moment genoss ich den Gedanken an bevorstehenden Gaumenfreuden und nahm das buttrig, zuckrige Aroma voller Vorfreude in mir auf.
An den Rändern des Backbleches war ein bisschen Teig festgebrannt. Kein Problem. Flugs etwas Spülmittel aufs Blech und Wasser hinzu. Ursprünglich wollte ich das Ganze ein paar Minuten lang einwirken lassen. Dann aber war mir das schmutzige Blech doch ein Dorn im Auge, lieber würde ich jetzt gleich mit dem Schrubben beginnen. Ich hob das mit Aufweichwasser randvoll gefüllte Backblech an, um es mit allergrößter Vorsicht (und allerkleinster Weitsicht!) über den Kuchenteller hinweg in die Spüle zu balancieren. Und dann ging alles ganz schnell. Eine Sturmflut erhob sich auf dem Blech, schwappte über die Deiche und ergoss sich tosend und schäumend über meinem Zuckerkuchen, meinen wunderbar gebräunten, appetitlich duftenden, nah am Optimalen. Die Brühe lief über den Kuchenteller, an den Küchenschränken herunter, wie Zuckerguss auf einer Hochzeitstorte und tropfte klebrig auf den Fußboden. Fassungslos betrachtete ich das Malheur.
Aber noch bevor ich zu Schwamm und Tuch, zu Schrubber und Eimer griff, beschloss ich, meiner Freundin nix aber auch gar nix von dieser Geschichte zu erzählen. Soll sie sich doch wundern, wenn ich beim nächsten Kochen die Finger vom Spüllappen lasse. Ich kann schweigen, wie ein Nudelholz.


19. April 2020
Von Kritik und Kritikregeln

Mein Neffe behauptet, kein Mensch möge Kritik. Eine vollkommen unsinnige These, die ich persönlich stante pede widerlegen kann. Ich liebe Kritik. Ich fordere sie sogar regelmäßig ein, bin als kreativ Agierende darauf angewiesen. Na klar, wenn jemand meine Texte nicht mag, kann es natürlich sein, dass er einfach nicht zu meiner Zielgruppe gehört. Wer meint, meine selbstgenähte Bluse schlage Fältchen, der hat vermutlich im ganzen Leben noch nie an einer Nähmaschine gesessen. Und wer sein Gesicht verzieht, weil ihm meine Blockflötentöne missfallen, den interessiert offensichtlich nicht, dass meine Wohnung zu klein für ein Klavier ist.
Dass beim Äußern von Kritik wohlwollende Worte statt abgedroschener Phrasen bevorzugt werden sollten, versteht sich ja von selbst. Diesen Grundsatz missachtet man nicht ungestraft. Tut das beispielsweise eine gute Freundin dennoch, muss sie sich nicht wundern, wenn ihr die kalte Schulter entgegengehalten wird. Ich will das Ganze mal an einem Beispiel erläutern.
Man stelle sich vor, es gebe eine ganz ungewöhnliche Situation und weltweit würden Menschen in Quarantäne gesteckt, meideten Sozialkontakte und könnten ihren Lieben nicht mehr begegnen. Das könnten Umstände sein, in denen das Hirn irgendeiner Oma auf diesem Planeten zu Hochtouren aufläuft. Vielleicht entdeckt diese Oma auf ihrem Smartphone das Diktiergerät. Solche Sachen können passieren, wenn man in den eigenen vier Wänden eingesperrt ist und Dinge sieht, die man vorher noch nie gesehen hat, Staubflusen unter Wohnzimmerschränken, Krümel in der Besteckschublade oder eben Handyfunktionen, die man vorher nie zur Kenntnis genommen hatte.
Nun kommt also die besagte Oma auf die Idee, selbsterdachte Geschichten ins Handy zu sprechen und diese an die Enkel zu schicken. Soweit so gut. Vermutlich bekäme die Oma freundliche Kritiken für ihr Tun. Freundliche Kritiken führen allenthalben zu Höhenflügen, wie vielleicht jeder von uns schon einmal erfahren durfte. Diese Oma mag vor diesem Hintergrund etwas übermütig werden, beginnt etwa, ein Lied zur nächsten Geschichte zu komponieren, ein Kinderlied im Viervierteltakt. Dann könnte die Oma zur Tat schreiten, das Lied aufnehmen, mit Gitarrenbegleitung gar, unter der Verwendung weniger Akkorde. Rein hypothetisch könnte die Oma beim Abspielen ihres Musikstückes auf die Idee kommen, gleichzeitig ein weiteres Instrument zu spielen und wieder das Mikrofon einzuschalten. Und am Ende käme womöglich ein Kinderlied mit orchestralem Klang dabei heraus, Gesang mit Gitarre, unterstützt von Flöte, Mundharmonika und eigenwilliger Percussion. Soweit so gut.
Nun ist allseits bekannt, wie hin- und hergerissen kreative Menschen davon sind, das was sie schaffen, wahlweise in fest verschlossenen Schubladen im hintersten Teil des Bettkastens verschwinden zu lassen oder mit Pauken und Trompeten der Öffentlichkeit zu präsentieren.
Nehmen wir einmal an, die besagte Oma wählte einen Zwischenschritt und ließe eine gute Freundin in den Genuss ihres Werkes kommen und wartete auf ein ehrliches Statement. Dabei kämen natürlich, wichtiger als jemals zuvor, oben genannte Kritikregeln ins Spiel. Und nur mal so, um dieses anschauliche Beispiel abzurunden, es könnte passieren, dass jetzt die Freundin sagen würde, die Oma könne sehr wohl bei "Germany's next Topmodel" teilnehmen, nicht aber an "Deutschland sucht den Superstar". Es bleibt jedem selbst überlassen, sich vorzustellen, was solch eine Kritik wohl bewirken könnte.
Abschließend möchte ich an meinen Neffen gerichtet noch einmal betonen, dass ich Kritik sehr wohl liebe. An die Freundin, die gerade meint, ich streckte ihr meine kalte Schulter entgegen: Nein, nein, das bildest du dir nur ein.


31. März 2020
Das Schlüpfergummi

Meine Mama kicherte atemlos ins Telefon und meinen Vater hörte ich im Hintergrund laut lachen. Obwohl ich kein Wort verstand, wusste ich sofort, dass sie sich auf meine Kosten lustig machten. Na toll!
Es fing alles damit an, dass ich mich dazu bekannte, im Mainstream zu schwimmen. Ich finde die Regelungen rund um die COVID 19-Krise sinnvoll. Noch mehr als die viel zitierten Virologen haben mich die Medizinexperten in meiner Nähe überzeugt und die Retter und Krankenhausmitarbeiter, denen ich jüngst gezwungenermaßen begegnet bin. Diejenigen um mich herum, die unter Atemwegsproblemen leiden, jene, die Angst um ihre Lieben in Altenheimen haben, sogar die kritischen Geister an meiner Seite, die ein wachsames Auge auf die Einschränkung verbürgter Rechte haben, sie alle schwimmen mit mir in der Mitte des Flusses.
Ich zügele meine Wut auf solche, die meinen, Verstorbene hätten vom Panzer überrollt werden können, mit nachgewiesenem Virus, wären sie trotzdem in der Corona-Statistik aufgetaucht. Wie zynisch. Aber so ist das nun mal. Es gibt immer welche, die krude Theorien versprühen. Man kann versuchen, etwas dagegen tun: in den Dialog treten - und verdutzt feststellen, dass diese Sorte Kritiker gar keine Kritik wünscht.
Und es gibt solche, die infizierte Tröpfchen versprühen. Dagegen kann man auch etwas tun: Masken nähen. Gesagt, getan. Das ist doch wohl pipileicht, dachte ich mir und sah mir ein Tutorial auf YouTube an. Ich suchte mir Stoffe zusammen, Baumwollreste vom letzten Rock, Überbleibsel vom Kinder-Tipi, ein Halstuch mit ausgefransten Ecken. Und Schlüpfergummi natürlich. Kochfest. Das ist sehr wichtig. Man will schließlich Viren killen. Ich schnitt also den Stoff zurecht, kettelte ordentlich, steckte alles zusammen, nähte das Gummi ein und fixierte den Draht. So etwa ab dem dritten Versuch wurden meine Masken ganz passabel. Beim Blick in den Spiegel überzeugte ich mich vom perfekten Sitz. Meine untere Gesichtshälfte erschien wahlweise bunt gepunktet, hoffnungsfroh himmelblau oder pink mit Sternchen. Selbstverliebt ob meiner schneiderischen Fähigkeiten und der Erkenntnis, dass an mir eine Modedesignerin verloren gegangen ist, schickte ich Selfies in die familiäre Welt. Die Bestellungen ließen nicht lange auf sich warten. Ich nähte, kochte, bügelte und schickte die guten Stücke auf die Reise. Ach ja, brüstete ich mich in maßvoller Bescheidenheit, nun trug auch ich ein Stück zur Rettung der Welt bei. Wenn nur ein Nanopartikel Virenspucke auf seinem vernichtenden Feldzug gestoppt würde, hätte sich all die Mühe gelohnt.
Leider muss ich an dieser Stelle zugeben, dass es rohstoffbedingt zu Problemen in meiner Produktionskette kam. Eigentlich kann es also keine Beweise geben, dass die Masken als medizinische Hilfsmittel taugen. Aber! Hier ist die Geschichte nämlich noch nicht zu Ende. Seit den sechziger Jahren ist es ja wissenschaftlich belegt, dass beim Lachen die Anzahl natürlicher Killerzellen im Blut zunehmen. Und die können Zellen killen, die von Viren befallen sind. Na also!
In dem Moment als meine Eltern gackernd wie die Hühner anriefen, um sich für die Masken zu bedanken, hatten sie jede Menge Killerzellen im Blut. Es war nämlich so, dass meinem Vater gerade ein Schlüpfergummi am linken Ohr hing und er verzweifelt versuchte, das andere Gummi ans andere Ohr zu ziehen, um das Stoffstück vor Mund und Nase zu kriegen. "Warum hat sie nicht..., warum ist denn das..., wie kann man nur...", hörte ich ihn lachend stammeln. Mama schien die Slapstick-Nummer aus vollem Herzen zu genießen, sie kicherte wie ein Backfisch.
Und warum das alles? Weil das dämliche Schlüpfergummi eben doch nicht kochfest war. Eingelaufen ist das blöde Bändsel. Was soll's? Die Nähmühen haben sich trotzdem gelohnt, allein schon für die vergossenen Lachtränen. Und überhaupt, war ja nicht meine Schuld. Wo kochfest draufsteht sollte auch kochfest drin sein. Erst recht doch wohl bei Schlüpfergummi.


3. März 2020
Die Spülmaschine

Es fing damit an, dass meine Spülmaschine, nach Jahren des unermüdlichen Einsatzes, ihren Geist aufgab. Der Kauf einer Neuen ging schnell über die Bühne. Ich wollte einen Einzelhändler aus der Region unterstützen. Und drücken wollte ich mich um Vertriebsprofis, jene gewieften Männer - warum sind es bei mir eigentlich immer Männer - die mir versicherten, die üppige Ausstattung des angepriesenen Gerätes würde mein Herz höherschlagen lassen. Üppig bin ich selbst und noch überlasse ich es nicht einem Haushaltsgerät, meine Herzfrequenz zu beeinflussen. Ich wollte nicht über die bestechend einfache Bedienung beraten werden, als sei ich zu blöd, den Startknopf zu finden, ich brauchte keine edlen Annehmlichkeiten rund um die Reinigung meines nicht vorhandenen Silberbestecks, und erst recht brauchte ich keine Bestätigung, dass sich die Anschaffung auch für einen Single-Haushalt lohne. Also bitte!
Ich hatte nur drei Fragen: "Liefern Sie auch bis in die Landeshauptstadt? Hieven Sie das Gerät in den dritten Stock? Transportieren Sie die alte Maschine ab? Schließen Sie die neue gleich an?" Der Verkäufer beantwortete alle meine Fragen mit Ja und behauptete, es seien vier Fragen gewesen. Ich ließ diese Besserwisserei einfach mal so stehen, zumal er versicherte, er könne schon am Montagmorgen liefern.
Nun galt es, sich zu sputen. Ich brauchte das ganze Wochenende, um meine Küchenschränke auszuräumen, auszumisten, auszuwischen und wieder einzuräumen. Ich sortierte Konservendosen, Nudeln und Reis nach Haltbarkeitsdatum, machte aus einem Papierstapel drei, Kontoauszüge, Rezepte, Sonstiges. Heftete ab, schredderte, legte drei neue Stapel an, wichtig, etwas wichtig, unwichtig. Der Müllsack wurde voll. Das Regal wurde aufgeräumt, die Fronten der Schränke poliert. Ich trug Tisch und Stühle aus der Küche, damit der Monteur Bewegungsfreiheit haben würde. Abschließend stellte ich ein Blümchen auf die Arbeitsplatte, rückte die Kochbücher gerade und wienerte den Boden. Ach, selbst mit kaputter Spülmaschine sah meine Küche aus wie aus dem Katalog.
Die Frage, warum ich die Schränke von innen saubergemacht hätte, ob der Monteur da hineinschauen würde, ignorierte ich geflissentlich. Und dann kam der Montagmorgen. Der Monteur schnaufte die Treppe hoch, stellte seinen enormen Werkzeugkasten ab und fiel auf die Knie. Nicht vor mir, sondern vor der Fußleiste meiner Einbauküche, die er mit gekonntem Handwerkergriff entfernte. Ich ging ahnungsvoll in die Hocke und sah zaghaft unter meine Schränke. Vor vielen Jahren hatte meine Mutter mir erklärt, dass tote Menschen zu Staub zerfallen und unter meinem Bett wohl eine Leiche läge. Ich fand das nur bedingt lustig, musste nun aber überlegen, ob unter meinen Küchenschränken ein Friedhof sei. Mit zerknautschtem Gesicht sah ich den Küchenmann an. Er winkte lässig mit der Hand, das sähe überall so aus, und wer da unten regelmäßig feudele, habe Langeweile. Der Mann würde ein ordentliches Trinkgeld bekommen, das stand schon mal fest. Trotzdem schwang ich das Scheuertuch, als er sich mit der alten Maschine auf den Weg nach unten machte. Als er mit der neuen oben ankam, glänzte der komplette Fußboden.
Es dauerte nicht lange und die neue Maschine ratterte gemütlich vor sich hin. Der Monteur grinste zufrieden. Ich auch. Er verabschiedete sich, ich gab ihm ein Trinkgeld und sah aus dem Küchenfenster, wie er mit seinem Auto aus meinem Blickfeld verschwand. Ich drehte mich um, und betrachtete glücklich meine nun wieder vollkommen funktionsfähige Küche. Trotzdem war ich ein klein bisschen missmutig. Einmal, mindestens einmal hätte er ja in die Schränke, statt nur darunter schauen können.


3. Februar 2020
Ein Pferd auf dem Flur

Meine Freundin arbeitet auch am Postschalter, in Berlin. Wir haben eine Art Wettbewerb laufen. Wer muss Pakete mit dem kuriosesten Inhalt durch die Gegend schleppen. Ich führe. Mit einem Gefrierschrank. Das Kühlgerät klebt hartnäckig in meinem Gedächtnis, wie Eisblumen an einfach verglaster Fensterscheibe. Ich fühle noch den Stolz in mir, als ich es mit Tricks und Kniffen geschafft hatte, den Schrank auf den Hubwagen zu wuchten. Und ich erinnere mich noch deutlich an die Mischung zwischen Schadenfreude und Entsetzen als eine junge Frau den Schrank ganz allein, Zentimeter für Zentimeter aus der Filiale zog. Nie im Leben hätte ich mir träumen lassen, dass es noch besser kommen könnte. Aber nun hat der Eisschrank Konkurrenz bekommen. Das quaderförmige Paket versperrt schon den Gang, als ich die Schicht antrete. Ich muss nicht lange raten, was in dem Karton sein könnte, es steht in fetten Buchstaben drauf. Ein Bund Heu. Nun ist es nicht so, dass ich nicht wüsste, dass Kaninchen, Meerschweinchen und sonstiges Getier gern mal den ein oder anderen getrockneten Grashalm wegmümmeln, aber muss man sich deswegen gleich ein ganzes Bund schicken lassen? Heu gibt es auch in handlichen Beuteln im Handel. Als die Empfängerin ihr Paket abholen will, fange ich vorsichtig an, meine Neugier zu befriedigen. Ob tatsächlich Heu in dem Karton sei, will ich wissen. Die Frage ist nicht unberechtigt, denn ich rieche gar nichts. Und ich weiß sehr wohl wie Heu riecht, gutes Heu, das ausreichend gewendet wurde, von allen Seiten getrocknet und keinen Tropfen Regen abbekommen hat. Hier rieche ich nur Kartonage. Aber die Frau versichert mir glücksstrahlend, dass ich mich tatsächlich grad mit einem Bund Heu abrackere. Zwar mangelt es mir immer noch an Verständnis, aber ich erkundige mich dennoch freundlich nach dem Befinden der Nager. Nein, nein, versichert mir die Gute in vollem Ernst. Das Heu sei nicht für irgendwelche Kaninchen, sondern für ihr - Pferd. Für. Ihr. Pferd. Es sei ganz besonders gutes Heu, das kriege man nicht überall und deshalb lasse sie es sich per Post schicken. Glückselig verlässt die Frau die Filiale, ich bleibe sprachlos zurück. Ein paar duftlose, getrocknete Grashalme rieseln zerbröselt aus dem Karton. So viele Fragen bleiben offen. Während für die Nagetiere mit einem Bund Heu, die Mahlzeiten für lange Zeit sichergestellt wären, hat ein Pferd so ein Bund schnell verputzt. Kommen künftig regelmäßig Heubunde in die Filiale, Rundballen womöglich in Kürze? Wer kontrolliert die tatsächliche Qualität des geruchsfreien Heus, Pferde haben empfindliche Mägen? Und die wichtigste Frage, die die mich einfach nicht loslässt? Wo steht das Pferd? Auf dem Flur? Stünde es in einer Box auf einem Bauernhof, könnte man das Heu ja dorthin schicken lassen. Nach reiflicher überlegung bin ich zu dem Schluss gekommen, dass das Pferd Tür an Tür mit der Frau mit dem Eisschrank irgendwo mitten in Hannover im dritten Stock wohnt, einen sehr robusten Magen hat, aber gerade auf Diät ist. In jedem Fall bin ich nun wohl die Allzeit-Siegerin im Wettbewerb mit meiner Freundin. Hannover hat halt doch Sachen zu bieten, von denen Berlin nicht einmal zu träumen wagt.


15. Januar 2020
Lampenfieber

Auftritt muss ich noch üben. Lampenfieber kann ich schon. Und wie! Der Auftritt mit meiner Impro-Theatergruppe steht bevor.
Sieben Stunden noch.
Ich übe. Nicht, dass man ausgerechnet Impro üben kann, und dann noch allein, aber eine Hummel kann ja auch nicht fliegen. Ich übe also, im Auto. Der Leitzordner auf dem Beifahrersitz ist Heike, das Radio Iris, Birgit die Antenne und Christian guckt mich aus dem Rückspiegel an. Ich denke mir Räume aus und Beziehungen, Gefühle und Situationen, Orte und Tätigkeiten, erfinde Szenen und rede laut. Mein Publikum sitzt in den Autos nebenan und grinst. Vielleicht wegen meiner Gesten und Grimassen. Läuft. Ich finde mich selbst richtig gut und fange laut an zu lachen, nur im nächsten Moment vor Demut zu erstarren. Bin ich größenwahnsinnig? Wie kann ich mir nur einbilden, lustig zu sein. Lustig sind andere.
Sechs Stunden noch.
Ich lerne das Alphabet rückwärts und fange schon wieder an zu schmunzeln und rufe mich zur Ordnung. Nur nicht überheblich werden. Der Zweifler in mir baut sich auf und spielt mit seinen Muskeln. Was, wenn ich vollkommen dämlich spiele und niemand anschließend mehr etwas mit mir zu tun haben will? Ich überlege, ob ich meine Freunde über den Auftritt informieren sollte. Aber was, wenn sie kommen und sich langweilen? Womöglich gucken sie mich anschließend schief an und wollen nicht länger meine Freunde sein. Ich beschließe niemandem Bescheid zu sagen, und hoffe, dass sie alle kommen. Nein, hoffentlich kommt niemand. Dieser Wankelmut bringt mich um.
Fünf Stunden noch.
Sind überhaupt meine Schuhe geputzt? Ich hole Schuhcreme hervor und wienere die Stiefel, als sei ich fünf Jahre alt und wartete auf den Nikolaus. Mein Puls rast, mein Herz klopft. Ich muss noch die Klamotten bügeln. Das Bügelbrett ächzt unter meinen Anstrengungen, das Shirt will einfach nicht glatt werden. Das ändert sich erst, als ich den Stecker vom Bügeleisen in die Steckdose stecke.
Vier Stunden noch.
In der Impro-Whatsapp-Gruppe plingt es ohne Unterlass. Mein Handy glüht. Was ist los mit den anderen? Haben die keine fiebrigen Lampen, die ihnen den Atem rauben? Oder sind das alles Übersprunghandlungen, lieber Gefühle ausbrechen lassen als den Mageninhalt. Kinder, ist mir übel. Die anderen klingen so optimistisch. Ob ich mich krankmelden sollte?
Drei Stunden noch.
Hustenbonbons. Ich packe auf alle Fälle Hustenbonbons ein. Ein Butterbrot? Jemand meinte, man könne verhungern, wer weiß, wie lange der Auftritt dauern würde und die Vorbereitungszeit müsse auch noch addiert werden. Der Trainer warnte vor Unterzuckerung. Schokolade. Wo kriege ich jetzt noch Schokolade her? Trinken. Ich muss was zu trinken mitnehmen. Ich muss jetzt was trinken, unbedingt. Auf keinen Fall werde ich was trinken, womöglich muss ich sonst noch direkt von der Bühne aufs Klo. Das wäre ein Abgang. Wieso habe ich Schweißperlen auf der Stirn? Ich friere.
Zwei Stunden noch.
Ich nehme ein Entspannungsbad, heiß, ermüdend, nach Lavendel und Baldrian duftend. Ich trinke ein großes Glas Cola in der Badewanne und muss mich von meinem Körper anbrüllen lassen, was ich denn nun wolle, Anspannung oder Entspannung. Wann war eigentlich das Treffen, um fünf oder um fünfzehn Uhr? Überhastet springe ich aus der Wanne und rutsche über die Fliesen zum Kalender an der Flurwand. Wo ist meine Brille? Die Lache unter mir duftet nach Lavendel und Baldrian. Treffen ist um 17 Uhr, zwei Stunden Zeit, um eine Dose Gel in die Haare zu kneten. Warum sehe ich ausgerechnet heute so fad und trocken, so langweilig und trantütig aus?
Eine Stunde noch.
Ich esse doch lieber noch eine Kleinigkeit. Nur was? Nudeln aus der Dose, ein Käsebrot und Nutella mit dem Löffel aus dem Glas. War da nicht noch ein Matjes und ein Glas Gurken im Kühlschrank? Bin ich schwanger?
Zehn Minuten noch.
Ich sause los. Satt, sauber, sensibel, stolz und startklar. Mein Herz rast, mein Lampenfieber lässt sich nicht bändigen.
Drei Stunden später.
War das geil! Wir waren toll! Was für ein großartiges Publikum! Dieser Applaus. Blumen, Sekt und Komplimente. So viele lachende Gesichter.
Also ich könnte morgen schon wieder... Lampenfieber? Nö, war bei mir jetzt eigentlich nicht so schlimm.


21. Dezember 2019
Schraube locker

Wenn man ausgerechnet in der Adventszeit eine Schraube locker hat, dann kann das durchaus zu vorweihnachtlicher Unterbelichtung führen. Das merkte ich, als ich den Stern aufhängen wollte, den mir Freunde im vergangenen Jahr geschenkt hatten. Schwarze und weiße Ministecker hatten sich nicht nur - vermutlich im gegenseitigen Einvernehmen - getrennt, sie waren bei der Gelegenheit auch jeweils in ihre Einzelteile zerfallen. Und war da nicht auch noch was mit einer Schraube? Ich grübelte kurz, suchte und wurde wie erwartet nicht fündig. War ja klar. Nicht dass ich jetzt auf Anhieb gewusst hätte, wie die schwarz-weißen Einzelteile wieder zusammenzupuzzlen wären, aber so, mit fehlender Schraube war es ja eh ein hoffnungsloses Unterfangen.
Ich gebe zu, mit fortschreitendem Advent wurde ich sternbezüglich immer unleidlicher. Ich bin ja eher so die Sorte Selbst-ist-die-Frau. Das ist nicht nur eine gute Eigenschaft, der Nachteil ist nämlich, dass man Hilfeersuchen nicht adäquat formulieren kann.
In einem vollkommen unbeabsichtigten Nebensatz ließ ich das Sternenmalheur gegenüber den erwähnten Freunden mal fallen. Sofort wurde mir Hilfe angeboten. Das war mir nun auch wieder nicht recht. Wieso glaubten die, das Problem so schnell lösen zu können. Wenn es so einfach war, musste ich doch wohl selbst dazu in der Lage sein. Und überhaupt, schließlich fehlte immer noch die Schraube.
Irgendwann war ich dennoch genervt genug und bereit, Hilfe in Anspruch zu nehmen. Ich packte das Sternchen in seinen Karton und den Karton ins Auto, für den Fall, dass mich mein Weg mal unvermutet bei meinen Freunden vorbeiführte.
Es waren längst wieder ein paar Tage vergangen, als ich in einer Blechdose mit Bastelkrams kramte. Schon als ich den Deckel hob, sah ich sie. Die Schraube. Sie klebte dort nicht nur säuberlich mit Tesafilm fixiert, daneben war auch ein Zettel mit dem Hinweis, dass dieses Schräubchen zu dem Sternchen gehörte. Ach, ich bin so organisiert und strukturiert, bei mir geht nichts verloren, nur manchmal finde ich es bloß nicht auf Anhieb. Jetzt also könnte ich, wenn ich wollte, mal einen Versuch der Reparatur starten. Ich könnte, wäre der Stern nicht im Auto in der Garage zwei Straßen weiter und ich in meiner heimeligen Wohnung in luftiger Höhe. Och nö.
Aber heute. Endlich. Ein Freund lud mich zum Babysitten ein. Der Freund ist Elektriker. Noch Fragen? Ich nahm einen Stapel Vorlesebücher für die Kids und rein zufällig auch den Stern und das Schräubchen und machte mich rein zufällig sehr rechtzeitig auf den Weg.
"So", sagte ich und breitete mein Equipment auf dem Küchentisch aus. Die Kinder staunten, der Fachmann wunderte sich. Eigentlich hatte ich erwartet, dass er ein bisschen kompetent herumhantierte und dann den Schraubendreher zückte und die Schraube eben dorthin schraubte, wo sie hingehörte. Weit gefehlt. Er eilte mit dem Stern in der Hand die Treppen hinab, ich im Eiltempo hinterher, hielt ich doch die ganze Kabellage in den Händen. Es musste ja nicht unbedingt auch noch ein Kabelbruch passieren. Wir stoppten erst, als wir im Werkzeugkeller ankamen, ein akkurat aufgeräumter Raum, ein OP-Saal konnte nicht besser bestückt sein. Die Standbohrmaschine sah mich bedrohlich an, in der Schublade mit den Maulschlüsseln kleperte es laut, die Schleifmaschine grinste, die Werkbank machte sich breit. Mein Sternchen schien mir genauso eingeschüchtert wie ich. Aber dann ging der Chirurg an seine Arbeit und griff, wie erwartet, zum Schraubendreher.
Es dauerte nur Sekunden und mein Stern und ich strahlten um die Wette. Drei Sachen waren gerade eben gleichzeitig passiert. Erstens hat mich mit voller Wucht die Erkenntnis getroffen, dass man ruhig mal um Hilfe bitten kann, zweitens hatte ich nun keine Schraube mehr locker und drittens war mir auch noch ein Licht aufgegangen.
Wenn das nicht den Geist der Weihnacht spiegelt, dann weiß ich auch nicht.


10. Dezember 2019
Das Blauhemd

Meine seltenen freien Vormittage sind schuld. Immer sind sie vollgestopft mit all diesen Dingen, die auf meiner endlosen To-Do-Liste stehen. Nie, aber auch wirklich nie, wird diese Liste kleiner. Und immer, aber auch wirklich immer, hetze ich an diesen Tagen zur Arbeit, komme selten eine Minute zu früh. Bin außer Atem, obwohl ich mit dem Auto fahre. Die letzten Meter, vom Parkplatz zur Filialtür spurte ich. Klug wäre es, wenn ich mich erstmal einen kleinen Moment sammeln, vielleicht in Ruhe einen Kaffee trinken würde, bevor ich mich ins Gewühl stürzte. Nur gibt es bei uns keine Ruhe, und hätte ich noch Zeit zum Sammeln, würde ich zuhause meine Rezepte oder meine Briefmarken sortieren.
Nee, nee, ist schon ganz gut so, wie ich das mache. Außerdem, das was mir gestern passiert ist, hatte auch gar nichts mit Unaufmerksamkeit oder Stress zu tun, sondern mit blauen Hemden. Ich bin ja sowieso keine Freundin unserer blauen Polyester-Dienstkleidung.
Gestern eile ich also in meine Filiale, als erstes ins Büro meiner Kollegin, um ihr einen guten Tag zu wünschen. Da steht dieser blauhemdige Mann neben ihr am Fenster, lässig wie ein Cowboy. Ein joviales Lächeln umspielt seine Lippen, als er mich sieht. Einen neuen Kollegen erwarten wir nicht, also wohl schon wieder ein neuer Chef. Ich wundere mich. Na ja, warten wir's mal ab. Ich reiche dem Neuen die Hand. Er zögert etwas, bevor er mir seine gibt. Chefallüren!
"Karen", sage ich und füge schnell noch meinen Nachnamen hinzu, nicht erst als ich den verwunderten Blick meiner Kollegin sehe. Das Blauhemd schweigt. Ich bin empört. Ist es nicht eine Frage des Anstands, dass jeder seinen Namen nennt, wenn man sich vorstellt? Trotz meiner guten Erziehung agiere ich etwas ungehalten.
"Kennen wir uns?", gifte ich den Mann im blauen Hemd an. Er antwortet nicht, beginnt stattdessen breit zu grinsen. Von wegen Chefallüren. Bei ihm ist einfach der Groschen gefallen, der bei mir noch in irgendwelchen Gehirngängen klemmt.
"Ich bin ein Kunde", klärt er mich auf und lacht laut, während meine Kollegin peinlich berührt den Kopf schüttelt.
Ich drehe mich um und verlasse mit hochrotem Kopf das Büro.
Manno! Seit wann dürfen Kunden eigentlich ohne ausdrückliche Erlaubnis blaue Hemden tragen, wenn sie in unseren Büros herumlungern wollen? Da sind Missverständnisse doch wirklich vorprogrammiert.


24. November 2019
Die coole Socke

Straßenkünstler - das sind nicht zwangsläufig Pflastermaler oder Musikanten, Clowns und Jongleure. Im Sinne von "Kunst kommt von Können" sind es für mich manchmal einfach Verkehrsteilnehmer, die beherrschen, was sie tun.
Ich begegne diesen Menschen häufig, wenn ich die Straße zu meinem Arbeitsplatz überquere. Da ja immer noch dieses unbedarfte Dorfkind in mir schlummert, steigt mein Blutdruck jeden Tag, den ich diese hochfrequentierte Straße überqueren muss. Da können meine Arbeitskollegen noch so aufmunternd winken, wenn mir die Sache mulmig ist, gehe ich den gefühlt kilometerlangen Umweg zur nächsten Verkehrsinsel, um eine größere Chance zu haben, heil ans andere Ufer zu kommen.
Wie sehr bewundere ich diese LKW-Fahrer, die mit ihrem Lastzug zackig links abbiegen, sich in gerade Position bringen, nur um dann ohne mit der Wimper zu zucken rückwärts und schnurgerade die von mir so gefürchtete Straße überqueren, um in die Lieferzone des benachbarten Supermarktes zu gelangen. Manchmal strecken die Fahrer ihre Köpfe aus dem Fenster und lenken mit einer Hand, während die halbaufgerauchte Zigarette lässig im Mundwinkel hängt. Was für Haudegen. Niemand wagt es, sich mit denen anzulegen. Kein ungeduldiges Hupen ist zu hören, weder von vorn, noch von hinten. Wer so fahren kann, darf sich mit Recht "king of the road" nennen. Ein Künstler, ein Fahrkünstler eben.
Eine Fahrkünstlerin war auch jene junge Frau, die in aller dunkler Früh mit ihrem unbeleuchteten Fahrrad aus der Seitenstraße schoss. Sie drängelte sich an den, ordnungsgemäß Vorfahrt gewährenden Autos vorbei, nahm die winzigste Lücke zwischen den Fahrzeugen in der von mir beschriebenen Straße und fegte wie der Blitz in wildem Zickzack über die Straße, fuhr Slalom über den Fußweg und ward nicht mehr gesehen. Ehrlich gesagt, war sie eher eine Überlebenskünstlerin, die ihren weiterhin pulsierenden Puls den rennpferdschnellen Reaktionen ihrer Mitverkehrsteilnehmer zu verdanken hatte. Und meine Bewunderung für sie hielt sich nicht in Grenzen, sie war schlichtweg nicht vorhanden.
Den Vogel schoss ohnehin die alte Frau ab, die ihren Rollator auf dem Gehweg schob. Die rechte Hand am rechten Griff, den linken Ellbogen am anderen machte sie mit ihrem deformierten, buckeligen Körper einen unglaublich gebrechlichen Eindruck. Das empfanden offensichtlich alle anderen genauso wie ich. Gemeinsam gaben wir größte Obacht und warteten mit Abstand, um der Frau freies Geleit zu gewähren. Auch die Autos, die abbiegen wollten, hielten sich zurück, weil die alte Dame ihren Rollator halb auf dem Bürgersteig, halb auf der Fahrbahn manövrierte. Die Rechtskurve, die sie einschlagen wollte, gelang ihr nicht auf Anhieb, so dass auch den Radfahrern auf dem Radweg Einhalt geboten wurde. Als die Alte endlich in sicheren Gefilden war, kam langsam wieder Bewegung in den gerade noch verstummten Verkehr. Auch ich setzte meine Fahrt fort, langsam und umsichtig, mit achtsamem Blick auf die Rollator Schiebende. Als ich näherkam, glaubte ich meinen Augen nicht zu trauen. Plötzlich erkannte ich nämlich, woher diese seltsam anmutende Körperhaltung der Frau tatsächlich kam. Vermutete ich doch gerade noch, sie litte unter einer äußerst schmerzhaften Körperdeformation, konnte ich nun ganz genau erkennen, warum sie ihren Gehwagen so unkontrolliert durch die Gegend schob und warum sie links den Ellbogen statt der Hand am Griff hatte. Sie war hochkonzentriert - nur leider nicht auf den Verkehr, sondern auf ein Telefongespräch. Sie hielt sich nämlich mit aller Selbstverständlichkeit und Seelenruhe ein Handy ans Ohr. Die alte Socke machte es den Teenies nach und den Wichtigtuern. Und wir waren alle drauf reingefallen, auf ihr Tarnen, Täuschen, Tricksen. Das hätte kein Zauberkünstler der Welt besser hinbekommen. Mir blieb nur fassungsloses Kopfschütteln. Diese coole Socke, die.


8. November 2019
Platz da

Da erzählt mir doch jüngst mein Papa, wie irritiert er war, als im Bus jemand aufstand, um ihm einen Sitzplatz anzubieten, gerade so als wäre er ein alter Mann. Er war buchstäblich entgeistert. Das freundliche Angebot kam für ihn einer Beleidigung doch schon sehr nahe.
"Also ehrlich, das ist wirklich noch nicht lange her", formulierte er schwammig und echauffierte sich noch beim Erzählen. Na ja, seinen Stock habe er vielleicht schon gehabt, einen Rollator keinesfalls. Ich schüttelte nur meinen Kopf und kicherte still in mich hinein. Da will wohl jemand nicht zugeben, dass er älter wird. Mein Vater ist einundneunzig.
Seit heute sehe ich das alles mit ganz anderen Augen.
Manche Menschen sind einfach unverschämt.
Mitten in der Woche zu später Stunde streife ich über die Limmerstraße. Das sagt doch wohl schon einiges über mich aus. Limmern ist nämlich etwas für die Jungen und Junggebliebenen, das weiß doch jedes Kind. Dabei spielt es auch nur eine untergeordnete Rolle, dass ich grad noch in netter Gesellschaft ganz zivilisiert an einem Tisch in einem Restaurant eine Pizza gegessen habe, und nicht mit einer Bierflasche in der Hand über Straßenbahnschienen flaniert bin. Immerhin schlendere ich ja noch zur Bushaltestelle, das kommt dem originalen Limmern schon sehr nahe. Fröhlich und gut gelaunt hüpfe ich also in den ziemlich vollen Bus, der mich heile heimbringen soll. Noch ganz frohen Mutes von dem gelungenen Abend, suche ich mir eine Haltestange und mache es mir auf meinem Standplatz gemütlich. Und dann passiert es.
Ein bärtiger Mann, schwarze, nach hinten gegelte Haare, dunkler Teint und dunkle Augen, springt von seinem Sitz auf und bietet mir einen Platz an. Ja, geht's noch? Was soll das denn? Sehe ich aus, als klappte ich gleich zusammen, eine alte Omi ohne Krückstock? Bleib gefälligst sitzen, du Schleimer. Hast du nicht gesehen, wo ich eingestiegen bin? Limmerstraße! Ich fass es nicht.
"Danke", sage ich kurz angebunden, und bemühe mich nicht wirklich um Freundlichkeit. Dann beharrt der auch noch auf seinem Angebot. Am liebsten würde ich ihm jetzt gegens Schienbein treten.
"Danke", sage ich noch einmal, diesmal etwas energischer. "Ich sitze den ganzen Tag." Was für eine bekloppte Lüge. Ich stehe den ganzen Tag und trage deswegen in meinem jugendlichen Limmerstraßenalter Stützstrümpfe. Aber das muss ich ja nicht zwingend so einem Linienbuspassagierflegel auf die Nase binden. Endlich kapiert er es und setzt sich wieder. Ich freue mich, bin mit der Welt wieder im Reinen. Kurz darauf bremst der Bus plötzlich ab und für einem Moment habe ich das Gefühl, meine linke Kniescheibe macht sich auf den Weg in meine Kniekehle. Und in der nächsten Kurve meldet sich erst meine Hüfte und gleich danach kommt es mir so vor, als kugele gerade meine Schulter aus. Dann kommt auch schon meine Haltestelle - aber natürlich hätte ich noch hundert Kilometer stehend weiterfahren können. Ich steige betont lässig aus dem Bus und verabschiede mich flapsig von dem Bärtigen. Der nickt zwar freundlich, aber ich sehe genau, wie er mit den Augen rollt. Mir doch egal, was der denkt.
Ich denke derweil an Papa und daran, dass ich ihm auf keinem Fall erzählen werde, was mir gerade widerfahren ist. Vielleicht erzähle ich es mal meinen Enkeln, wenn ich einundneunzig bin. Ich kann dann ja genauso schwammig formulieren "das ist wirklich noch nicht lange her". Geht ja niemanden etwas an, dass es das Jahr 2019 war, als ich für einen kurzen Moment das Gefühl hatte, jemand hielte mich für eine alte Frau.


31. Oktober 2019
Ordnungssinn an Halloween

Gruselfilme mag ich nicht, Schreckgespenster auch nicht und Halloween erst recht nicht. Aber ich mag Kinder. Und wenn Kinder sich gern verkleiden als Cowboys, Prinzessinnen oder meinetwegen auch als Monster, dann soll's halt so sein. Dann mache ich den Spaß mit und kaufe Mars und Milky Way ein. Außerdem wohne ich im dritten Stock, wer weiß, wie viele gruselige Gestalten sich bis zu mir nach oben trauen. Bestimmt bleibt etwas Schokoladiges für mich übrig. Zunächst einmal muss ich allerdings achtgeben, dass etwas für die Kinder übrigbleibt. Vermutlich ist es meinem Ordnungssinn geschuldet, aber wenn ich erstmal eine Tüte öffne, dann sorge ich auch dafür, dass sie geleert wird und in den Müll wandert. Es hat mich einiges an Überwindung gekostet, aber als zum ersten Mal die Klingel klingelt, sind noch alle Tüten zu. Ich drücke auf den Summer, reiße die Tüten auf und kippe den Inhalt auf einen Teller, und freue mich auf den Anblick kleiner lustiger Gestalten. Drei Jungs kommen die Treppe hochgeschnauft, einer mit Mütze, alle mit Jeans, Jacken und abgewetzten Turnschuhen.
"Süßes oder Saures", grummelt es dreistimmig und ein wenig gelangweilt.
"Was?", sage ich und schaue die Kinder, kurz vorm Teen-Age, schmollend an. "Ihr seid nicht einmal verkleidet."
Der Junge mit der Mütze zieht sich jene vom Kopf und hält sie sich vors Gesicht und aus dem Grummeln wird ein Brummeln. "Doch, jetzt schon."
Ich bin kein Spielverderber und rücke ein paar Süßigkeiten raus. Es dauert nicht lange und es klingelt wieder. Schritte auf der Treppe. Fröhliches Stimmengewirr im Haus. Jetzt aber! Ich warte auf Prinzessinnen, Ritter und Gespenster. Ich warte vergeblich. Die Beutel werden im Erdgeschoss gefüllt, in der zweiten Etage aufgefüllt, aber für weitere Stufen reicht die Kraft wohl nicht. Ich fürchte schon, ich werde mich allein über die Schokoriegel hermachen müssen. Doch es klingelt schon wieder. Endlich mal ein paar Verkleidungen, ich freue mich.
"Süßes oder Saures", schallt es mir hoffnungsvoll entgegen. Ich stelle mich in den Türrahmen, lege nachdenklich einen Finger an den Mund und warte einen Moment.
"Dann nehme ich Süßes", entscheide ich mich und blicke in eine Reihe fassungsloser Gesichter. Schließlich öffnet eines der Mädchen seinen Beutel und greift hinein.
Der geneigte Leser möge sich beruhigen. Ich kläre den Spaß schnell auf und reiche den Teller mit der Schokolade herum. Die Mädchenaugen leuchten und ich mache ganz schnell noch eine kleine Studie. Während nämlich ein Teil der Mädchen ganz bescheiden einen Schokoriegel vom Teller nimmt, gibt es andere, die nehmen, was eine Hand so greifen kann.
Ich tue mich mit der Meinungsfindung über das Verhalten der Kinder schwer. Zwar verabscheue ich Gier und lobe mir Bescheidenheit. Anderseits ist der Halloween-Drop für dieses Jahr gleich gelutscht und mein Süßigkeitenteller längst noch nicht leer. Ich sprach meinen Ordnungssinn ja bereits an. Also werde ich mich wieder opfern, und meine Hüften müssen sich in Kürze mit einer Menge Kalorien herumschlagen. Was soll's. Bescheidenheit ist zwar eine Zier, zierliche Hüften hingegen sind sowieso langweilig.


26. Oktober 2019
Der Tisch

Ach ja, der Tisch. Wir haben schon eine Menge miteinander erlebt. Kein Wunder, er ist ja auch schon über dreißig Jahre alt. Angefangen hat alles damals bei Ikea. Ein Ausziehtisch sollte es sein, ein rechteckiger, einer an dem ich mit den Kindern Gesellschaftsspiele spielen konnte. Die ganze Familie sollte sich daransetzen können und Freunde auch. Eine lange Reihe Torten musste darauf Platz haben, und Uromas selbstgenähte Tischdecken sollten auch endlich zum Einsatz kommen.
Das perfekte Exemplar war schnell gefunden, damals, als ich mit den Kindern - klein wie sie waren - durch die Lagerregale bei Ikea schlenderte. Oh, das war schon ein Unterfangen, das Riesenpaket mit dem Tisch bis auf den Parkplatz zu karren. Ich klappte die Rückbank meines VW Fox' um, schob eigenhändig das Monsterpaket ins Auto und zurrte den Kofferraumdeckel fest, der sich wegen der Größe des Paketes nicht schließen ließ. Perfekt. Fast perfekt. Denn nun stand ich mit zwei Kindern vor dem Fahrzeug und musste mir schnellstmöglich was einfallen lassen, ich konnte ja schlecht eines der Kinder auf dem Parkplatz stehen lassen. Kurzerhand schnallte ich sie gemeinsam auf dem Beifahrersitz an und wir juckelten los, über die Landstraße, versteht sich.
Es dauerte nicht lange, da nahm ich im Wageninneren komische Gerüche wahr. Was war das? Benzin? Gift? Rauch? Vorsichtshalber rollte ich auf eine Tankstelle zu, in der Hoffnung, dort auf einen kompetenten Mitarbeiter zu treffen. Nun, ich verkürze die Geschichte an dieser Stelle und verschweige die Reaktion des Mannes an der Tankstelle. Nur so viel: Es ist keine gute Idee, mit einem vermeintlich gleich explodierenden Auto auf eine Tankstelle zu fahren. Letztendlich kam der Gestank ohnehin nur von den Abgasen, die durch die offene Heckklappe ins Auto drangen. Manche Menschen können sich aber auch anstellen.
Ich glaube, der Transport hat bei keinem von uns bleibende Schäden hinterlassen. So ganz gefahrlos blieb der Umgang mit dem Tisch aber nie. Eigentlich drohte jedes Mal, wenn ich ihn ausziehen musste, ein Hexenschuss. Schließlich legte ich mich nur noch unter den Tisch, die Hände an ein Ende, die Füße ans andere und schob das Möbelstück auseinander. Aber nun, im gesetzten Alter, ist mir auch das zu anstrengend.
Als es jüngst wieder erforderlich war, den Tisch zu verlängern, bat ich meine Schwester um Hilfe. Sie eilte herbei. Es war sehr spät. Wir waren beide sehr müde, dennoch schlummerte noch die Kraft kleiner Ochsen in uns. Wir zogen so stark, mit so viel Schwung und Energie an dem Tisch, dass urplötzlich kleine Röllchen aus schiefen, schwergängigen Schienen gerieten. Der Tisch gab nach und knallte in zwei Teilen zu Boden. Wenn im selben Moment der Nachbar aus dem Bett geknallt wäre, hätte mich das nicht verwundert.
Kurz ließen uns Lärm und Schreck verstummen. Aber wir wären nicht des gleichen Blutes, hätten wir nicht umgehend die Lösung des Problems im Kopf. Nur gut, dass es weder Kameras in unseren Hirnen noch in meiner Stube gab. Es war nämlich so, dass wir den Tisch in sämtliche Positionen brachten, um den Schaden korrigieren zu können. Als beste erschien uns jene, in der meine Schwester einen Teil des Tisches hochkant festhielt, die Schienen wie hilflos ausgestreckte Arme in Richtung Zimmerdecke. Ich balancierte derweil die zweite Hälfte ziemlich wankelmütig über dem Kopf meiner Schwester. Der Versuch, auf diese Art und Weise den Röllchen den Weg zurück in die Schienen zu ebnen, hatte durchaus etwas von dem Kamel, das sich auf den Weg Richtung Nadelöhr machte. Es kam, wie es kommen musste, und weil ich diejenige war, die oben wankte, muss ich jetzt auch alle Schuld auf mich nehmen. Meine Hälfte des Tisches, Massivholz inklusive Metallschiene und widerborstiger Röllchen, landete auf dem Kopf meiner Schwester.
Das war ganz offensichtlich schmerzhaft. Es war ihr anzusehen. Dennoch muss ich an dieser Stelle festhalten, dass sie Sekunden später einen genialen Gedanken hatte. Wir legten die Tischplatten mit der Oberseite auf den Boden, richteten die Schienen aus und schoben vorsichtig die Röllchen in eben jene. Wir drehten den Tisch um, legten die Einlegeplatte ein, und die Party konnte beginnen.
Es ist also doch etwas dran, an der These, leichte Schläge auf den Hinterkopf erhöhten das Denkvermögen. Sorry, Sissi, aber genauso war es doch.
Ach ja, der Tisch. Was wir wohl noch so miteinander erleben werden?


23. Oktober 2019
Wenn der Dativ sich im Hirn breitmacht

Ich mag die deutsche Sprache. Ich mag es, wenn aus zusammengesetzten Wörtern ein Kompositum entsteht, so lang, dass eine Zeile womöglich nicht dafür ausreicht. Ich stehe zu meiner Liebe zu Adjektiven, auch wenn mich diese Begeisterung daran hindern wird, eine ernst zu nehmende Schriftstellerin zu werden. Vor Adjektiven wird in der Branche nämlich gewarnt wie andernorts vor dem Verzehr von Fliegenpilzen. Ich mag die Fälle, nicht nur die Niagarafälle, sondern auch unsere vier. Dabei liegt mir der vom Artensterben bedrohte Genitiv besonders am Herzen. Und ich kann es nicht ändern, ich neige in dieser Hinsicht ein klein wenig zur Überheblichkeit, korrigiere Menschen, die ihn meiden. Ich tue das nicht mit milder Sanftmut, sondern mit schnippisch hochgezogenem Mundwinkel. Dass das auch anders geht, hat Imke vorgemacht. Sie ist Lehrerin, ich kenne sie erst seit geraumer Zeit. Wir spielen Theater zusammen, Impro-Theater, mit großer Freude und Leidenschaft. Mit einer weiteren Spielerin stellt Imke eine Szene dar, in der es um einen Stein geht.
"Alles wegen dem Stein?", erbost sich Imkes Gegenpart und verzerrt theatralisch gekonnt das Gesicht. Imke nickt bedächtig. "Alles wegen des Steins", bestätigt sie, und ich erkenne in ihr sofort die Schwester im Geiste im gemeinsamen Kampf für den Genitiv. Vermutlich strahle ich vor Begeisterung. Als die Szene vorbei ist, sehe ich Imke glücksüberströmt an und frage sie, ob sie Deutschlehrerin sei.
"Nein", antwortet sie, "warum?"
Ja, warum. Wie komme ich wohl darauf. Ahnt sie es denn nicht, sie, meine Verbündete in der Liebe zur deutschen Grammatik? Muss ich meine Frage wirklich noch begründen? Na gut, dann tue ich es, atme tief ein und erkläre frohgemut und feierlich: "Wegen dem Genitiv."
Ich habe keine Ahnung, wie mir das rausrutschen konnte, so vollkommen unkontrolliert, wie ein Tic bei einem Menschen mit Tourette-Syndrom. Der Dativ hat Schuld, wie immer. Der sitzt hartnäckig an irgendwelchen Synapsen in meinem Hirn. Ich kann gar nichts dagegen tun. Es tut mir leid, ehrlich, lieber Genitiv. Ich halte dich trotzdem weiterhin in Ehren, werde voller Einsatz für dich kämpfen.
Ob Imke allerdings meinen Kampf ernst nimmt, kann ich nicht sagen, sie liegt Tränen lachend und prustend am Boden.


17. Oktober 2019
Extremsport und Leselust

Gibt es eigentlich wissenschaftliche Untersuchungen, ob eine extreme Erschöpfung der Beinmuskeln zu einer abnormen Einschränkung der Leselust und des Lesevermögens führen? Genau das ist nämlich heute nachmittag passiert, nachdem ich stundenlang über harte Betonflaniermeilen marschiert bin. Man kann getrost sagen, ich habe Extremsport betrieben. Doch, auch wenn dabei der ein oder andere Blick in ein Schaufenster fiel, der ein oder andere Schritt in einen Laden führte, das war schlimmster schweißtreibender Sport. Das Ganze übrigens mit einer Person, die mir vor Kurzem noch als radikaler "Bücher-sind-bäh"-Typ vertraut war.
Wir kehrten zur Entspannung in ein Cafe ein, das sich mitten in einem Buchladen befand. Also ein Teil vom Paradies auf Erden.
Und was passiert? Der vermeintlich Leseunlustige schnappt sich eine Lektüre, versinkt zwischen dicht beschriebenen Buchseiten und ist nicht mehr ansprechbar. Ich hingegen hänge in meinem Stuhl, strecke Beine und Zunge aus und schnappatme. Die Bücherwelt versprüht keinen Zauber für mich, das Paradies verwehrt mir seine Freuden.
Neben all meiner Verzweiflung hat mir dieser Nachmittag aber auch eine wichtige Erkenntnis vermittelt: Extremsport ist einfach nichts für mich.


16. Oktober 2019
The higher the better

Was macht man, wenn die Reisebegleitung eine Unterkunft im 54. Stock gebucht hat, man selbst dauernd damit angibt, dass man es "the higher the better" mag und man dann plötzlich doch Muffensausen bekommt?
Toronto - neben Hannover die schönste Stadt der Welt. Hat aber mehr und höhere Häuser als unsere Landeshauptstadt. Also hab ich eigentlich gar keine Wahl. Wie also gewöhne ich mich am besten an die Vorstellung, mich in so luftiger Höhe frei zu bewegen und nicht wahlweise vor Freude oder Respekt zu erstarren? Konfrontationstherapie soll helfen. Okay, gar nicht lange nachdenken. Es gibt ja auch noch den CN-Tower, der ist viel höher, immerhin einer der größten Türme der Welt.
Hochfahren ist kein Problem, hab ich ohnehin vorher schon mal gemacht. Macht mir nix aus. Da müssen spannendere Sachen passieren.
Der Edge Walk. Also los: 356 Meter über dem Boden spaziere ich rund um den Turm, freihändig, 150 Meter weit. Halte meine "toes over Toronto", lehne mich vor und zurück und schäme mich kein bisschen dafür, dass ich mich selbst bewundere. Na ja, ich war festgezurrt in sicherem Gurtzeug, aber das mindert ja meinen Wagemut kein bisschen. Und wenn ich jetzt ganz tief unter mich gucke, ist dort irgendwo der nahezu lächerlich hohe 54. Stock.
The higher the better, sag ich doch.


7. Oktober 2019
Da steht ein Elch

Lange Zeit dachte ich, ich würde nichts vermissen, wenn eines Tages meine Wege zur Arbeit ein Ende fänden. Weit gefehlt. Schon jetzt weiß ich, dass mir der Elch fehlen wird. Dabei kennen wir uns noch gar nicht so lange. Eines Morgens stand er plötzlich einfach so da. Inmitten der Vahrenwalder Straße graste er auf dem Grünstreifen - ein beeindruckendes Tier mit ausladenden Schaufeln. Vernachlässigt schien es zu sein, hungrig und frierend. Mich brachte er trotzdem zum Lächeln. Seit jenem Tag freue ich mich geradezu darüber, wenn der Verkehr auf der Vahrenwalder mal wieder stockt. Dann bleibt mehr Zeit für den Elch und mich, uns aufmunternde Blicke zuzuwerfen.
Als ich jüngst von dem Elch mit seinem großen Schaufelgeweih berichtete, fragte mich jemand voller Skepsis - geradeso als neigte ich zum Geschichten erzählen - ob der Elch auch Beine habe. Was für eine Frage. Beine, Beine..., dieser Elch hat Kufen, Schaukelkufen, na und? Bevor wir uns begegnet sind, hat er sicher schon vielen anderen Freude bereitet. Und nun bin ich dran. Hoffentlich werde ich noch ganz lange zur Arbeit fahren müssen. Den Anblick meines Elches würde ich nämlich sonst schmerzlich vermissen.


24. September 2019
Provisorium hält ewig

Hätte ich keine Spülmaschine, hätte ich es wohl längst von der Tellerwäscherin zur Millionärin geschafft. Ich spüle nämlich ganz gern. Aber es ist verflixt. Weil ich keine Millionärin bin, muss ich selbst arbeiten, kochen, putzen, Wäsche waschen und mich höchstpersönlich um meine Familie, meine Balkonblumen, mein Auto, mein halbes Motorrad und meine Steuererklärung kümmern. Das kostet Zeit. Und diese Zeit fehlt mir zum Teller waschen. Also habe ich eine Spülmaschine. Früher hatte meine Spülmaschine einen Namen, sie hieß Minna. Aber es gab gewisse Familienmitglieder, denen es missfiel, dass ich einem simplen Haushaltsgerät einen Namen gab. Simpel. Mitnichten! Ich vermute, Minna stand kurz davor, Millionärin zu werden, schließlich wusch sie den ganzen Tag Teller. Aber sie gab auf, bevor es dazu kommen konnte, und ihre Nachfolgerin blieb namenlos.
Vielleicht ist die genau deswegen in jüngster Zeit beleidigt und reagiert so verschlossen. Das kann allerdings auch damit zusammenhängen, dass der Türgriff abgebrochen ist. Nun spült die Maschine zwar weiterhin brav Töpfe und wäscht Teller, nur kann ich die sauberen Utensilien anschließend nicht entnehmen. Ich habe einiges versucht, die Tür zu öffnen. Diverse Kratzer an der Front der Maschine zeugen von meinen mehr oder weniger erfolglosen Versuchen.
Es dauerte eine ganze Weile, aber dann kamen mir Johan Petter Johansson und meine Schwester zu Hilfe. Johan Petter hat 1896 eine Rohrzange erfunden. Und meine Schwester besitzt so ein Werkzeug nicht nur, sie hat es mir auch geliehen. Ich betrachte das als dauerhafte Leihgabe und hoffe, sie sieht das ebenso. Eine Rohrzange ist ein großartiges Teil, selbst bei weit geöffnetem Maul stehen sich die Backen noch genau gegenüber. Und ich brauche gerade mal fünf Zentimeter Maulsperre. Einmal angeklemmt, zack ist die Tür offen.
Ein Provisorium zwar, aber ein äußerst taugliches. Und was sagt man so über Provisorien? Sie halten ewig. Und was sagt das über mich? Ich kann weiterhin Teller spülen lassen und muss wohl noch eine Weile warten, bis ich endlich Millionärin werde. Aber, und das muss an dieser Stelle auch noch gesagt werden, mit einer Rohrzange auf dem Küchentisch kann man mitunter ganz schön Eindruck schinden. Man muss ja nicht jedem auf die Nase binden, dass sie nur dazu dient, die Spülmaschinentür zu öffnen.


31. August 2019
Natur und Technik

Schon als Kind habe ich gelernt, dass es sich nicht gehört, mit nacktem Finger auf angezogene Leute zu zeigen. Das will ich auch gar nicht. Ich will nicht einmal Leute sehen. Meine Ruhe will ich, Erholung, meinen Geist schweifen lassen. Im Watt.
Watt ist, wenn nicht der Mund, sondern die Füße schmatzende Geräusche machen, wenn schwarzer Schlick zwischen den Zehen hochkriecht, der Blick bis zum Horizont wandern kann und der Himmel vergissmeinnichtblau ist. Watt ist dort, wo die Seele atmen kann.
Leider gehört mir das Watt nicht allein. Es gehört auch dieser koketten Brünetten, die sich mit regelmäßigen Schulterblicken davon überzeugt, dass ihr Gestelze zum Wasser auch die nötige Aufmerksamkeit findet. Es gehört den rüstigen Senioren, die schnellen Schrittes durch den Schlick schlittern. Den krakeelenden Kindern gehört es, die zwei Krebse entdeckt haben.
Ich ziehe weiter. Das Möwengeschrei übertönt inzwischen das Menschengeschrei. Der Boden unter meinen Füßen ist geriffelt, und vorsichtshalber schaue ich nach unten, achte darauf, wohin ich trete. Nordwestwärts geht die Reise. Ich laufe und laufe.
Gerade als mein Geist sich bereit macht, in die Ferne zu schweifen, bringt mich eine innere Stimme zum Halt. Mitten in der Weite des Weltnaturerbes Wattenmeer halte ich inne und schaue auf. Da steht er vor mir. Gar nicht weit weg von mir. In all seiner Pracht und Männlichkeit, aufgetaucht aus dem Nichts. Bei Ebbe.
Ich starre - vor Verblüffung. Unvermittelt bin ich am FKK-Strand gelandet. Zwar habe ich mich selbst schon im Evakostüm in die Fluten gestürzt, weiß aber auch, dass pure Nacktheit, wo man sie nicht erwartet, durchaus irritieren kann. Aber das ist es nicht. Der Mann vor mir ist nämlich gar nicht komplett ohne, und genau diese Tatsache lässt mich mit großen Augen staunen. Er spaziert splitterfasernackt vom Scheitel bis zur Sohle, aber in der Hand, wie angewachsen, hält er ein Handy. Eine Woge des Mitleids macht sich in mir breit. Der Arme. Gewiss befürchtet er dauernd, etwas zu verpassen. Bestimmt postet er gerade seine von Algen umschlungenen Zehen, aktualisiert seinen whatsapp-Status oder hofft vergeblich auf einen wichtigen Anruf von seinem Chef.
Ich kann einfach nicht weggucken. Bei all dem was an dem Mann baumelt und schlenkert, mein Blick klebt an seiner rechten Hand, dieser Kralle, die das Handy so fest umklammert. Welch eine faszinierende Kombination von Natur und Technik.
Ich weiß, Mama, man zeigt nicht mit nacktem Finger auf angezogene Leute. Aber darf man eigentlich mit nacktem Finger auf nackte Leute zeigen?


20. August 2019
Mineralwasser für Kühe

Die Kühe stehen immer hier, schwarzweiße Flecken auf saftig grüner Wiese. Friedlich wiederkäuend grasen die Hornträger und würdigen die vorbeieilenden Radfahrer und schlendernden Spaziergänger kaum eines Blickes. Kinder klatschen begeistert in die Hände, wenn sie dem Milchvieh nahe kommen und Ältere amüsieren sich höchstens, wenn die Kuh ihre lange Zunge ins Nasenloch schiebt. Ansonsten ist eine Begegnung mit Kühen selten mit Spektakulärem verbunden.
Es sei denn ein Stadtmensch ist im Anmarsch.
Ja, ich weiß. Wer etwas nicht weiß, der weiß vielleicht etwas anderes. Das ist mir klar. Und dennoch kann ich manchmal dem Hang zur Überheblichkeit nicht widerstehen, wenn ich etwas weiß, weil ich es vielleicht mit der Milch eigener Kühe aufgesaugt habe. Warum aber muss es auch Stadtmenschen geben, die einfach mal jedes Klischee erfüllen?
Da war diese Frau, die aufgeregt am Rand der Kuhwiese stand und wild winkte, als mein Bruder mit dem Trecker vorbeifahren wollte. Er hielt an und fragte, was los sei.
"Die Kühe", rief sie atemlos gegen den Treckerlärm an, "die Kühe!"
"Was ist denn?", fragte mein Bruder und sah zu dem Rindvieh auf der Weide, konnte aber nichts Ungewöhnliches erkennen. "Was ist denn los?", wiederholte er seine Frage.
"Die haben gar nichts zu trinken." Die Frau gestikulierte hektisch, ihre Aufregung stieg zusehens, ihr Gesicht wurde rot.
Mein Bruder zog seine Stirn in Falten. "Doch", sagte er lapidar, "da ist eine Pumpe in der Wiese."
Vielleicht war die Tränke von hohem Gras verdeckt, oder die Frau konnte sich gar nicht vorzustellen, dass sich eine vermeintlich dumme Kuh selbsttätig an einer mechanischen Tränke bedienen konnte. Ich will mal glauben, dass es reine Tierliebe und pure Verzweifelung war, die die Frau zur Tat schreiten ließ. Außerdem fordern wir doch alle, dass mehr hingesehen wird, auf Missstände aufmerksam gemacht, dass gehandelt, statt nur geredet wird.
Wenn das Handeln dann mal kuriose Blüten treibt, sollten wir das mit nachsichtigem Schmunzeln quittieren. Ich kann es nicht. Ich muss lachen, lauthals und ausdauernd.
Die Frau hat nämlich - wie sie meinem verblüfften Bruder in aller Ernsthaftigkeit versicherte - den Kühen ihre Flasche Mineralwasser gegeben. Ihre Flasche Mineralwasser!
Es war ganz sicher gut gemeint und bestimmt weiß die Frau Sachen, von denen ich noch nie im Leben gehört habe. Aber eine Flasche Mineralwasser!
Kühe brauchen um die 50 Liter Wasser am Tag.
Eine Flasche Mineralwasser! Wie muss ich mir das vorstellen? Alle zwanzig Kühe standen in Reih und Euter am Zaun und die Frau hat jeder einzelnen einen Tropfen Wasser auf die raue Zunge geträufelt? Ich sollte aufhören zu lachen. Aber ich kann es einfach nicht.
Eine Flasche Mineralwasser!


14. August 2019
Hasen, Tauben und Schlüpfertypen

Mein Name ist Hase.
NEIN! Mein Name ist nicht Hase. Und dennoch ist es schon wieder passiert. Jemand hat mich so genannt. Ausgerechnet Hase! Sehe ich aus, als wüsste ich von nichts? Die Wortherkunft von "Hase" lässt sich auf "Graues" zurückführen. Was soll mir das sagen? Womit genau wecke ich Assoziationen zu einem grauen Schlitzohr?
Mein Name ist Karen. Diesen Namen haben sich meine Eltern liebevoll für mich ausgesucht und deshalb möchte ich auch so genannt werden.
Es bedarf keiner Alternative und somit auch keinerlei zoologischer Kreativität.
Die wenigen Ausnahmen, die ich dulde, liegen alle im sehr privaten Bereich. Wenn mich mein Enkel zum Beispiel Omikari nennt, dann klingt das zwar auch tierisch nach Okapi, ich schmelze trotzdem dahin. Ruft mir aber ein erwachsener Mann in einer Alltagssituation "Hase" zu, dann weiß ich, dass das nicht aus zärtlicher Zuneigung geschieht, zumal ich fast nie der einzige Hase bin, der an Ort und Stelle durch die Gegend hoppelt. Die nächste Freundin, die den Raum betrifft, die nächste Kollegin, die am Arbeitsplatz erscheint wird auch als langohriges, rammellustiges Säugetier tituliert.
Reine Bequemlichkeit ist im Spiel. Ein Mann, der ein Hasenharem sein Eigen nennt, muss sich nicht eine Vielzahl verschiedener, mitunter komplizierter Namen merken. Zur Hilfestellung habe ich einem jener Hasenrufer mal meinen Namen nach DIN 5009 buchstabiert: Kaufmann, Anton, Richard, Emil, Nordpol. Der Besagte sah mich mit verblüfft aufgerissenen Augen an und fragt sich vermutlich immer noch, was irgendein Kaufmann Anton am Nordpol so treibt.
Meine Wünsche bei meinem Namen gerufen zu werden, bleiben bei Teilen der männlichen Bevölkerung wohl auch deshalb so hoffnungslos unerhört, weil es Frauen gibt, die sich geschmeichelt fühlen, wenn sie Hase oder Rehlein genannt werden. Es gibt Frauen, die glauben wirklich, sie stellen etwas Besonderes dar, wenn sie ein Irgendjemand - nicht der eigene tolle Täuberich beim gemeinsamen Turteln - Täubchen nennt!
Was ist los mit euch, Frauen? Tauben scheißen Balkone und Marktplätze voll, Hasen fressen ihren eigenen Kot und werfen mehrmals im Jahr massig Junge. Ein Reh wird aufgrund seiner Körperform und Bewegungsart als Schlüpfertyp klassifiziert (ja, googelt das ruhig mal!). Wollt ihr das wirklich, ihr Frauen der Welt?


9. August 2019
Die alte Frau mit der Mundharmonika

An der roten Ampel am Königsworther Platz dachte ich einen kurzen Moment, sie könnten meine ersten richtigen Fans werden, die drei Jungs im Auto neben mir. Ich spiele Mundharmonika, wenn hannoversche Ampelphasen mich zur Tatenlosigkeit verdammen. Mein Spiel wird immer besser, das sagt mehr über Hannovers Verkehrspolitik als über mein musikalisches Talent aus.
Aus dem Augenwinkel sehe ich ins Auto neben mir. Der Beifahrer boxt seinem Freund grad in die Rippen, wohl damit auch dessen Aufmerksamkeit mir zuteil wird. Der Hinterbänkler hat sich längst zum Fenster gelehnt, um besser schauen zu können. Erstaunen steht den Gesichtern. Ich kann nicht gut spielen, wenn ich grinsen muss und reiße mich zusammen. Meine Autoscheibe ist nur einen Spalt geöffnet. Die Jungs kurbeln ihre Fenster komplett herunter und gestikulieren wild. Wie ich es liebe, diese verblüfften Spätpubertierenden zu beobachten. Ihre Fassungslosigkeit, ihre überheblichkeit und gleichzeitig diese Spur von unterdrückter Bewunderung. Ich lasse meine Scheibe ein Stück weiter herunter und mache ein paar Bending-Übungen, die klingen, als folge sogleich ein Stück von bedeutsamer Virtuosität. Das folgt natürlich nicht. Die Jungs nebenan gröhlen trotzdem, strecken ihre Daumen in die Höhe und nicken wie im Takt. Souverän nehme ich die Mundharmonika von den Lippen und ziehe halbherzig einen Mundwinkel hoch.
"Was soll man machen, wenn die Ampel so lange rot ist?" Gelangweilt zucke ich mit den Schultern.
"Ja ja, völlig normal dann Mundharmonika zu spielen", feixen sie prustend und kriegen sich nicht mehr ein. Eine Welle jugendlicher Arroganz schwappt in mein Auto. Mit der überlegenheit einer alten Frau lehne ich mich zufrieden zurück. Es wird grün. Der Motor des Jungsautos heult nur auf, sie verpennen den Start. Belustigt schüttele ich den Kopf, lege den ersten Gang rein und rolle los, in der rechten Spur. Es dauert noch einen Moment bis die breit grinsenden Halbstarken mich überholen, mit hochtourigem Motorengewumme.
Nein, sie werden nicht meine Fans. Aber sie werden ihren Freunden von mir erzählen, von der Alten, der sie an der roten Ampel begegnet sind. Und die Freunde werden sich auch auf die Schenkel klopfen. Und sie alle werden sich nicht vorstellen können, dass ich unser kleines Intermezzo noch viel mehr genossen habe.


17. Juli 2019
Von Freundlichkeit und Schönheit

Manno, jetzt werde ich schon gezwungen, Geschichten gegen meinen Willen aufzuschreiben.
Ich muss mal kurz überlegen, wie ich diese formuliere, um dabei nicht allzu schlecht wegzukommen. Ich könnte das Ende vorwegnehmen. Es war auch das Ende, das Ende eines langen Arbeitstages, und der Kunde um den es geht war der Letzte. Also wirklich, der Letzte! Auch könnte ich verraten, dass die Geschichte insofern ein Happy End hatte, als dass meine Kollegin Sümi und ich zum Schluss kaum mehr aufhören konnten zu lachen.
Aber nun doch von Anfang an. Jener bereits erwähnte Kunde hatte irgendwie Redebedarf und schien die Gesellschaft meiner Kollegin zu genießen, eine Minute vor sechs genauso wie sieben Minuten nach sechs. Längst waren alle Fachfragen geklärt, da zückte er noch eben mal sein Handy - offensichtlich in Unkenntnis der korrekten Bedienung. Meine Kollegin nahm das Telefon zur Hand, schielte dabei unauffällig zur Uhr, lächelte ein bezauberndes Lächeln und gab es dem Kunden mit formvollendeter Charmeoffensive zurück. Er konnte vor Begeisterung kaum mehr an sich halten, ob er noch etwas sagen dürfe, fragte er. Hätten wir die Chance gehabt, hätten wir angesichts der Paketberge, die im hinteren Bereich noch auf uns warteteten, beide lauthals NEIN geschrieen. Aber der Glückbeseelte wartete keine Antwort ab, sondern flötete meiner Kollegin mitten ins Gesicht.
"Sie sind sehr freundlich. Und sehr hübsch."
Während sie sich artig für das Kompliment bedankte, wanderte sein Blick zu mir.
Ich wartete.
"Sie, Sie sind auch sehr freundlich", stotterte er eifrig. Aber dann entstand eine Pause, die trotz ihrer Winzigkeit zu groß war. Ja, der geneigte Leser weiß um meine dicken Nölpferdbeine, meine Schlupflider und mein widerspenstiges Haar. Und wer Sümi kennt, muss neidlos anerkennen, dass ihre Gesichtszüge wie modelliert anmuten.
Freundlich! Noch nie im Leben klang ein Kompliment für mich wie eine Beleidigung. Ja, ich bin freundlich. Und? Und was noch? Ich wartete und starrte den Kunden an. Er kam schließlich noch drauf.
"Und Sie sind... sind auch sehr hübsch", beeilte er sich zu versichern und verließ fluchtartig unsere heiligen Hallen.
Wie gesagt, wir konnten uns zwar den Rest des Abends vor Lachen kaum halten. Trotzdem. Ein klitzekleiner Stachel bleibt, auch deswegen, weil Sümi darauf bestand, dass ich die Geschichte aufschreibe.


14. Juli 2019
Das Nölpferd und ich

Ich kannte es nicht.
Mag sein, dass es vielen Menschen vor mir schon über den Weg getrampelt war. Ich hatte das Nölpferd noch nie im Leben gesehen. An diesem Samstag jedoch, stampfte es mir vors Auto. Grummelnd, schnaufend, mit hängenden Lidern, fettem Hintern, kurzen, dicken Beinen und wütend aufgeblähten Nüstern klebte es am Heck des Autos vor mir. Es kam mir vor, als schaute ich in einen Spiegel. So wenig bezaubernd wie der Anblick war, konnte ich dennoch nicht aufhören, Freudentränen zu vergießen.
Mein Ebenbild! Mein Blutsbruder! Mein Nölpferd-Seelenverwandter! Was fühlte ich verbunden mich diesem Geschöpf, das so augenscheinlich mit der ganzen Welt haderte.
Warum war mir dieses Nölpferd noch nie begegnet? Wo hatte es sich versteckt, all die Jahre in denen ich mit meinem Schicksal im Clinch gelegen hatte? Uns verbindet so viel mehr als Äußerlichkeiten. Wir planschen gleichermaßen im Trübwasser, fressen Pflanzen, lieben unseren Nachwuchs und reißen manchmal unser großes Maul auf. Auf ausgetretenen Pfaden stampfen wir durchs Leben. Immer auf der Hut vor Löwen und Krokodilen. Na gut, Löwen bei mir weniger. Krokodile auch eher selten. Aber trotzdem!
Nölpferde sind übrigens genau wie Nilpferde mit Walen verwandt. Wer wünscht sich nicht, einmal den Gesang von Walen zu hören. Hat schon jemals jemand ein Hippo singen hören? Hat schon jemals jemand gesagt, ich, Karen, solle mal ein Liedchen singen? Hat schon mal jemand von der Eleganz eines Nölpferdes gesprochen? Oder von meiner?
Ich erzähle meiner Schwester von meiner Begegnung mit dem Nölpferd. Sie lacht Tränen. Die Blöde. Sie nimmt mich sowieso nie ernst. Faselt immer was von Selbstwahrnehmung und Fremdwahrnehmung. Sie hat ja auch gut lachen mit ihren langen, schlanken Beinen und den nicht vorhandenen Schlupflidern.
Nöl!


3. Juli 2019
Frau Gärtner

Ach, ich hab es ja leider nicht so mit Namen und Gesichtern. In mir breitet sich stets Unbehagen aus, wenn Kunden auf mich zukommen und eine Begrüßung flöten, die mich vermuten lässt, wir seien uns schon mal begegnet. Aber manche Kunden kenne ich inzwischen ganz gut. So wie Frau Gärtner.
Frau Gärtner ist nett. Und empathisch. Sie hat schon mal mitleidsvolle Worte gefunden, als ich mich mit allzu kaputtem Rücken zur Arbeit gequält hatte und mich kaum rühren konnte. Ihr Mitgefühl hat meine Bandscheiben gleich ein wenig aufgebaut. So etwas vergesse ich nicht. Frau Gärtner ist vielleicht zehn, fünfzehn Jahre älter als ich, einssiebzig groß, hat ein schmales Gesicht und eine goldrandige Brille. Sie trägt einen kieselgrauen Kurzhaarschnitt, sehr gepflegt und dennoch ein wenig strubbelig.
Als sie heute vor mir stand, fiel mir sofort ihr symmetrisch geordnetes Haupthaar auf.
"Oh", sage ich fröhlich freundlich, "kommen Sie gerade vom Friseur?"
Frau Gärtner strahlt, wie ich sie noch nie hab strahlen sehen, und verlegen streift ihre rechte Hand die Peripherie ihrer Haarpracht.
"Nein", sagt sie, "das mache ich immer selbst."
"Wirklich?", staune ich. "Das hätte ich nicht gedacht." Genauso ehrfürchig wie irritiert betrachte ich die tolle Elvisrolle über der Stirn, man ahnt noch den Lockenwickler, der sie in Form gebracht hat. Der Rest des Haares wogt in Nordseewellen. Nur die Farbe ist wie gewohnt, kieselgrau.
"Ich rolle sie immer mit der Rundbürste auf, das geht ganz fix", sagt Frau Gärtner stolz. Gerade als ich sie mir toupierenderweise im Morgensonnenlicht vor ihrem Badezimmerspiegel vorstellen will, drängelt sich der nächste Kunde ins Feld. Frau Gärtner verabschiedet sich überaus fröhlich und ich erfreue mich an der Erkenntnis, dass Komplimente die Welt verändern können.
Eine halbe Stunde später geht die Tür auf und als erstes fällt mein Blick auf einen kieselgrauen Kurzhaarschnitt, sehr gepflegt und dennoch ein wenig strubbelig. Frau Gärtner.
Ich erwähnte ja schon, dass ich es leider nicht so mit Namen und Gesichtern habe.
Ob Frau Gärtner wohl diese fremde Frau kennt, die so fix mit der Rundbürste ist?


28. Juni 2019
Ich brauche keinen Erdbohrer

Hallo Google, ich bin's. Ich habe eine wichtige Information für dich: Ich brauche keinen Erdbohrer.
Google, du hast ein Problem. Dein Geschäftsmodell hakt.
Ich verstehe dich. Du hast Kunden, die dich gut bezahlen und deren Produkte du an Frau und Mann bringen willst. Ich verstehe dich gut. Aber du, Google, verstehst mich nicht. Okay, es mag da noch den ein oder anderen geben, der mich auch nicht versteht, aber das tut hier nicht zur Sache. Du kennst mich und viele andere gar nicht so gut, wie du meinst. Du weißt rein gar nichts von unseren Wünschen und Sehnsüchten. Du bist nicht achtsam genug, interpretierst vollkommen falsch.
Ich will versuchen, es dir an dem Erdbohrer-Beispiel zu erklären: Ich brauche keinen! Siehst du, schon legst du staunend die Stirn in Falten. Grad noch hast du mir den ZI-ELB70 inklusive drei Bohrern in 100/150 und 200 Millimetern empfohlen, luftgekühlter 1-Zylinder-2-Takt-Motor, mit beeindruckenden 2,2 PS. Es lässt mich kalt, das gute Stück. Mit 27 Prozent Rabatt für acht verschiedene Erdbohrer kommst du daher und ich beiße noch immer nicht an. Auch den VOSS.farming mit seinen sieben Zentimetern Durchmesser will ich nicht, obwohl er sich hervorragend zum Bohren von Weidepfahllöchern eignen soll.
Ich kann deine erbosten Gedanken lesen. "Warum hat mich die dumme Kuh mit der Suche nach Erdbohrern belästigt, wenn sie gar keinen haben will?"
Der Grund ist simpel. Manchmal erlebe ich komische Sachen und manchmal schreibe ich sie auf. So wie neulich, als es auf der Landstraße nur im Schneckentempo voranging. Bauarbeiten rechts und links am Straßenrand. Ein Erdbohrer steckte im Gras, hatte sich anscheinend kurz zuvor durchs trockene, dunkle Erdreich gezwirbelt. Ein muskelbepackter Arbeiter hievte einen Leitpfosten in das schlanke, tiefe Loch. Ich kniff noch die Augen zusammen, als der Mann zum Vorschlaghammer griff und ausholte, aber es war zu spät. Der Hammer sauste auf den Leitpfostenkopf, der in sofort in tausend Teile zersplitterte und Plastiknanopartikel ins Universum schleuderte. Der Muckimensch guckte ganz bedröppelt und obwohl ich mich schämte, musste ich grinsen. Schließlich lachten wir uns beide durch mein geöffnetes Beifahrerfenster lauthals zu.
Eine kleine, feine Geschichte, die es mir wert war, sie aufzuschreiben. Also legte ich los, musste ja nicht viel recherchieren, wollte lediglich sichergehen, dass Erdbohrer auch tatsächlich Erdbohrer hießen.
Hätte ich nur gleich im Duden nachgeschlagen. Nun muss ich damit leben, dass du, Google, vermutlich vermutest, ich wolle ein Loch bis Australien bohren.


19. Juni 2019
Im Zauber des Augenblicks

Wo sonst begegnet man Menschen, die irgendwie nicht von dieser Welt zu sein scheinen, wenn nicht am Postschalter? Dem ein oder anderen mag der Vorgang der Paketausgabe profan erscheinen. In Wahrheit offenbart er Begegnungen mit Menschen, die anderen ein Leben lang vorenthalten bleiben. Die anmutige junge Frau, die gestern in die Filiale schwebte, sich klaglos in die Schlange einreihte, strahlte eine beneidenswerte Besonnenheit aus. Ihre transzendente Erscheinung rührte mich. Sie legte mir ihre gelbe Abholkarte auf den Schalter und lächelte so unbefangen, wie eigentlich nur lächeln kann, wer nicht gerade minutenlang zwischen schwitzenden, schimpfenden, schlurfenden Mitmenschen und krakeelenden Kleinkindern im Schneckentempo über das Linoleum gekrochen war. Ich lächelte zurück. Mit deutlich geringerer transzendenter Aura vermutlich. Dennoch höflich!
"Ich brauche Ihren Ausweis", bat ich.
Sie stellte ihre Handtasche auf die Ablage, holte ein Portmonnaie heraus und legte es auf den Schalter. Dann nahm sie noch eine Wasserflasche aus der Tasche und stellte sie genau daneben.
Ich wartete geduldig. Besonnenheit ist ansteckend, merkte ich, wiederholte dennoch meine Bitte. Sie lächelte milde. Statt ihr Portmonnaie zu öffnen, drehte sie umsichtig den Verschluss ihrer Flasche auf und trank einen Schluck.
Ich wunderte mich über mich selbst, war aber keineswegs ungehalten, als ich meine Bitte, einen Blick auf ihren Ausweis werfen zu dürfen, ein drittes Mal vortrug.
"Ja", hauchte sie, "ich wollte nur erst einen Schluck trinken." Dann nahm sie ganz bedächtig einen zweiten Schluck und einen dritten, bevor sie ihren Ausweis zückte und ich ihr Paket holen konnte. Dankend nahm sie es entgegen, unterschrieb die Quittung, packte ihre Siebensachen wieder zusammen und verließ die Filiale so wie sie gekommen war, schwebend, ein paar Zentimeter über dem Boden. Für einen kleinen Moment noch war die Filiale erfüllt von gleißendem Licht, Frieden und Liebe für die Welt.
Dann kreischte wieder ein Kind. Jemand schrie, ob es nicht endlich mal weiterginge, ein anderer mokierte sich lautstark, dass der Kontoauszugsdrucker natürlich wieder defekt sei und ein weiterer wurde von der Meute der Ungeduldigen, Gejagten und Gehetzten barsch gemaßregelt, für seinen Versuch, sich vorzudrängeln.
Der Zauber war verflogen.


19. April 2019
Die Gender-Oma

...und dann war da noch diese 80jährige Dame, die mit ihrem Sohn kam, um Geld vom Konto abzuheben. Ab einer gewissen Summe ist sozusagen eine kollegiale Prüfung erforderlich. Der Sohn, vielleicht 55 Jahre alt, nickt gelangweilt. "Kenn ich. Ab bestimmten Beträgen brauchen wir auch immer einen zweiten Mann", sagt er mit einem Hauch Arroganz in der Stimme. "Oder eine zweite Frau", kontere ich süffisant lächelnd und bedanke mich bei meiner Kollegin. Völlig überraschend pflichtet mir die alte Dame bei. "Genau!" poltert sie los. Ich staune und meine Mundwinkel zucken vergnügt. "Man kann auch einfach zweite Person sagen", fährt sie mit fester Stimme fort. Ich bin begeistert. Der Sohn hingegen rollt genervt mit den Augen, brummelt sich irgendwas in den Bart von wegen "alles überbewertet" oder "unwichtig". Aber flugs fährt ihm die Mutter über den Mund. "Benimm dich mal!" Was lehrt uns das? Offensichtlich geben Mütter nie die Hoffnung auf, ihren Kindern gutes Benehmen beizubringen, und - was ich noch großartiger finde - das Bewusstsein für gendergerechte Sprache kennt keine Altersgrenzen.


14. April 2019
Nackte Tatsachen

Eine fremde Sprache zu lernen ist keine einfache Sache, das weiß ich. Wenn ich einen türkischen Kunden mit "günaydin" begrüße, dann hoffe ich, dass er höchstens gleiches sagt und dann ins Deutsche wechselt. Wenn ich freundlich "qué tal" oder "come stai" gefragt werde, geht es mir immer "muy bien" und "bene", zu mehr reicht es nicht. Meine syrischen Nachbarkinder lachen mich aus, weil ich nicht einmal "marhabaan" richtig aussprechen kann, "du musst das r mehr rollen". Ich übe. So wie ich es beim englischen "th" gemacht habe, das kann ich.
Nichtmuttersprachler finden Deutsch schwierig. Deswegen finde ich es bewundernswert, wie die vielen Menschen, die aus anderen Ländern kommen, tapfer unsere Sprache lernen. Aber sie müssen sich auch Mühe geben, finde ich. Bei der Aussprache. Dann passieren solche Dinge auch nicht, wie neulich.
Da kam dieser gebürtige Ghanaer zu mir an den Schalter. Er wollte im Reisebüro mit seiner Bankkarte zahlen und es hatte nicht funktioniert. Das verstand ich. Er war ziemlich aufgebracht. Er hatte lange gespart, damit seine Kinder in Afrika Urlaub machen konnten. Das verstand ich auch. Nun wollte er das Geld bar abheben, ein Vorgang der ein klein wenig Zeit in Anspruch nahm. Das verstand er nicht, hatte aber nichts mit der Sprache zu tun, sondern mit seinem (und meinem) mangelnden Verständnis für meinen schneckigen Computer. Er schimpfte derweil zornig vor sich hin. Auf deutsch. Ich verstand jedes Wort. Er wollte endlich sein Geld. Ja, doch! Er hatte dafür gearbeitet. Das wusste ich, deshalb beeilte ich mich auch. Ich finde es toll, wenn Ausländer hier richtig Fuß fassen, arbeiten, Steuern zahlen und für ihren Urlaub sparen. Er war müde. Das glaubte ich gern. Ich bin auch immer müde nach Schichtende. Kurz bevor ich ihm die gewünschten Scheine auszahlen konnte, donnerte er mir noch ein winziges Detail seiner Arbeit entgegen. "Ich arbeite nackt!" Ich stutzte. Meine Kollegin behauptet, ich sei in dem Moment einen Schritt zurückgewichen. Mag sein, denn ich hatte umgehend Bilder im Kopf, auf die ich hier nicht näher eingehen möchte. "Ich arbeite nackt!", wiederholte er noch einmal, diesmal etwas lauter und ich spürte wie sich meine Augenbrauen hoben und mein Mund sich staunend öffnete. Ich wollte hier keinerlei Bewertung von Tätigkeiten vornehmen, mit denen Menschen ihre Familien ernähren, ich dachte einfach nur... ich wollte... ich stellte mir vor... und überhaupt.
Meine gedankenlesende Kollegin Andrea sah breit grinsend zu mir herüber. "Nachts", raunte sie. "Er arbeitet nachts, Karen."
Dann soll er an seiner Aussprache arbeiten, verflixte Kiste!


7. August 2018
Muskelmann mit Papastolz

Da ist dieser große, bärtige Mann im schwarzen Shirt, ärmellos, seine mächtigen Muskeln sind furchteinflößend. Er blickt grimmig drein. Ungeduldig hetzt er zwischen den Stuhlreihen umher, guckt mal hierhin, mal dahin. Irgendwie bekomme ich ein mulmiges Gefühl. Dann kommen die Kids auf die Bühne, die Ferienkinder, die eine Woche lang Musikinstrumente aus Holzstämmen, Glasflaschen und Kochtöpfen gemacht haben. Der Mann zückt sein Handy und eilt vor die Bühne, filmt vom rechten Bühnenrand aus, dann von links, von der Mitte auch. Die Kids spielen laute Weisen. Sie sind die Vorgruppe der Blechbläser, die gleich die Bühne zum Kochen bringen werden. Die kleinen Musikanten kriegen tosenden Applaus und verlassen die Bretter, die für sie heute die Welt bedeutet haben. Der Mann, der große, bärtige verzieht sich auf einen Stuhl zwei Reihen hinter mir. Verstohlen blicke ich mich um. Da sitzt er in seinem schwarzen, ärmellosen Shirt und seine mächtigen Muskeln können noch immer Furcht einflößen. Aber er ist der Welt entrückt. Gebannt schaut er auf sein Handy, scheint ganz angerührt zu sein von den kleinen Krachmachern, die über seinen Bildschirm huschen. Und dann entspannt sich das einst grimmige Gesicht. Nun ist nur noch Stolz darin zu sehen. Papastolz, denke ich. Einer der kleinen Krachmacher war wohl sein Sohn oder eine Topfschlägerin seine Tochter. Ja, so ist die Sache mit dem weichen Herzen. Wunderbar eben.


19. Juli 2018
Lichthupe und Bremslicht

Kennt doch jeder, diese Verkehrsrowdys, die einem ab und an das Leben schwer machen, ne?
Mir ist heute mal wieder so einer in die Quere gekommen. Das wildeste Überholmanöver überhaupt. Es endet knapp vor meiner vorderen Stoßstange. Nur dank meines schnellen Reaktionsvermögens brezel ich ihm nicht in sein Hinterteil. Erbost quittiere ich seine pubertäre Eskapade mit dem Betätigen der Lichthupe. Jawoll!
Okay, statt der Lichthupe wird es versehentlich die Dauerbeleuchtung mit Fernlicht. Sicherlich grinst der Schnösel vor mir süffisant. Ich ahne das, weil er seinen linken Arm lässig aus dem Fenster baumeln lässt und ich das hochmütige Blitzen seiner Augen in seinem linken Außenspiegel sehe.
Ich sehe allerdings auch, dass sein linkes Bremslicht nicht funktioniert. Ich bin gezwungen, mir das eine Weile anzuschauen, und dann wird die Ampel vor uns rot. Er will geradeaus weiter, ich links abbiegen. Ganz langsam und ganz vergnüglich rolle ich voran. Als mein geschlossenes Beifahrerfenster auf gleicher Höhe mit seinem offenen Fahrerfenster ist, lasse ich die Scheibe herunter. Plötzlich ist er sehr damit beschäftigt, nach rechts zu schauen. Seine Musik ist laut. Aber dann dreht er sich doch zu mir, vermutlich weil meine brennenden Blicke ihm die Haut versengen. Er schaut abfällig, ignorierend und überheblich. Was ich sage, kann er nicht hören. Neugierig ist er aber doch und dreht seine Musik leiser. "Was?", fährt er mich an. "Das Bremslicht ist kaputt", sage ich mit unerhörter Coolness in meiner Stimme und meine Mundwinkel zucken fröhlich. "Mein Bremslicht?", fragt er etwas dämlich nach. "Das linke", gehe ich ins Detail und lächele, wie alte Frauen lächeln, wenn sie wissen, dass sie gewinnen. "Oh danke", sagt er unkontrolliert beschämt und unwillig verlegen. Dann wir es grün. Wir fahren beide grinsend weiter. Aber mein Grinsen ist breiter und deutlich süffisanter.


6. Dezember 2017
In der Weihnachtszeit

In der Weihnachtszeit am Postschalter zu arbeiten, ist nicht ausschließlich ein Vergnügen, die nicht enden wollende Kundenschlange erinnert permanent an König Sisyphus. Es wird auch nicht vergnüglicher, wenn sich Männer und Frauen, Alte und Junge, Deutsche und Ausländer in gnadenvoller Eintracht darin einig sind, ihre Pakete immer größer und schwerer werden zu lassen. Selbst das kostenlose Fitnesstraining beim Annehmen und Ausgeben jener Pakete, das Hieven und Zerren, das Heben und Schieben, das Stapeln und Ziehen fördern nicht den Frohmut. Selbst das Einsparen des Personals zur Gewinnmaximierung des Unternehmens, verbunden mit Begeisterungsstürmen bei den Aktionären, lässt derlei Stürme an der Basis ausbleiben. Das Mitleid mit schlecht bezahlten und überlasteten Zustellern, das Mitleid mit Kunden, deren heiß ersehnte Pakete unauffindbar sind, das Mitleid mit den Qualitätsmanagern, die wunde Ohren vom Wehklagen unzufriedener Kunden haben sind auch nicht erbauend. Selbst wer Lieblingskunden bedient, in Lieblingsschichten mit Lieblingskollegen arbeitet, selbst wem die Hoffnung bleibt, dass die Thrombosestrümpfe ihren Zweck erfüllen, dass das Glas Wasser nach Feierabend erquickende Wunder vollbringt, der leidet doch unter der eigenen Hilflosigkeit beim Anblick in von Erschöpfungsqualen gezeichnete Kollegengesichter.
Aber es gibt Lichtblicke in der Hektik, in der Eile: ein lächelnder Kunde, ein höfliches Wort, ein geduldiges Nicken, ein freundliches Danke.
Und es gibt meine Kollegin Andrea, sie sendet keinen Lichtblick, sie flutet die Filiale mit gleißendem Licht wenn sie lapidar hinhaut: "Ist wie 'ne Geburt. Immer dasselbe. So ein Stress, solche Schmerzen. Und wenn's vorbei ist, ist es vorbei. Vergessen. Bis zum nächsten Mal."
Und dann ist es mit einem Mal doch vergnüglich, in der Weihnachtszeit am Postschalter zu arbeiten. Alle Jahre wieder.