Karen Sell - Stöberecke

Der Friseurbesuch

Wenn man hin und wieder den Friseur wechselt, bekommt man auch gern mal ungefragt Erkenntnisse vermittelt, die einem so nie bewusst geworden wären. Seit heute weiß ich, dass ich einen Schwanenhals habe. So wie die Friseurin es aussprach, klang es nicht, als sei es als Kompliment zu verstehen - hab es trotzdem so interpretiert. Und sie stellte fest, dass ich keinen Fettkopf habe! Schön. Noch schöner wäre gewesen, wenn sie Ähnliches von Bauch und Oberschenkeln behauptet hätte. Es sei ein Wunder, meinte sie zudem, dass ich kaum graue Haare hätte. Ich zog in Erwägung, das Färben zu sparen, aber wenn viele so denken, würde die Coiffeurin arbeitslos, das kann ich nicht verantworten. Den Wuchs meiner Haare und die Konsistenz selbiger diagnostizierte sie als extrem asymmetrisch, na so was. Dann verglich sie mich noch mit Twiggy, aber gerade als ich vor Freude losjubeln wollte, schob sie noch hinterher, dass die aber dünn gewesen sei. Dann meckerte sie über meine verbleichenden roten Strähnchen, so was mache man nicht, wenn man ohnehin Rotpigmente im Haar habe. Immerhin nahm sie jene zur Kenntnis. Eine andere Hairstylistin hatte meinen Hinweis darauf milde lächelnd ignoriert und als Folge leuchtete mein Haupthaar wenig später in einem satten Gelbgrün. Abschließend toupierte mir die heutige Haarkünstlerin mit ihren langen Fingernägeln das Hinterkopfhaar, so dass ich mir gerade - zumindest oberhalb der Augenbrauen - wie eine Mischung aus Dolly Parton, Marge Simpson in blond und Dagmar Berghoff beim Sprechen ihrer ersten Nachrichten vorkomme. Och, es könnte schlimmer sein...

Gedanken zum Brexit

Habe grad im Radio ein Interview mit einer deutschen Brexit-Befürworterin gehört. Es hat mich nachdenklich gemacht. Die Frau hat Recht. Da konnte der Moderator noch so viel nachhaken. Nein, sie leide nicht wirklich unter der EU, aber schließlich profitierten nur die großen Firmen, die haben alle ihre Schäfchen ins Trockene gebracht. Was sie sich denn persönlich von der EU wünschte, fragte der Radiomensch. Nun, so spontan konnte sie das auch nicht sagen. Aber schlimm sei es doch, dass Deutschland nichts mehr allein entscheiden könne - und überhaupt, diese ganzen Flüchtlinge. Der Moderator räusperte sich und wies die Frau darauf hin, dass Deutschland grad viel Prügel einstecken müsse, weil es sozusagen allein entschieden hatte, die Flüchtlinge ins Land zu lassen. Das ließ die Frau nicht gelten. Das müssten alle Länder zusammen bewältigen, forderte sie. Der Moderator schien etwas verwirrt. Man konnte ihn denken hören, war das nicht Sinn der EU, etwas zusammen zu bewältigen, daran zu arbeiten, wenn es holpert? Er verstand die Frau nicht. Ich schon. Je mehr ich drüber nachdachte, umso mehr verstand ich sie. Immer entschieden die anderen über unsere Köpfe hinweg. Dieses viele Geld, das wir zahlten. Was blieb denn da für uns übrig? Ging es mir etwa besser, nur weil wir in der EU waren? Kein Stück. Also könnten wir auch gleich austreten, aus dem nächsten Bund gleich mit. Ich malte schon Plakate "Für ein unabhängiges Niedersachsen". Für die gute Sache. Für die richtige Sache. Wir haben hier alles was wir brauchen. Weizen und Zuckerrüben, Kühe, Schweine, die Nordseeküste, den Harz und VW. Ist doch wahr. Warum soll ich mit meinem Steuergeld Existenzgründerinnen in München unterstützen? Was kümmern mich Autobahnbrücken in Nordrhein-Westfalen, was die schulische Bildung in Mecklenburg-Vorpommern oder innovative Technologien in Portugal? Warum soll ich die Stadtsanierung von Berlin bezahlen? An unserem Rathaus bröckelt auch die Fassade. In meiner Straße ist seit zwei Wochen eine Laterne kaputt, aber die EU finanziert die Beleuchtung der Sixtinischen Kapelle. Wo um Himmels Willen ist die Sixtinische Kapelle? Wir haben nicht einmal mehr eine Kapelle, weil wir kein Geld dafür haben. Nicht, dass wir unbedingt eine bräuchten, aber trotzdem. Niedersachsen den Niedersachsen. Raus aus der EU, raus aus der Bundesrepublik. Unser schönes Land für uns! Die werden schon sehen, was sie davon haben. Wartet mal ab, dann wollen sie plötzlich alle zu uns, in unser unabhängiges, schönes Bilderbuchland. Und wir können einladen. Wir entscheiden wer reinkommt. Vielleicht nehmen wir dann eher einen englisch sprechenden syrischen Zahnarzt, der sich mit den plattdeutschen Ostfriesen unterhalten kann, als einen Bayern oder Sachsen mit dem sich niemand unterhalten kann. Wie auch immer. Wir entscheiden. Und wenn jemand uneingeladen kommt? Dann drängen wir ihn zurück. Wir müssen uns ja auch wehren können, verteidigen. Doch, dann muss man auch mal den Mut haben, zur Waffe zu greifen. Ich werde sofort ein Votum initiieren. Sofort heißt, wenn ich die Döspaddel aus dem Saterland überzeugt habe, keinen eigenen Staat zu gründen. Wenn die Duderstädter den Ausbau ihrer Stadtmauer wieder stoppen, und wenn ich rechtzeitig die Krönungszeremonie in Schaumburg-Lippe unterbinden kann. Oder kämpfe ich doch lieber für ein unabhängiges Hannover? Aber wie mache ich das dann mit den Schweinen und der Nordseeküste, die will ich auch! Eigentlich will ich auch die Alpen, den Eiffelturm, spanischen Wein, den bulgarischen Goldstrand und dänische Blätterteigkekse. Und außerdem: Den Mut, zur Waffe zu greifen - den will ich überhaupt gar nicht.

Gier

Habe gerade in der HAZ eine Kolumne von Berti Vogts gelesen. Ich habe wenig Ahnung von Fußball, aber ich lasse mich gern anstecken, wenn der Hype um Meisterschaften beginnt. So war ich auch bei dieser EM dabei, mit Herzklopfen, Daumendrücken, Fahne am Auto und schwarz-rot-goldenen Streifen auf der Wange. Deutschland ist ausgeschieden. Schade. Viel wurde kommentiert. Einige meinten, es siege nur, wer es aus vollem Herzen wolle. Ich wette, jeder einzelne deutsche Spieler wollte von Herzen gewinnen. Da lasse ich mir gar nichts anderes erzählen, auch nicht von Leuten, die viel mehr von der Sache verstehen. Klar hat der Mannschaft irgendetwas gefehlt, für mich war es das nötige Quäntchen Glück. Berti Vogts ist der Meinung, der Mannschaft habe die Gier gefehlt. Welch hässliches Wort! Führt nicht die Gier uns dorthin, wo wir gar nicht hinwollen? Beklagen wir nicht immer wieder die Gier jener Menschen, die die Welt schlechter machen? Gier geht über das Herzblut, den Eifer, den festen Willen weit hinaus. Gier ist ein zutiefst negativ konnotiertes Wort, behaftet mit Begriffen wie Rücksichtslosigkeit, Egoismus und Raffsucht. Ist es nicht die Gier, die Menschen zu schlechteren Menschen werden lässt? Wenn euch, liebe Mannschaft, die fehlende Gier am Sieg gehindert hat, dann bin ich mächtig stolz auf euch!

...für die ewigkeit

du, der du nicht weiter weißt deine welt in stücke reißt stehst vor deinem buchregal das dicke buch verstaubt, egal, hast du nicht vor langer zeit gelernt was für die ewigkeit, schlag es auf und blätter nach erinnerungen werden wach moses, noah, abraham, totes meer und kanaan, lesen, basteln, psalmen lernen, osterfest und weihnachtssterne, freude, spannung, große lust, manchmal konfirmandenfrust, jona, wal, und hohe wellen, schwer und leichte bibelstellen, adam, eva, apfeldiebe, paradies und nächstenliebe, menschenfischer, zimmermann, bergpredigt kam auch mal dran, vaterunser, zehn gebote, samariter, himmelsbote, altes, neues testament, konferunterricht verpennt, joseph der kann engel sehn, jesus übers wasser gehn, teilen, hören und bereden, wachsam sein und auch vergeben, langeweile, abenteuer, gottesdienst und kirchensteuer, viel gelernt in jener zeit - und zwar für die ewigkeit.

Mr. Nightingale and how useful things can be

(veröffentlicht in der Anthologie "Lead me to the waters". Selected Texts from the Daniil Pashkoff Prize 2016) The coffee maker is still working. Twenty-five years old and still doing a good job. By now I should ask for a coffin maker to do a good job. That is important for somebody at the age of three times twenty-five. More important than a coffee machine. I always take it for granted, the coffee in the morning, the washing machine managing all my laundry, my TV entertaining me 24/7. I took my car for granted, reliable as it was when I was still able to drive, which I did once in a while. Just going for a ride. Listening to some music before I came back to my lousy quiet small apartment. Small? It is way too big ever since Donna died. Five years ago, when the coffee maker was only twenty years old. And the coffin maker indeed did a good job. It is funny to see how useful things can be after such a long time. The coffee maker, the toaster, the washing machine, my TV. Some things are useful, others are not. Like my legs. You think I won't have to walk no more. What do you know, Cat? I don't beg, but I moan. Only that no one listens, not even the chair. And my eyes, they are as useless as my legs. My colours are dry, just like powder, spilled powder - Holi Moly! My life is black and white. And - oh boy - how colourful has it been. I lived in the middle of a rainbow with my beautiful wife, my son, my daughter. Lots of work back then, hard work. My eyes were fine in those old days. Nevertheless my life seemed black and white to me. Sometimes. No, gray actually. Not before these days looking over my aching shoulder did I see the rainbow. Those were the good days, ha, and I did not even know. What a cloudy sky today. What a gray day. Gray day. Mayday! Mayday! Don't worry, Bud. I won't cry, I won't beg. This one particular cloud up there looks like the pillow I bought for Annie, my granddaughter, the day she was born. It was a big pillow, meant to keep her warm, her whole life long. It is way too big, Dad, Maggie, my daughter said. And with a kind of a sad smile she put it away. It was only a pillow anyway. And this is only a cloud. I look at clouds from both sides now. Well, no, I do not. Not yet, haha. They block the sun, that is all. When Annie was born, I dreamed. I saw the two of us sitting in my old rocking chair, me reading a book to her. Silly me. Me reading? With these useless eyes. I won't have to cry no more. My little Annie lives in Florida now with her Mom and her Dad. It is warm there. Good for her. Good for bones. A perfect place for old people. But she is still pretty young. Pretty and young. Pretty I assume, have not seen her for a while. My son is an astronaut. Imagine that. The little boy who was too scared to climb up the old cherry tree in our garden. Yes, we had a garden once. Now I do not eat cherries anymore, my stomach gets upset every time I try it. The old tree was too high for Bobby back then. The higher the better, he says now and smiles. I assume he is smiling. I have not seen him for a while. But we talk on the phone, every now and then, once a month, or every other month, or something like that. Occasionally my neck is not too stiff and the night is starry. The stars look like those diamonds I could never buy. On nights like that I am searching the firmament. I am looking for Bobby - in vain. Not that he is not there, he is there somewhere. But I told you, Bud, my eyes ran dry. Donna deserved diamonds like no other woman in the world. But she did not care. It did not matter to her that I was not able to afford to buy her an appropriate wedding ring. One Sunday afternoon we went for a walk at the lake. The sun was shining. Look, she said, all the sundrops fall into the water. Yes, I replied, and look at all the newborn diamonds. She smiled gently. They are all yours, Honey, I said. Thank you, she looked tenderly at me, thank you so much. Well, of course I also said 'I love you' and all that, and we kissed and all that, but let's not talk about this romantic nonsense. Maybe Bobby will call tonight. Ah, he will be busy, too busy to call. Being an astronaut means a lot of work and a lot of responsibility for the whole world, so to speak. Astronauts do giant leaps for mankind, how can they do tiny steps for daddies. No! Don't say that, Bud, I am not crying. Oh, did I mention the microwave? It is only ten years old, but I have no idea what the average age of a microwave is. Mine is still working perfectly. I will have pasta tonight. Three minutes, is that enough? I will give it a try. It rings. Three minutes are not over yet. Ah, it's the doorbell, I got mixed up. Hi, says a delicate little voice. Hi Sweetie. I smile at my five-year-old neighbor. She is a friendly little cutie. Her single mother is always busy. Too busy to stop, to relax, even too busy to talk. Can you read a book to me. The little one is begging. There are rainbows in her eyes. Sure, I say and smile from ear to ear. Come in - Annie. She rolls her eyes. My name is Belinda. Oh, I forgot, come in Bella. Belinda, she corrects me emphatically. I open the door to its fully extent. Her mother torments herself up the stairs, two big bags in her hands, beads of sweat on her forehead. The elevator seems out of service. Poor her, she is always in a hurry. Speed seems so important in her life. Always rushing, always in a bad mood. Belinda, don't bother Mister Nightingale. Come here! The young mother is out of breath. Her voice is annoying. Why so upset? Why so impatient? She does not see the rainbows in her daughter's eyes. If only she would recognize that these are her good days. She does not bother me at all, I assure her. But we are in a hurry, we have to go. We have an appointment. The mother puts one bag on the ground and pushes a strand of hair out of her face. I hope the elevators in Florida are working. Maggie, my daughter, lives on the tenth floor. I do not like that she has to use the stairs. She does not have time. Does Belinda have a grandfather? I ask. He died three years ago. Oh, and a grandmother? One year ago. We are late. The mother repeats. She grabs Belinda's arm and pulls her out of my hallway. Three years ago and one year ago. I bet the coffin maker did a good job, I say. What? Nothing. I close the door. My microwave rings. Let's see how the pasta is, Buddy.