Alma Appelkauken stand am Fenster ihres Arbeitszimmers und sah zu dem großen Birnbaum, der seine Blätter schon im Oktober abgeschüttelt hatte. Es war stürmisch und einer der Zweige klopfte an die Fensterscheibe. Der kalte Wind war ihm unangenehm, und er wollte lieber mit Alma im warmen Zimmer sitzen. Sie überlegte kurz, ob sie ihn zum Tee hereinbitten sollte, aber sie hatte gar keine Zeit. Alma Appelkauken war eine Schriftstellerin. Sie erfand Märchen, reimte lustige Gedichte und dachte sich verrückte Quatsch-Geschichten aus. Man könnte meinen, mit achtundsiebzig Jahren, drei Monaten und vier Tagen könnte sie aufhören zu schreiben, aber sie dachte gar nicht daran. Jeden Tag saß sie an ihrem Computer und tippte bis sie Hornhaut auf ihren Fingerspitzen hatte. Der Birnbaum sah ihr dabei zu. Heute sollte Alma ein Gedicht für eine Kinderzeitung schreiben, über einen Trecker. Aber es fielen ihr einfach keine guten Reime ein und sie wurde ein wenig mürrisch. "Was reimt sich denn auf Trecker?", fragte Alma den klopfenden Zweig. Aber der antwortete nicht. "Trecker und Wecker", kam ihr in den Sinn. Aber das missfiel ihr. Traktoren brauchten keine Wecker, sie starteten ihre Motoren, wenn die Morgensonne durchs Scheunenfenster fiel. Als nächstes stellte Alma sich vor, ein Trecker ratterte über die dicken äste des Baumes. Wohin fuhr der Trecker denn nur? "Der Trecker fährt zum Bäcker", reimte sie, denn es konnte ja sein, dass er Lust auf ein leckeres Stück Kirsch-Schokoladen-Torte hatte. Aber das war Unsinn, es gab doch keine Bäckerei auf dem Birnbaum. "Birn und Zwirn", fiel ihr noch ein. Aber das hatte nicht einmal etwas mit Treckern zu tun. Sie musste daran denken, dass ihr neulich der Zwirnsfaden an der Nähmaschine gerissen war. Sie hatte aus einem roten, alten Kissenbezug eine Weihnachtstischdecke genäht. Es war ein uralter Bezug. Sie musste hier eine Ecke und da eine Kante abschneiden, aber vom Rest ließ sich noch gut und gerne eine Tischdecke nähen. Alma mochte es nicht, etwas wegzuwerfen. Sie machte lieber aus alten Sachen etwas Neues. Noch lag die Decke bei der Bügelwäsche. Aber bald würde sie auf dem Stubentisch liegen, adventskranzkerzenrot. Kerzen, Kerzen, Zündkerzen? Hat ein Trecker nicht auch Zündkerzen wie jeder Motor? Gab es einen Reim auf Kerzen? Herzen, Scherzen, Schmerzen. Ja wirklich, Schmerzen. Inzwischen tat Alma Appelkauken schon der Kopf vom vielen Denken weh. Hör doch auf zu schreiben und näh einfach etwas, schien ihr der Zweig zuzurufen. Alma zog ihre Stirn in Falten und stampfte mit dem Fuß auf wie ein dreijähriges Kind, das von einem blauen Teller essen sollte, obwohl es doch den roten viel lieber mochte. Alma wollte dichten und nicht nähen. Ihr würde doch etwas einfallen. Ihr fiel doch immer etwas ein. Aber nun fiel ihr eben nichts ein. Es war, als hätte der Sturm nicht nur draußen, sondern auch in Almas Arbeitszimmer gewütet, und alle Wörter und Reime wirbelten wie Schneeflocken im Raum umher. Kaum hatte Alma eine mit der flachen Hand aufgefangen, schmolz sie dahin. Schließlich klappte sie ihren Laptop zu. Der Zweig hörte auf, an ihre Scheibe zu klopfen, und es wurde ganz still im Arbeitszimmer. Aber halt! Hörte Alma nicht trotzdem etwas? Tippelten kleine Füße über ihren Flur? Hörte sie ein Flüstern? Kicherte wer? Schnaufte jemand, als trüge er einen großen schweren Sack voller Kartoffeln? Alma stand still und lauschte. Nein, da war nichts. Doch, da war etwas. Winzig kleine Geschöpfe huschten über den Flur. Muntere Wesen mit bunten Zipfelmützen und dunkelbraunen Augen kullerrund wie Pfefferkörner. Ihre schmalen Münder zogen sich vor lauter guter Laune von einem Ohr zum anderen, und ihre feinen Härchen kringelten vorwitzig unter den Mützen hervor. Sie hatten bunte Pullis an und Hosen oder Kleider mit Streifen und Punkten. Manche trugen einen dünnen Schal, weil sie vor lauter Lachen Halsweh hatten und anderen waren die Schuhe zu eng, sie gingen barfuß. Die großen waren stark, bei den kleinen mussten die Muskeln erst noch wachsen. Und alle kicherten dauernd, denn sie freuten sich auf die Streiche, die sie aushecken würden. So wie den gerade jetzt, als sie die schwere Tüte auf die Flurkommode schleppten. "Seid leise!", warnten sie einander. Wichtel. Weihnachtswichtel. Sie kamen in jedem Dezember, um ihre Späße mit Alma Appelkauken zu treiben. Aber war denn schon Dezember? Alma stützte sich mit den Händen an den Lehnen ihres Schreibtischstuhles ab und hievte sich hoch. Dabei fiel ihr Blick auf den Kalender. Da stand ja noch das Datum von gestern. Alma riss das Blatt ab und zum Vorschein kam das Bild eines Tannenzweiges mit einer Kerze. Der erste Dezember. Dezember? Wirklich? - Wirklich! Alma lauschte. Hatte jemand "Pssst" gemacht? Die Wichtel hielten die Luft an. Nein, dachte Alma. Da ist nichts. Das bilde ich mir ein. Und dann entschied sie, in den Keller zu gehen, um die Kiste mit dem Weihnachtsschmuck hochzuholen. Sie zog sie sich eine ihrer Strickjacken, die pinkfarbene, über den dünnen grün-blau-gelben Pulli. Mit ihren Füßen, die in selbstgestrickten Strümpfen steckten, einem roten mit Punkten und einem gelben mit Streifen, schlüpfte sie in ein Paar himmelblaue Schuhe. Alma Appelkauken liebte Farben. Wäre sie eine Malerin, würde sie nur bunte Bilder malen, wäre sie eine Köchin, gäbe es immer Obstsalat, und wenn sie über den Himmel bestimmen könnte, dann wäre er voller Regenbögen. Aber sie war ja eine Schriftstellerin und schrieb mit schwarzer Tinte auf weißem Papier. Da musste sie sich etwas anderes einfallen lassen, um Farbe in ihr Leben zu holen. Und so kam es, dass die liebe Alma Appelkauken manchmal bunter aussah als ein Papagei aus dem Regenwald. Alma ging langsam die Treppen hinab. Sie musste in ihrem Kellerraum nicht lange suchen. Der große schwere Karton stand im Regal neben der Tür. Kurze Zeit später schleppte sie ihn die Treppe hoch und japste vor Anstrengung. Und dann passierte es. Es gab einen lauten Knall. Der große Karton voller Tannenbaumschmuck war Alma einfach aus den Händen gefallen. Acht Treppenstufen polterte er herunter, bevor er endlich liegenblieb. Nun gab es sicherlich einen Haufen Scherben. Alma seufzte und legte die Hände an ihre runden, erdbeerroten Wangen. Noch schlimmer als der kaputte Weihnachtsschmuck war allerdings das laute Poltern. Alma wusste genau, was jetzt passierte. Und richtig, schon ging eine Tür auf. "Hey, was soll denn der Radau da? Es ist Mittagszeit!" Hausmeister Waldemar Bellhausen stand mit zornesrotem Gesicht vor seiner Wohnungstür und guckte ins Treppenhaus. "Entschuldigung, mir ist etwas heruntergefallen", antwortete Alma. "Mir doch egal", bellte der Hausmeister und knallte seine Wohnungstür zu. Alma atmete erleichtert auf. Zum Glück war er nicht gekommen, um ihr eine Standpauke zu halten. Sie ging langsam die Stufen wieder hinunter, bis sie neben ihrem Karton stand, der nun eine große Delle an der rechten Seite hatte. Als sie ihn anheben wollte, entdeckte sie ein kleines miauendes Wollknäuel. "Oh je, wer bist du denn?", rief Alma ganz aufgeregt und ihre Wangen bekamen die Farbe von Tomaten. Ein Kätzchen kauerte neben dem zerbeulten Karton. Ein winziges, weißes, wolliges Kätzchen. Was für ein Glück, dass es nicht von dem herabfallenden Karton getroffen worden war. Wo kam es nur her? In diesem Haus waren Katzen verboten. Hausmeister Bellhausen passte penibel auf, dass alle Regeln befolgt wurden. Er war sozusagen der Oberpolizist hier. "Was machst du denn hier?", fragte Alma leise und streichelte dem Kätzchen über das weiche Fell. Miau, machte es. Und auf einmal ging weiter oben die nächste Wohnungstür auf. Oh weh. Alma schnappte das kleine Kätzchen und versteckte es schnell unter ihrer Strickjacke. "Frau Appelkauken? Was ist passiert?" Almas junge Nachbarin eilte ihr barfuß auf der Treppe entgegen. Sie trug blaue Leggins, ein viel zu großes, weißes T-Shirt und hatte das Handtuch auf ihrem Kopf zu einem Turban gedreht. "Ach, gar nichts", winkte Alma ab, bückte sich und versuchte gleichzeitig, den Karton aufzuheben und aufzupassen, dass das Kätzchen in ihrer Strickjacke nicht zu sehen war. "Warten Sie! Ich mache das." Schon hatte die junge Frau den Karton genommen und war damit die Treppe hinaufgehüpft. Was für ein Energiebündel, dachte Alma. Vor einem halben Jahr war Mirja Orava eingezogen. Unter wüsten Schimpftiraden von Hausmeister Bellhausen hatten etwa zwanzig junge Leute Möbel und Kisten mit ordentlich Krawall in die Wohnung im ersten Stock getragen. Zwischendrin hatte die neue Nachbarin bei Alma geklingelt, um sich vorzustellen. "Hi, ich bin Mirja", hatte sie gesagt und versucht, Alma die Hand zu geben. Dann erst hatte sie gemerkt, dass sie gar keine freie Hand hatte. Mit einer hatte sie eine Stehlampe und mit der anderen eine Werkzeugkiste getragen. Schließlich hatte sie mit der Lampe gewinkt und war laut lachend in ihrer Wohnung verschwunden. Alma hatte den Kopf geschüttelt. So eine lustige, junge Frau. Womit hatte sie überhaupt geklingelt? Hatte sie etwa die Werkzeugkiste gegen den Klingelknopf gedrückt? Hoffentlich hatte es keine Kratzer gegeben, damit verstand Hausmeister Bellhausen nämlich keinen Spaß. Wäre Alma nicht so eine Frühaufsteherin, die oft wach wurde, wenn der Nachthimmel noch pechschwarz und voller Sterne war, hätte sie jetzt keinen Wecker mehr gebraucht. Seit sie die neue Nachbarin hatte, ging morgens pünktlich um halb sieben nebenan laute Musik an. Alma konnte hören, wie Mirja Frühsport machte, hüpfte und sprang. Ich sollte auch mal wieder Sport machen, dachte Alma Appelkauken, als sie mit dem Kätzchen in der Strickjacke langsam hinter Mirja die Treppe hinaufschnaufte. Ihre Nachbarin lehnte schon mit dem großen Pappkarton in den Armen am Türrahmen. Alma bedankte sich froh und bat Mirja, den Karton einfach abzustellen. Aber die junge Frau hielt ihn fest. "Nun machen Sie schon die Tür auf, ich trage ihnen das Ding rein. Was ist da eigentlich drin?" "Ach, nix weiter", antwortete Alma ausweichend. Sie hatte gar keine Zeit für ein Gespräch, denn das Kätzchen fing an zu zappeln wie ein Hampelmann. "Na", sagte Mirja und hob den Karton wieder an. "So ein schweres Nix aber auch." Alma schloss die Wohnungstür auf und Mirja trat auf den Flur. Vorsichtig stellte sie den Karton ab und rief im nächsten Moment entsetzt: "Was ist denn hier passiert?" Auf dem Flur war ein riesiger, pudriger, schneeweißer Fleck. Alma riss erschrocken ihre Augen auf. Der Fleck war noch nicht da gewesen, als sie in den Keller gegangen war. "Hat es bei Ihnen geschneit?", fragte Mirja. Alma konnte gar nicht aufhören, ihren Kopf zu schütteln. Sie sagte gar nichts. Sie wusste genau, was passiert war. Aber das konnte sie doch niemandem erzählen. Wer würde ihr schon glauben, dass sie in jedem Dezember Besuch von einer Horde wilder Wichtel bekam? Hatte sie sich vorhin also doch nicht verhört. Alma sah auf den Fleck und wusste genau, dass das erst der Anfang war. Die Wichtel liebten es, ihr Streiche zu spielen. "Danke, dass Sie mir den Karton hochgetragen haben", sagte Alma herzlich. Dann schob sie Mirja sanft zur Tür hinaus. Die schaute noch im Gehen über ihre Schulter auf den großen Fleck. Es konnte doch nicht wirklich bei Frau Appelkauken in der Wohnung geschneit haben. Je länger Alma auf den Pulverfleck blickte, desto ärgerlicher wurde sie. "Was soll das?", schimpfte sie schließlich. "Ich weiß genau, dass ihr hier seid. Könnt ihr mich nicht einmal im Dezember in Ruhe lassen?" In dem Moment schob sich ein kleiner Katzenkopf in die Höhe und schaute aus der Strickjacke. "Ach", sagte Alma, "dich hätte ich fast vergessen." Sie nahm das kleine, weiche Knäuel und setzte es auf den Fußboden. Das Kätzchen flitzte sofort los, quer durch den pudrigen Fleck und hinterließ weiße, winzig kleine Katzentapsen. Es verschwand im Wohnzimmer. Von dort war auf einmal ein warmes, tiefes Lachen zu hören. Alma stutzte kurz, aber dann huschte ein Lächeln über ihr Gesicht. Sie hob den zerbeulten Karton auf, machte einen Bogen um den weißen Fleck und ging in die Stube. Und da war Paul, in ihrem Ohrensessel. Sie war nicht überrascht, ihn zu sehen. Da saß er meistens. Im Dezember! Lächelnd stellte sie den Karton auf den Boden. "Hallo Paul", begrüßte Alma Appelkauken den Mann und sah in sein Gesicht, das ihr so vertraut war. Sie ließ sich aufs Sofa fallen, streckte ihre Beine lang aus und wackelte mit ihren rot und gelb bestrumpften Füßen. "Was machst du hier?", fragte Alma. "Was ich immer mache", gab Paul zurück. "Ich passe auf." "Auf was?" "Auf dich." "Ha", schnaufte Alma, tat als sei sie verärgert und stupste mit ihrer Fußspitze den Karton an. "Das kann ja kaum sein. Sonst wäre mir der hier bestimmt nicht heruntergefallen." Paul legte seinen Kopf zur Seite. "Ich habe gesagt, dass ich auf dich aufpasse und nicht auf die Weihnachtskugeln." Wenn Paul sagte, dass er auf Alma aufpasste, dann meinte er zwar auch, dass er sie auffangen würde, wenn sie fiel, das war ja schließlich die Hauptaufgabe eines Schutzengels, Paul passte aber auch auf, dass Alma fröhlich blieb. Manchmal passierte es nämlich, dass sogar eine lustige Frau wie Alma Appelkauken sich in der Weihnachtszeit plötzlich allein fühlte und ganz betrübt wurde. "Soso, nicht auf die Weihnachtskugeln ..." Alma nickte nachdenklich und nahm ein großes Kissen, um es sich auf den Schoß zu legen. Es konnte ja sein, dass das Kätzchen kommen und sich darauf setzen wollte. Aber die Katze hatte viel mehr Lust, sich umzuschauen. Sie war neugierig. Sie kroch unter dem Tisch hervor und tapste zum Schrank und sah sich die Suppenterrine von Almas Mutter an. Vielleicht meinte die Katze, eine Suppenschüssel gehöre mit Suppe auf den Tisch, anstatt hinter die Glastüren einer Vitrine. Dann schüttelte sie sich und ging auf ihren leisen Pfoten zum Bücherregal, stellte sich davor und überlegte wohl, welches Buch sie als nächstes lesen sollte. Schließlich strich sie um Pauls Beine und maunzte. In Alma Appelkaukens Stube roch es wie in einem Tannenwald, denn zwischen Schrank und Sofa hatte sie vorgestern einen großen Weihnachtsbaum gestellt. Er war noch ohne Kerzen und Kugeln und so groß, dass er fast die Zimmerdecke berührte. Alma hatte die Spitze gekappt, denn dort oben wollte sie ihren großen, funkelnden Stern platzieren, den allerschönsten Tannenbaumspitzenstern der Welt. "Früher hast du immer den Christbaumschmuck aus dem Keller geholt", sagte sie leise, und sah den Mann im weißen Hemd, weißer Hose und weißen Schuhen an, dem die Sonne mitten ins Gesicht schien. Bedauernd ließ er seine Schultern hängen. In dem Moment konnte Alma zwei winzige Federn entdecken. Sie lugten für einen kurzen Augenblick frech über Pauls Schultern, beinahe so als wollten sie Almas Reaktion sehen. Aber für sie war das längst nichts Besonderes mehr. Sie kannte den Anblick von Paul, ihrem Engel, der mit eng zusammengeklappten Flügeln im Dezember hier in ihrem Sessel saß. Und sie freute sich, dass er da war. Hätte sie gewusst, dass er gekommen war, um dafür zu sorgen, dass Almas Gemüt heiter blieb, hätte sie gesagt, es gäbe keinen Grund zur Sorge. Die alte Frau hatte immer eine Menge zu tun, traf viele Menschen und war zufrieden mit ihrem Leben, froh und fröhlich. Nur manchmal war es anders. Im Dezember. Wenn sie in die hell erleuchteten Fenster anderer Menschen sah, dann stellte sie sich vor, wie es wäre, wenn sie eine große Familie hätte. Und weil sie keine große Familie hatte, wurde sie immer ein wenig einsam. Und damit das nicht schlimmer wurde, tauchte Paul im Dezember auf und brachte eine ganze Horde Wichtel mit. Ein ums andere Mal fragte sich Alma, ob Paul die nicht einfach mal im Wichtelwald lassen konnte. Aber Paul gab es nur mit Wichteln oder gar nicht. Nun saß er also wieder im Sessel. Seine Haare waren grau und wellig. Man konnte ahnen, dass er als Kind einen wilden Lockenkopf hatte. Mit seiner hellen, glatten Haut sah er jünger aus als sie, fand Alma. Aber seine blauen Augen funkelten sie noch immer an, genauso wie damals, als sie sich kennengelernt hatten auf der Wiese hinter ihrem Elternhaus. Alma hatte auf dem Zaun gesessen und sich einen bunten Kranz aus Glockenblumen, wilder Kamille und Löwenzahn gebunden. Paul hatte sie erst eine Weile beobachtet und ihr dann mehr und mehr Blumen für ihren Kranz gepflückt. Als er fertig war, hatte Paul ihn ihr vorsichtig auf den Kopf gelegt und gesagt, dass sie wunderschön aussähe. Sie war acht und Paul war neun Jahre alt und noch lange kein Engel gewesen. Alma und Paul saßen jetzt stumm da und schauten sich an. Beide dachten an die Blumenwiese und Paul fand, dass Alma immer noch wunderschön aussah. Er mochte ihre grünen Augen, ihre runden Pustebäckchen und ihren rosafarbenen Mund, der lachen und schimpfen, schmollen und grinsen konnte. Es gefiel ihm, dass Almas Haare inzwischen die Farbe von Schäfchenwolken hatten, ganz fein waren und aussahen wie Zuckerwatte. Alma stand auf. Sie wollte den Karton öffnen, um nachzusehen, ob noch etwas zu retten war. Plötzlich hörte sie ein leises Tapsen auf dem Flur. Erst glaubte sie, da wären Mäuse, aber dann hörte sie ein ulkiges Kichern. Sie wusste genau, wer sich dort herumtrieb. Sie stemmte ihre Hände in die Seiten und kniff ihre Augen zusammen. "Und ihr macht den Schmutz sofort wieder weg!", rief sie so laut, dass der Kronleuchter an der Stubendecke zu wackeln begann. "Sofort!" Das Gekicher auf dem Flur wurde lauter, bevor es schließlich verstummte. Alma hätte wirklich gern auf die Wichtel verzichtet. Sie machten einfach zu viele Streiche. Alma hatte schon alles Mögliche versucht, um sie zu vertreiben. Sie hatte geschimpft, sie hatte sie ignoriert, sie hatte die Musik ganz laut gedreht und mit viel Knoblauch gekocht. Nichts half. Sie hatte sogar Haarspray in der ganzen Wohnung versprüht, aber das hatte nur zur Folge, dass die Wichtel, die sonst überaus stiekum waren, andauernd husten mussten. Und als sie Mausefallen aufgestellt hatte, war sie mit ihrem großen Zeh selbst in eine getappt. Das war wirklich kein Vergnügen. Die Wichtel hatten Alma schon die verrücktesten Streiche gespielt. Einmal hatten sie ihr die Schlafanzugbeine zugenäht, so dass Alma wie ein Frosch durch die Wohnung hüpfen musste. Ein anderes Mal hatten sie Zucker und Salz vertauscht, und der Pudding, den Alma gekocht hatte, war ungenießbar. Wenn sie doch nur mal einen einzigen Wichtel kriegen würde. Aber die kleinen Frechdachse ließen sich natürlich nicht erwischen. Alma Appelkauken widmete sich wieder dem Karton, der noch etwas nach Keller roch und fing an, ihn auszupacken. Das Seidenpapier knisterte in ihren Händen. Voller überraschung wickelte sie eine Kugel nach der anderen aus. Alle waren heil geblieben. Staunend sah sie zu Paul hinüber, der blinzelte ihr schelmisch zu. "Ich denke, du passt nur auf mich und nicht auf die Weihnachtskugeln auf." "Na ja", sagte Paul nur. Alma begann vor sich hinzusummen. Sie merkte es gar nicht, aber es war ein Frühlingslied - ausgerechnet im Dezember. Sie hatte gar nicht mehr an das Treckergedicht gedacht, das sie noch schreiben sollte. Da aber fiel ihr aus heiterem Himmel plötzlich ein Reim ein und sie fing an zu kichern. "Was ist so lustig?", fragte Paul. "Alle Trecker sind schon da, tolle, große, grüne. Sie brummen, fahren, hupen laut, schleppen, ackern, pupen auch. Alle sind nun irgendwo, nur einer nicht, der muss aufs Klo", antwortete Alma mit fröhlichem Singsang und musste sich vor lauter Lachen den Bauch halten. Paul fing auch an zu lachen, aber schon im nächsten Moment wurden die beiden übertönt. Trieben die Wichtel etwa schon wieder Schabernack? Alma stampfte wie ein Tyrannosaurus in den Flur und wäre fast auf eine Apfelsine getreten. "Jetzt ist aber wirklich genug. Zeigt euch, ihr Pups-Feiglinge!", rief Alma böse und wollte die Frucht aufheben. Aber was schoss denn da zwischen ihren Beinen durch, um der Apfelsine so einen dollen Schubs zu geben, dass sie mitten durch den Puderfleck bis zur Wohnungstür kullerte und eine Spur hinterließ, weiß wie eine Flugzeug-Landebahn am Nordpol? Das Kätzchen. Es hatte sich entweder mit den Wichteln verbündet oder es hatte die Orange mit einem Wollknäuel verwechselt. Alma rollte mit den Augen, ging zurück ins Wohnzimmer und beklagte sich bei Paul. "Hey", sagte der und hob beide Hände hoch. "Die Katze hast du mitgebracht." Das stimmte zwar, aber Alma fand, Paul hätte trotzdem besser aufpassen müssen. Wären die beiden etwas leiser gewesen, hätten sie das Gekicher auf dem Flur hören können und sie hätten gesehen, dass eine ganze Reihe Wichtel durch die Stubentür lugte. Einer saß auf der Schulter des nächsten und so reichte der kichernde Wichtelstapel bis zur Oberkante der Tür. Die Wichtel freuten sich, dass ihr Streich so gut gelungen war. Sie hatten ein ganzes Paket Mehl im Flur auf den Fußboden geworfen. Das war ziemlich schwer. Denn die Wichtel waren nicht größer als Mäuse und deswegen hatten alle kräftig mit anfassen müssen, sogar der kleine Willi, dessen Muskeln so schlaff waren wie Luftballons, die erst noch aufgepustet werden mussten. Aber wenn die Wichtel tief Luft holten, fest zusammenhielten und sich mächtig anstrengten, dann waren sie stärker als ein Bagger, ein Flugzeug und eine ganze Elefantenherde zusammen.